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05. August 2013

Duttis Sturkopf täte unserer Fraktion gut

In der Serie «Jungpolitiker über Dutti» beantworten fünf Nationalräte von CVP, FDP, Grüne, SP und SVP unter 35 Jahren dieselben acht Fragen. Diesmal mit Aline Trede (29), Nationalrätin Grüne, Bern

Aline Trede
Aline Trede (29), Nationalrätin Grüne, Bern. (Bild zVg)

Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie den Namen Gottlieb Duttweiler hören?

Die Migros und der Film, der über ihn gedreht wurde.

Wie stehen Sie zur Politik, die er zeit seines Lebens gemacht hat?

Mich beeindruckt, dass er keine Angst hatte, bei anderen Menschen anzuecken, zu diskutieren und für seine Meinung einzustehen. Das fehlt heute. Alle Politiker, vor allem die Bundesräte, sind aalglatte Menschen, die keine Ecken und Kanten oder eine schlechte Vergangenheit haben. Das vermisse ich. Ich glaube, ich hätte mich mit ihm gut verstanden.

Beeinflusst Duttweiler Ihre politische Arbeit oder die Art des Politisierens?

Wenn man mich nach Vorbildern fragen würde, hätte ich nicht ihn genannt. Aber es tut schon gut zu wissen, dass es Leute wie ihn gab, die mit dem Kopf durch die Wand gingen und heute Helden sind. Das hilft mir dabei, auch unpopuläre Meinungen zu vertreten.

Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm: «Wir glauben, dass in der kommenden Zeit nur ein Kapitalismus sich behaupten kann und muss, der sich über soziale Leistungen ausweist.» Stimmen Sie zu?

Er stellte den Menschen in den Mittelpunkt und prägte damit den sozialen Kapitalismus. Meiner Meinung nach braucht es den Kapitalismus zwar nicht, damit unsere Gesellschaft funktioniert. Seinen Solidaritätsgedanken und das soziale Engagement mit dem Kulturprozent bewundere ich dagegen schon. Heute vermisse ich diesen Grundzug, insbesondere bei den Löhnen der Angestellten, bei der Migros.

Duttweiler warf eine Fensterscheibe beim Bundeshaus ein, weil der Nationalrat einen Vorstoss verschleppte. Haben Sie auch noch einen kleinen Revoluzzer in sich?

(lacht) Ich hab kürzlich darüber gelesen. Ich finde es schade, dass so was heute nicht mehr vorkommt. Vielleicht muss man nicht gerade etwas kaputt machen, aber etwas mehr Mut täte der Politik gut. Mit meiner etwas anderen Art falle ich im Parlament schon auf und höre schon mal Sachen wie: «Hey, geits bi dir?»

Sehen Sie heute eine ähnliche Figur in der Schweizer Politik, wie sie Duttweiler war?

(Überlegt lange) Schwierige Frage. Otto Ineichen war vielleicht eine vergleichbare Person. Beispielsweise mit seinem Lehrstellenprojekt «Esperanza», um Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Aber mit mehr kapitalistischen Hintergedanken. Heutigen Unternehmern geht aber das soziale Gewissen zu sehr ab. Das Profitdenken steht zu sehr im Vordergrund. Die Situation bei grossen Unternehmen ist schon recht trist …

Bei welchen Themen würde er sich heute besonders engagieren?

Ich hoffe, er würde sich noch stärker gegen den überbordenden Zwischenhandel engagieren. Zudem wären ihm hoffentlich die Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern und Transparenz bei der Lebensmittelproduktion ein Anliegen. Ein transparentes Labelling hätte er sehrwahrscheinlich eingeführt.

Würde Gottlieb Duttweiler gut zu den heutigen Grünen passen?

(lacht) Das weiss ich nicht, dafür kenne ich seine Meinung zu Ökologie und Umweltschutz zu wenig. Aber als Charakter würde er der Fraktion sicher gut tun. Ich habe manchmal schon ein bisschen Mühe damit, regierungstreuer als regierungstreu zu sein, obwohl man gar nicht in der Regierung sitzt. Wir sollten mehr Unkonventionelles tun, da würde er wohl mithelfen.

In der Serie «Jungpolitiker über Dutti» beantworten fünf Nationalräte von CVP, FDP, Grüne, SP und SVP unter 35 Jahren dieselben acht Fragen. Die nächste Folge mit CVP-Nationalrat Martin Candinas .

Autor: Reto Vogt