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29. Juli 2013

«Dutti chauffierte mich im Topolino»

Als junger Mann war Hans Tanner Sekretär von Gottlieb Duttweiler. Im Interview erinnert sich der heute 81-Jährige an den Führungsstil, das grosse Charisma und das winzige Auto des Migros-Gründers.

Hans Tanner am Zürcher Limmatplatz
Hans Tanner am Zürcher Limmatplatz, wo er Dutti das erste Mal begegnet ist. (Bild: Tanja Demarmels)

Hans Tanner, mit 19 Jahren wurden Sie zu einem von vier Sekretären Gottlieb Duttweilers. Wie sind Sie damals zu dem Job gekommen?

Ich hatte eine Verwaltungslehre auf der Gemeindekanzlei Richterswil gemacht. Ernst Melliger, Duttweilers damaliger Chefsekretär, wurde auf mich aufmerksam, weil ich schnell stenografieren konnte. Das war damals etwas wert, weil es ja noch keine Diktiergeräte gab.

Hat Duttweiler mit Ihnen ein Einstellungsgespräch geführt?

Ein Gespräch kann man das nicht nennen, dafür hatte er zu wenig Zeit. Einen Tag lang wartete ich darauf, dass er mich in seinem Büro am Zürcher Limmatplatz empfangen konnte, ich ging nervös auf der Kornhausbrücke auf und ab. Als es dann so weit war, sah mir Duttweiler nur kurz ins Gesicht und fragte, ob ich Spass daran hätte, für die Migros zu arbeiten.

Sie haben dann von 1952 bis zu seinem Tod im Jahr 1962 für Gottlieb Duttweiler gearbeitet. Welche Aufgaben erfüllten Sie für ihn?

Gottlieb Duttweiler in den 50er-Jahren mit seinem Topolino.
Gottlieb Duttweiler in den 50er-Jahren mit seinem Topolino.

Wie war Gottlieb Duttweiler denn als Chef? Durfte man ihm auch mal widersprechen?

Er erwartete sogar, dass seine Mitarbeiter ihre eigene Meinung hatten. Ich war allerdings damals noch zu jung und hätte nicht gewagt, ihm zu widersprechen. Duttweiler war ja schon eine lebende Legende und auch physisch eine imposante Erscheinung. Beim Diktieren rauchte er übrigens oft seine günstigen Zigarren der Marke Churchill Morning, oft verschwand er dabei im Qualm …

Dabei duldete Duttweiler im Migros-Sortiment doch keinen Tabak und keinen Alkohol.

Das hatte damit zu tun, dass er zugleich ein Vollblut-Kaufmann und ein Idealist war. Sein Geschäftsmodell war ebenso einfach wie effizient: Er verkaufte gute Produkte zu günstigen Preisen und mit kleinen Gewinnmargen, dafür aber in grossen Stückzahlen. So rentierte die Migros, und die Schweizer Familien kamen zu Waren und Dienstleistungen, die sie sich zuvor nicht leisten konnten — seien es nun Bananen, Nylonstrümpfe, Sprachkurse oder Ferienreisen. Hätte Duttweiler diese Strategie auch auf Tabak und Alkohol angewendet, so hätte er Suchtmittel günstig unters Volk gebracht. Das wäre für ihn undenkbar gewesen.

Hat Gottlieb Duttweiler von seinen Mitarbeitern viel verlangt?

Er erwartete von seinen direkten Mitarbeitern eine totale Hingabe an die Idee Migros, so etwas wie Freizeit kannte er selber ja auch nicht. Meine Frau fragte mich damals ab und zu, ob ich eigentlich mit ihr oder mit der Migros verheiratet sei. Im Büro duldete Dutti keine Verschwendung, die Kosten hielt er eisern im Griff. Wenn er zum Beispiel ein Telegramm nach Amerika schickte, konnte er lange darüber brüten, wie sich der Text so kurz wie möglich formulieren liess. Jedes zusätzliche Wort kostete einen Franken mehr — und diesen Franken hätte die Migros für etwas anderes brauchen können.

Duttweiler ist als volksverbundener Unternehmer in Erinnerung geblieben. Ist dieses Bild zutreffend?

Er wollte den Konsumenten nahe sein. So setzte er sich zum Beispiel gern zur Mittagszeit in einer Migros-Imbissecke zu den Leuten. Er fuhr im Zug aus Prinzip in der dritten Klasse. Weil ich damals auch in Rüschlikon wohnte, hat Dutti mich manchmal in seinem Fiat Topolino nach Hause chauffiert, wobei es etwas schwierig war, neben ihm in dem winzigen Auto Platz zu finden. Mit anderen Worten: Er war wirklich volksverbunden, aber er hat diese Eigenschaft auch immer sehr gekonnt in Szene gesetzt. Er war ja nicht nur ein begnadeter Kaufmann, sondern auch ein gewiefter Massenpsychologe.

Trotzdem war Duttweiler auch immer wieder heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Wie ist er denn damit umgegangen?

Er legte sich zum Wohl der Konsumenten mit ganz verschiedenen Gegnern an — von Lädelibesitzern über Markenartikelfabrikanten bis hin zu übermächtigen Öltrusts. Dass ihn diese Konkurrenten auch persönlich attackieren würden, war ihm klar. Alle Gehässigkeiten schienen an ihm abzuprallen, solange er die Masse der Kundinnen und Kunden hinter sich wusste.

Autor: Michael West