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27. Oktober 2014

«Dunkelheit macht uns verletzlich»

Die Nacht repräsentiert das Andere, ist unheimlich und verführerisch zugleich. Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen über den Zwiespalt der Nacht, gezähmte Monster und den Verlust der Ruhezeit. n der Nacht 'was Spezielles erleben? Lesen Sie auch die Kulturtipps der Redaktion.

Elisabeth Bronfen vor ihrer Bücherwand im Englischen Seminar an der Universität Zürich.
Elisabeth Bronfen vor ihrer Bücherwand im Englischen Seminar an der Universität Zürich.

Elisabeth Bronfen, die Nacht ist beängstigend und gleichzeitig verheissungsvoll. Woher kommt diese Ambivalenz?

Aus der Religion. In der biblischen Tradition walten in der Nacht die Mächte des Bösen. So ist der Teufel in der Dunkelheit besonders verführerisch. Gleichzeitig ist die ganze Geschichte Christi eine Nachtgeschichte: Christus wird nachts geboren, nachts kommen auch die Heiligen Drei Könige, und immer wieder finden ganz bedeutende Wunder nachts statt.

Warum weisen wir der Nacht eine solche Bedeutung zu?

Es hat sicher viel damit zu tun, dass unsere Sehkraft in der Dunkelheit so stark eingeschränkt ist. Das macht uns verletzlich und ängstlich. Christus aber ist die Verkörperung des Wortes Gottes und seiner Güte. Man hat also Gott in die Nacht eingeführt, um ihr ihre Bedrohlichkeit zu nehmen – und zwar in der Form Christi, der das göttliche Licht in die Nacht bringt. Sehr anschaulich dargestellt ist diese Symbolik im Passionszyklus von Rembrandt. In diesen Gemälden kommt die ganze Beleuchtung vom Körper Christi.

Wie sah das vor dem Christentum aus?

Die vorchristliche Vorstellung ist stark durch die griechische Göttin der Nacht geprägt. Nyx ist aus dem Chaos geboren und vereint sich mit Hades, dem Gott der Unterwelt. Aus dieser Verbindung entstehen Hypnos und Thanatos – also Schlaf und Tod.

Der Schlaf als kleiner Bruder des Todes.

Genau. In vielen Darstellungen hält Nyx den Schlaf und den Tod in den Armen. Dabei kommt auch ihre Mütterlichkeit zum Ausdruck. Die Nacht beschützt und bietet Ruhe zum Schlafen. Sie kann aber auch den Tod bringen. Die Nacht war schon damals zwiespältig.

Nacht über dem Rheintal bei Landquart.
Nacht über dem Rheintal bei Landquart.

Sind es Urinstinkte aus der Zeit ohne Elektrizität, die noch immer unsere Ängste vor der Dunkelheit antreiben? Oder gibt es heute noch Gründe, sich vor der meist hell ausgeleuchteten Nacht zu fürchten?

Da ist einerseits das kulturelle Erbe: Dinge aus der Vergangenheit wirken nach, weil wir sie unbewusst verinnerlicht haben. Andererseits gibt es auch in unserer modernen Welt reale Bedrohungen, die mit der Nacht verbunden sind. Einbrecher kommen meistens nachts, und längst nicht alle dunklen Orte sind ausgeleuchtet.

Haben Sie selbst Angst in der Nacht?

Oh ja. Ich könnte nachts nie über einen Friedhof gehen oder durch den Wald spazieren, nicht mal in Begleitung. Auch die Vorstellung, nachts durch ein Parkhaus zu gehen, macht mir sehr grosse Angst.

Wie kommt es, dass manche Menschen, auch Frauen, das ganz entspannt tun können?

Vielleicht ist es die Sozialisierung. Ich bin ein sehr urbaner Mensch. Ich kenne die Situation, nachts allein auf der Strasse zu sein, damit kann ich umgehen. Nachts allein im Wald war ich noch nie – darum kann ich mir viele schlimme Dinge vorstellen, die da passieren könnten.

Es gibt aus allen Sparten der Kunst Werke zur Nacht. Warum die intensive Beschäftigung mit diesem Thema?

Damit versuchen wir, die Angst vor der Dunkelheit zu bewältigen. Es ist ein Versuch, uns vom formlosen Nichts abzugrenzen – und damit auch uns selbst zu definieren.

Wie hat sich die Einstellung zur Nacht im Laufe der Zeit verändert: Gibt es so was wie einen Öllampen- oder Elektrizitätsknick?

Im Mittelalter war es dunkel. Aus jener Zeit stammt die Idee des Nachtwächters, der zur nächtlichen Orientierung die Stunden schlägt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts findet dann eine Erhellung der Nacht statt. Bisher war sie dem Adel vorbehalten gewesen, der sich schon damals leisten konnte, sie zu erhellen, nun demokratisierte sie sich, vorerst allerdings nur für das Bürgertum.

«Die Nacht beschützt. Sie kann aber auch den Tod bringen»: Elisabeth Bronfen.
«Die Nacht beschützt. Sie kann aber auch den Tod bringen»: Elisabeth Bronfen.

Hat dieser Wandel auch Spuren in Literatur und Kunst hinterlassen?

Parallel zur Erhellung der Nacht kommt die Sehnsucht nach der Dunkelheit. Die Schwarze Romantik mit ihrer Faszination für Geister und Dämonen, allesamt Gestalten der Nacht.

Vampire, Werwölfe und Monster aller Art ziehen auch heute noch zahllose Zuschauer und Leser in ihren Bann. Woher kommt das?

Es ist eine Form von Bewältigung: Man stellt sich das plastisch vor, wovor man Angst hat. Oft spielt auch Furcht vor der Natur und unseren Trieben mit: Vampire, Werwölfe und selbst Luzifer sind Zwittergestalten aus Mensch und Tier. Das Gefährliche und Verbotene wird dabei klar der Nacht zugeordnet. Sehr schön sieht man das bei Jekyll und Hyde: Tagsüber ist Jekyll der ordentliche Doktor, nachts das triebhafte Monster. Vielleicht ist das der Grund, warum Vampire gerade bei Kindern und Jugendlichen eine Renaissance erleben. Ihre Lebenswelt ist heute völlig durchstrukturiert, vom Frühenglisch bis zum Ballettunterricht.

Allerdings sind viele der heutigen Monster relativ zahm: Man denke an die Teenie-Vampir-Romanzen oder Pixars «Monster’s Inc.».

Man sagt, jede Epoche hat die Kunst, die sie verdient. Vielleicht muss man auch sagen: Jede Epoche hat die Vampire, die sie verdient.

Was sagen denn die heutigen Vampire über unsere Zeit aus?

Das ist jetzt vielleicht bösartig, aber ich sags trotzdem: Wir leben heute sehr, sehr kastriert. Alles ist geregelt und vorgeschrieben. Die ganze Welt ist vermessen. Es gibt keine Freiräume und dunklen Flecken mehr. Vielleicht ertragen wir deshalb selbst die Monster nur noch in einer kastrierten Form.

Der Mensch hat dank Strom die Nacht zum Tag gemacht. Ist uns da auch etwas verloren gegangen?

Dass wir den Sternenhimmel kaum noch sehen, macht mich wehmütig. Auch weil wir die Nacht noch immer brauchen, als Gegenpol zum Tag. Nachts verarbeitet unsere Psyche das Erlebte, und der Körper kann sich im Schlaf erholen. Wir können nicht einfach immer nur leisten und produzieren. Der Tag ist ohne die Nacht nicht denkbar, der Morgen nicht ohne den Abend. Dabei ist gerade auch die Übergangszeit vom Tag in die Nacht wichtig. Die Dämmerung ist die Zeit für Wandel und Klärung. All die Erschöpfungskrankheiten unserer Zeit haben wohl auch mit dem Verlust der Nacht zu tun. Es ist ja nicht nur so, dass wir jederzeit alles können, auch andere können jederzeit etwas von uns wollen.

Welche Kulturleistungen haben wir der Nacht zu verdanken?

Die Wichtigste ist wohl die Erzeugung von Licht, vom Lagerfeuer bis zur LED-Leuchte. Und dann jede Form von Kunst, die mit Licht zu tun hat. Die Malerei etwa beginnt mit Nachtbildern, weil sie dem Künstler erlauben, Licht zu malen. Zudem finden viele kulturelle Tätigkeiten nachts statt oder in abgedunkelten Räumen, sei es Kino, Theater oder Oper. Nicht zu vergessen das Nachtleben und die ganze Festkultur. Viele Feste finden explizit im Dunkeln statt. Manche erreichen ihren Höhepunkt sogar mit einem Feuerwerk, bei dem die Nacht zur riesigen Leinwand wird, auf der mit Licht gemalt wird.

Die Nacht setzt kreative Kräfte frei. Schiller oder Virginia Woolf litten unter Schlaflosigkeit und schrieben vor allem nachts.

Kafka und E.T.A. Hoffmann gehören auch dazu. Beide hatten eigentlich ein schrecklich langweiliges Leben und ­haben nachts diese irrsinnigen Texte geschrieben. Die Nacht regt einerseits die Vorstellungskraft an, anderseits fördert sie die Kreativität, weil es ruhig ist und man weniger abgelenkt wird.

Arbeiten Sie auch nachts?

Ich schlafe unheimlich gern und bin eher ein Morgenmensch. Allerdings feile ich nachts oft gedanklich an meinen Texten. Am Morgen stehe ich dann auf und schreibe das Gedachte nieder.

Sie arbeiten derzeit an einem Kochbuch. Entsteht das auch im Bett?

Ich habe Hunderte von Kochbüchern zu Hause, und die nehme ich tatsächlich oft mit ins Bett. Das ist meine Pornografie, wenn Sie so wollen: Ich lese sie, stelle mir die Gerichte und Gewürze vor – und das versetzt mich dann jeweils in einen glücklichen Schlaf.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Marco Zanoni