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31. Dezember 2012

Dümmer als früher?

Die Zahl der Sonderschüler wächst rasant. Lässt die Intelligenz der Kinder nach, oder liegt das Problem bei den überforderten Lehrern?

Sonderschüler
Die Anforderungen an Schüler sind gestiegen: Deshalb sind auch mehr 
Begleitmassnahmen nötig. (Bild: Mauritius Images)

Die Zahl der Sonderschüler hat sich in den vergangenen zehn Jahren in den Kantonen Zürich und Luzern beinahe verdoppelt, in Kantonen wie Bern und Schwyz sind sie um die Hälfte gestiegen. Die Gründe für den massiven Anstieg sind vielfältig: «Einerseits weiss man heute im Vergleich zu früher viel mehr über auftretende Störungsbilder, diagnostiziert genauer und ist sensibler gegenüber der Thematik», sagt Martin Sassenroth, stellvertretender Direktor des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik. «Andererseits muss man auch selbstkritisch feststellen, dass wohl ein höheres Angebot an ausgebildeten Fachkräften die Nachfrage nach der Dienstleistung erhöht.»

Hat ein Kind Lernschwierigkeiten oder ist es verhaltensauffällig, lassen Lehrpersonen das Kind schneller von Sonderpädagogen abklären. Auch finanzielle Gründe spielen bei der Zunahme der Sonderschüler eine Rolle: Die einzelne Schule wird entlastet, da Kanton und Gemeinde für die Kosten zuständig sind.

Die heutigen Schüler sind nicht grundsätzlich auffälliger. «Aber die Anforderungen an die Kinder sind viel höher, und die Kindheit ist komplexer geworden», sagt Martin Sassenroth. Das Unterrichten ist ebenfalls schwieriger. Die Lehrpersonen müssen heute leistungsschwache Kinder im Klassenverband integriert unterrichten und sie spezifisch fördern — eine grosse Herausforderung. «Wenn den Lehrpersonen nicht genügend Begleitmassnahmen zur Verfügung gestellt werden, riskiert man deren Überforderung. So wird eine schnelle Überweisung der Problemschüler an die Sonderschule nachvollziehbar», sagt Sassenroth.

Trotz zunehmender Zahl von Sonderschülern werden unsere Kinder nicht etwa dümmer. Im Gegenteil. «Das Niveau ist auf allen Stufen höher, das zu erlernende Wissen vielfältiger», sagt Sassenroth. Fächer wie Informatik gab es beispielsweise in der «guten alten Zeit» in der obligatorischen Schule noch gar nicht.

Autor: Claudia Langenegger