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24. August 2015

Duelle

Alte Frau mit Rollator
Noch ist alles friedlich, aber auf dem nächsten Trottoir droht bei Gegenverkehr mit Kindern der High Noon. (Bild iStockPhoto)

Die alte Dame ist in Fahrt. Und zwar im doppelten Wortsinn. Obwohl sie eigentlich nicht mehr gut zu Fuss ist, sind ihre Schritte für einmal fest und entschlossen. Sie hält mit ihrem Rollator direkt auf die kleine Gruppe zu, die ihr auf dem Trottoir entgegenkommt.
Eine Mutter, Baby im Buggy, zwei Kleinkinder auf Laufvelos im Schlepptau.
Die Alte reckt ihr Kinn vor und zieht die Augenbrauen zusammen. Ihre Körpersprache ist eindeutig: Wollen wir doch mal sehen, wer hier wem zuerst Platz macht. Alt gegen Jung, Seniorengefährt gegen Kinderwagen, Anstand gegen Anarchie. Wie doof, dass das Trottoir an dieser Stelle nicht breiter wird.

Ich gebe zu: Ich liebe solche Momentaufnahmen. Sie verraten mehr über unsere Gesellschaft als sämtliche soziologischen Studien. Deswegen bleibe ich stehen und beobachte das Schauspiel. Es ist wie in einem Western: Gleich, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, wird es auf dem Trottoir zum Showdown kommen.

Natürlich werde ich belohnt. Die Mutter ist offensichtlich kampferprobt. Sie macht es spannend und schert erst im letzten Moment aus. In ihrer Geste liegt nichts Aggressives. Es ist eher ein Statement: Ja, ich mache Platz, aber genau genommen gehört das Trottoir uns beiden. Und ein Lächeln würde dir gut zu Gesicht stehen. Dann wendet sie sich in Gedanken wieder wichtigen Dingen zu, denkt an die Einkaufsliste und an das Nachtessen. Die Kleinkinder bekommen von all dem nichts mit. Sie rollen gedankenverloren hinter ihrer Mutter her – und paddeln schnurstracks auf die alte Dame zu.

Ich halte die Luft an … es wird spannend. Uff, nix passiert, die Ausweichmanöver sind geglückt.
Statt sich zu freuen, dass ihr Oberschenkelhals noch heil ist, flippt die Seniorin nun aus. Es beginnt ein endloses Gezeter. Die Worte kommen sehr schnell, vermutlich weil sie sie daheim vor dem Badezimmerspiegel geübt hat. Zusammengefasst sagt sie ungefähr: lange genug geschwiegen, Ärger hinuntergeschluckt, jetzt Schluss. Unfähige Eltern, weder Respekt noch Autorität, vermehren sich wie die Karnickel, ungezogene Bälger, kosten uns alle nur Geld, vermutlich auch noch Ausländerpack.
Am Schluss sagt sie noch «Saugoofen». Die beiden Kleinen auf den Velos machen grosse Augen und wissen nicht, wie ihnen geschieht. «Mami, die alti Frau hätt es verbotnigs Wort gseit. ‹Sau› dörf mer nöd säge, gäll, Mami?»

Autor: Bettina Leinenbach