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22. Oktober 2012

Durch nichts zu stoppen

Jean-Yves Michellod ist seit einem Lawinenunfall querschnittgelähmt. Das hält ihn nicht davon ab, über Pulverschneehänge zu schwingen und Gleitschirm zu fliegen.

Jean-Yves Michellod
Mit Mühe kann Jean-Yves Michellod heute wieder gehen. Seit über zwei Jahren fliegt er dank einem Spezialrollstuhl Gleitschirm.

Für den 36-jährigen Freerider Jean-Yves Michellod aus Versegères im Unterwallis gibt es ein Leben vor und eines nach dem Lawinenunglück. Vor dem Unfall kannte der waghalsige Abenteurer keine Grenzen und fühlte sich fast unbesiegbar. 2004 gewann er das extremste Freeride-Rennen der Welt, das Xtreme in Verbier. Doch dann wurde er 2006 auf einer Skiabfahrt durch die Nordflanke des Mont Fort von einer Lawine erfasst und mitgerissen. Er stürzte über einen Felsen, prallte 30 Meter tiefer rücklings auf Gestein, rollte den Steilhang hinunter und blieb auf dem Gletscherplateau liegen.

Jean-Yves Michellod: «Wenn man an eine Sache glaubt und auf ein Ziel hinarbeitet, dann kommt man auch Stück für Stück vorwärts und kann fast alles erreichen.»
Jean-Yves Michellod: «Wenn man an eine Sache glaubt und auf ein Ziel hinarbeitet, dann kommt man auch Stück für Stück vorwärts und kann fast alles erreichen.»

«Ich wusste sofort, dass ich gelähmt bin», sagt Michellod heute. Der Rücken tat ihm höllisch weh, und er konnte die Beine nicht mehr bewegen. Im Spital dann die Diagnose, die seine Vermutung bestätigte: Der erste Lendenwirbel war gebrochen und er querschnittgelähmt. «Ein Arzt sagte mir, dass ich nie mehr gehen könne. Und wenn, höchstens vom Bett zur Toilette.» Doch von diesen Negativprognosen liess sich Jean-Yves Michellod nicht entmutigen. Im Gegenteil, sie stachelten ihn erst recht an. Mit dem klaren Ziel vor Augen, das Spital gehend wieder zu verlassen, eisernem Willen und unterstützt von seiner Familie und Freunden kämpfte er sich zurück ins Leben. Er schaffte das schier Unmögliche. Nach fünf Monaten im Rollstuhl verliess er die Rehaklinik gehend.

Michellod geht staksig, aber auf eigenen Füssen durchs Leben

Heute sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an, dass er vom Unterleib an abwärts gelähmt ist. Mit einem kräftigen Händedruck empfängt der kecke 36-Jährige seine Besucher — freudestrahlend und stehend. Erst als er zum Auto geht, sieht man, dass Gehen für ihn ein Kraftakt ist. Er wiegt sich mit dem Oberkörper leicht von links nach rechts von einem Bein aufs andere. Sein unerbittliches Trainieren nach der Rückenoperation hat sich gelohnt. Er lernte, die Oberschenkelmuskeln wieder anzusteuern und zu kontrahieren. Er geht so zwar ein bisschen staksig, aber auf den eigenen Füssen wieder durchs Leben. Und das zählt!

Doch damit nicht genug. Jetzt hat der eigensinnige Vater dreier kleiner Kinder auch noch die Luft erobert. Seit gut zweieinhalb Jahren fliegt er in der wärmeren Jahreszeit Gleitschirm. Dies nicht als Tandempassagier, sondern ganz allein, wie ein Augenschein zeigt.

Seit über zwei Jahren fliegt Jean-Yves Michellod trotz seiner Lähmung Gleitschirm.
Seit über zwei Jahren fliegt Jean-Yves Michellod trotz seiner Lähmung Gleitschirm.
Zum Abheben und Landen dient ein tiefliegender, eigens konstruierter, dreirädriger Rollstuhl mit Karbonsitz, an dem der Gleitschirm fixiert ist.
Zum Abheben und Landen dient ein tiefliegender, eigens konstruierter, dreirädriger Rollstuhl mit Karbonsitz, an dem der Gleitschirm fixiert ist.

Am Hang von Les Ruinettes auf 2200 Metern oberhalb von Verbier liegen die bunten Gleitschirme der anderen Piloten fein säuberlich ausgebreitet. Als Jean-Yves mit seinem Freund Nicolas Terrettaz auf den Platz kommt, eilen weitere Helfer herbei. «Mich kennt hier jeder. Und alle helfen mir», sagt Jean-Yves Michellod dankbar. Zu Fuss starten kann er allerdings nicht. Zum Abheben und Landen dient ihm ein tiefliegender, eigens konstruierter, dreirädriger Rollstuhl mit Karbonsitz, an dem der Gleitschirm fixiert ist. Zwei Helfer halten sein Gefährt hinten und vorne fest, so lange, bis der Wind aus der richtigen Richtung und stark genug bläst. «Das Problem ist, dass ich nicht bremsen kann», erklärt Jean-Yves Michellod, dem die Anspannung sichtlich ins Gesicht geschrieben steht. «Wenn ich rolle, hilft nur noch beten», frotzelt er spitzbübisch, mit seinem unverwechselbaren Galgenhumor.

Sobald sich der Schirm mit Luft gefüllt hat und über Michellod steht, lassen die Helfer den Rollstuhl los.
Sobald sich der Schirm mit Luft gefüllt hat und über Michellod steht, lassen die Helfer den Rollstuhl los.
«Man soll sich nicht selbst limitieren», findet Draufgänger Jean-Yves Michellod.
«Man soll sich nicht selbst limitieren», findet Draufgänger Jean-Yves Michellod.

Der erste Startversuch endete im Gebüsch

Zuerst kommt es zu zwei Fehlstarts — die Helfer können ihn gerade noch rechtzeitig stoppen. Doch beim dritten Mal klappts. Der Schirm füllt sich gleichmässig mit Luft und kommt direkt über ihm zu stehen. Go! Die Helfer lassen den Wagen los, und Jean-Yves rollt 15 Meter den Steilhang hinunter, bevor er abhebt und in Richtung Tal davonschwebt. Dann schraubt er sich im Aufwind höher und höher zu den Wolken hinauf. Wie ein Adler fliegt er durch den scheinbar stahlblauen Himmel.

Nach einer Stunde Flug landet Michellod sanft wie eine Feder und kommt nach 20 Meter Ausrollen zum Stehen. Die Anspannung auf seinem Gesicht ist jetzt einem Freudestrahlen gewichen. Froh gelaunt erzählt er beim Zusammenpacken des Schirms, wie er sich fürs Fliegen begeisterte und sich von nichts und niemandem davon abbringen liess, seinen Traum wahr werden zu lassen.

Nicht einmal die Tatsache, dass er beim ersten Startversuch statt in die Luft zu gehen im Rhododendronbusch unterhalb des Startplatzes landete, konnte ihn stoppen. Oder dass er sich nach der ersten Flugsaison im Herbst 2010 bei einem missglückten Startversuch den Fuss brach, sodass er drei Monate nicht mehr gehen konnte und zurück in den Rollstuhl musste. Ein herber Rückschlag. Und für seine Frau, Stéphanie Michellod, ein unmissverständliches Zeichen, dass er aufhören sollte. Doch Jean-Yves Michellod beschied ihr: «Ohne Sport kann ich nicht leben!» Bald war er zurück am Starthang.

Hürden spornen ihn erst recht an. «Man soll sich nicht selbst limitieren», findet der Draufgänger. «Wenn man an eine Sache glaubt und auf ein Ziel hinarbeitet, dann kommt man auch Stück für Stück vorwärts und kann fast alles erreichen.» Wem würde man mehr glauben als ihm?

Unterdessen hat er über 100 Gleitschirmflüge absolviert. Er träumt davon, einmal um den grossen Mont Blanc herumzufliegen, wie es alle Piloten tun, die in den Hängen ob Verbier starten. Dass Jean-Yves Michellod auch das schaffen wird, steht ausser Zweifel.

Doch nun lockt bald wieder die Skisaison, auf die der angefressene Freerider sich jetzt schon riesig freut. Trotz des Hochgefühls beim Fliegen gibt es nichts, wofür sein Herz stärker schlägt als für eine Abfahrt durch einen unberührten Pulverschneehang. «Es ist das, was ich am besten kann», sagt Jean-Yves Michellod. Ganz nach dem Motto, nach dem er bisher immer lebte: einmal «skieur», immer «skieur»!

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Laurent de Senarclens