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23. November 2015

Duell am Greifensee

Bänz Friedli schreibt an Roger Köppel
Bänz Friedli schreibt an Roger Köppel.

Ach, Roger, du warst ein Lustiger, als ich dich kennenlernte vor vielen Jahren, es müssen über zwanzig sein. Listig lugtest du hinter dicken Brillengläsern hervor, ein Sprücheklopfer warst du, nicht brillant, wie nun alle einander abschreiben, aber lustig. Auch streitlustig. Wir schrieben für verschiedene Zeitungen, damals; ich attestierte der US-Rockband Pearl Jam «liturgische Feierlichkeit», du mokiertest dich: «Die Kritik faselt von liturgischer Feierlichkeit.» Und frästest die Band in einer Konzertbesprechung in Grund und Boden. Weil mir das Konzert gefallen hatte, pro­testierte ich – worauf du mich zum Duell am Greifensee im Morgengrauen auffordertest.

Bänz Friedli (50) an Roger Köppel
Bänz Friedli (50) an Roger Köppel

Stattdessen wurde es dann ein Zmittag im «Sprüngli» – wir beide waren viel zu jung für das Lokal an der Bahnhofstrasse, aber das ­gefiel dir: das Klassische, Noble –, wir redeten über alles Unmögliche, nur nicht über Pearl Jam. Und heute muss ich gestehen, dass du vermutlich recht hattest: Es war ein bisschen anstrengend, wie feierlich die Band sich gebärdete, wie ergriffen sie ob der eigenen Ernsthaftigkeit war. Aber dir ging es ohnehin nie um das, worüber du gerade berichtetest, sondern um Aufmerksamkeit, Kitzeln, Provokation. Dir gefiel es, eine andere Meinung zu vertreten.

Glöckchen-Symbol
Glöckchen-Symbol

«Man soll sich nicht zu wichtig nehmen.» Passt. Zu Pearl Jam. Und zu dir, Roger Köppel. Den Satz hat deine neue Kollegin Natalie Rickli über dich gesagt. Nun rückst du kommende Woche zu deiner ersten Session ein. Und mich dünkt, du habest die Lustigkeit verloren. Mit heiligem Ernst hast du dich im Wahlkampf in Märtyrerpose geworfen, hast du betont, du hättest ja eigentlich gar keine Zeit für Politik, du wollest nur kurz nach Bern: für eine Kurskorrektur.
Ganz à la «Wenn ich es nicht mache, machts ja keiner».

In der Nationalratswahl magst du abgeräumt haben. Aufräumen wirst du nicht in Bern. Wer in testosterongeladenem, herkulischem Heldenstil als Einzelner eine «Richtungskorrektur» vornehmen will, verkennt unser System. Mehr noch: Er denkt undemokratisch. Niemand kann allein den Gang der Schweiz ändern, unserem ausbalancierten System sei Dank.

Umso mehr betrübt es mich, dass du künftig noch weniger Zeit mit deinen drei kleinen Kindern verbringst. «Ich muss daheim auf mein Wahlplakat schreiben ‹Papi hat euch lieb›, damit sie nicht vergessen, wie ich aus­sehe», hörte ich dich am Fernsehen sagen. Das mag kokett gewesen sein, aber es ist auch ­traurig. Du willst in Bern den Retter spielen – und verpasst die besten Jahre, die man mit Kindern erleben kann. Schade. Man kann so viel lernen von Kindern. Und es so lustig mit ihnen haben. 

Bänz Friedli live: 25. 11., Zug; 28. 11., Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli