Archiv
26. Mai 2014

Du gehörst zu uns

Irena aus Odessa war ein Heimkind. Seit kurzem hat das Mädchen neue Eltern und eine neue Heimat. Das Migros-Magazin hat Familie Leupin auf der monatelangen und beschwerlichen Suche nach ihrem zweiten Adoptivkind begleitet.

Jetzt sind sie endlich zu viert: Martina und Andreas Leupin mit ihren beiden ukrainischen Adoptivkindern Elias (5) und Irena (3). «Wir sind unendlich dankbar und würden all die Mühen immer wieder auf uns nehmen.»
Jetzt sind sie endlich zu viert: Martina und Andreas Leupin mit ihren beiden ukrainischen Adoptivkindern Elias (5) und Irena (3). «Wir sind unendlich dankbar und würden all die Mühen immer wieder auf uns nehmen.»

Martina Leupins Weg führt vorbei an tristen Plattenbauten aus sozialistischen Zeiten, über breite Strassen, auf denen die ausrangierten Schrottkarren aus Westeuropa fahren. In der ukrainischen Hafenstadt Odessa dringt der Wind vom Meer her bereits Anfang November kalt und rau in jede Häuserritze. Herrenlose Hunde lungern auf dem Trottoir herum – auch sie Verlierer der neuen Welt in Europas Osten –, ausgesetzt von denen, die sie nicht mehr ernähren können. Die junge Frau läuft weiter, vorbei an Grossmüttern, die am Strassenrand Fische und Spielzeug verkaufen, um ihre monatliche Rente von 96 Franken aufzubessern. An einem der Stände kauft sich Martina Leupin einen Anorak, Grösse 98. Nach 25 Minuten hat die 40-Jährige aus Kirchdorf AG ihr Ziel endlich erreicht: Odessas Waisenheim «Nr. 3».

Dokumente und Geduld

«Sonne» steht in kyrillischen Buchstaben über der Tür geschrieben. Martina Leupin klingelt und zeigt einen handgeschriebenen Zettel vor, der sie als Adoptivmutter von Irena ausweist. Immer dasselbe Spiel. Obwohl hier inzwischen jeder Martina kennt, muss sie immer diesen verknickten Wisch vorweisen. «Ohne Dokumente läuft in der Ukraine gar nichts.»

Spielzeit: 160 ukrainische Kinder im Alter bis sechs Jahre warten hier auf adoptionswillige Eltern aus aller Welt.

Seit fünf Tagen sind Martina und Andreas Leupin die rechtlichen Eltern von Irena. Aber bis sie ihr Kind in die Schweiz mitnehmen können, sind noch viele Dokumente zu beglaubigen. «Wer ein Kind adoptieren will, braucht vor allem Geduld», so das Fazit der neuen Eltern, die zwar unendlich glücklich sind, dass sie ihr Mädchen endlich bekommen haben, sich das ganze Adoptionsverfahren aber etwas einfacher gewünscht hätten. 15Minuten später öffnet sich die Tür, und Irena wird rausgeschoben. Da steht es nun: das knapp dreijährige Mädchen in Trainingshosen, Winterjacke, hochhackigen Sommerschuhen und einer so tief ins Gesicht geschobenen Mütze, dass seine Augen kaum zu sehen sind. In der Hand festumklammert das erste Geschenk seiner neuen Eltern, eine Babypuppe. Manchmal kann es Martina immer noch nicht fassen, dass dieses kleine Mädchen, auf das sie so lange warten musste, jetzt ihre Tochter ist. Vor fünf Tagen haben sie und ihr Mann das Mädchen offiziell per Gerichtsbeschluss in Odessa adoptiert. Der Vater flog anschliessend in die Schweiz zurück, die Mutter muss noch die zehntägige Einsprachefrist abwarten. Erst dann darf sie Irena nach Kiew mitnehmen, wo die Papiere für ihre endgültige Ausreise fertiggestellt werden.

Mutter und Tochter besuchen den Park des Kinderheims. Die nächsten zwei Stunden gehören nur ihnen beiden. Irena spricht noch wenig Russisch und ihre Mutter eine Sprache, die sie nicht versteht. Trotzdem redet Martina konsequent Schweizerdeutsch mit Irena, die beim Wort Banane bereits leuchtende Augen bekommt. «Wetsch e Banane?», fragt Martina, und Irena greift in deren Tasche. Das Mädchen hat einen für viele Heimkinder typischen Futterneid. Jede Tasche, jeden Papierkorb durchsucht sie nach Essensresten. Obwohl die Kinder im Waisenheim «Nr. 3» ausreichend und gut ernährt werden, hat es eine Zeit im Leben von Irena gegeben, in der sie Hunger leiden musste – die Zeit, als sie noch bei ihrer leiblichen Mutter lebte, der man das Sorgerecht entzog, als Irena sechs Monate alt war.

Seither lebt das Mädchen im Waisenheim zusammen mit rund 160 anderen Kindern, die zum Grossteil von Ausländern adoptiert werden. Ukrainer selbst haben zwar Vorrang, sind aber ein nicht sehr adoptionsfreudiges Volk. «Wir kümmern uns um die eigene Familie. Fremde Kinder gehören nicht dazu», begründet die Dolmetscherin Larissa die Haltung ihrer Landsleute. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ist in der Hafenstadt am Schwarzen Meer die Welt in Gewinner und Verlierer aufgeteilt.

Viele der Kinder sind Aids-Waisen

Zu den Verlierern zählen eindeutig die Frauen: erst die Arbeit verloren, dann dem Alkohol verfallen, mit Drogen experimentiert, sich prostituiert – ein Kind geboren. Das Kind, unerwünscht, wird gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben – für viele Frauen der einzige Ausweg. Natürlich träumen alle von einem besseren Leben. Partnerschaftsinstitute werben auf Plakaten mit reichen Männern aus dem Westen. Für junge Frauen ist eine solche Heirat der einzige Hoffnungsschimmer, dem trostlosen Leben zu entfliehen.

Mit den Männern aus dem Westen kam aber auch Aids ins Land. Die Ukraine hat mit 1,4 Prozent die höchste HIV-Quote Osteuropas. Viele der im Heim gestrandeten Kinder sind Aids-Waisen.

Schnell wie ein Wiesel rennt Irena durch den Garten, schaut immer wieder, ob Mama ihr folgt. Erste zarte Annäherungsversuche zwischen Mutter und Kind. «Wart Irena», ruft Martina, aber Irena wartet nicht. Warum auch? Sie versteht ihre Mutter nicht – noch nicht. Da taucht Irenas beste Freundin Ilona auf. Sie wurde vor ein paar Tagen von Spaniern adoptiert und bleibt im Heim, bis die Ausreisepapiere zusammengestellt sind. Ilonas leibliche Mutter starb an Aids, der Vater ist unbekannt.

Ilonas neue Eltern haben die Plattenbauwohnung direkt neben den Leupins gemietet. Für die nächsten Tage sind sie Nachbarn. Mit Hilfe von Händen, Füssen und einem Übersetzungscomputer unterhalten sich die Eltern, sie versprechen einander, ihren Kindern zuliebe in Kontakt zu bleiben. Doch so weit wird es nicht kommen. Ilonas Eltern bringen das Kind kurze Zeit später wieder ins Waisenheim zurück, weil es im Taxi mehrmals erbrochen hat. «Ich muss in Spanien viel Auto fahren und kann kein Kind brauchen, das Autofahrten nicht verträgt», so die Begründung derMutter. Inzwischen ist die Adoption vor Gericht rückgängig gemacht worden, und Ilona lebt wieder im Waisenheim.

Adoption ist kein Einkaufsbummel

Keine der anwesenden Adoptiveltern, die aus Israel, Amerika, Spanien, Frankreich und der Schweiz stammen, kann diese Entscheidung verstehen. Alle haben Mitleid mit Ilona und würden sie am liebsten mit nach Hause nehmen. Aber so einfach ist das leider nicht.

Eine Adoption ist kein vergnüglicher Einkaufsbummel. Bis sich der Kinderwunsch erfüllt, durchleben die Eltern in den meisten Fällen eine Odyssee bestehend aus Warten, Hoffen und Machtkämpfen mit bürokratischen Institutionen.

Die ehemalige Praxisassistentin Martina und Physiker Andreas Leupin wussten schon, als sie vor fast acht Jahren heirateten, dass sie auf natürlichem Weg kaum Kinder kriegen würden. «Schon bald dachten wir an Adoption.» Für eine Adoption in der Schweiz waren die Leupins mit Mitte 30 und Anfang 40 aber schon zu alt. Also kam nur noch eine Auslandsadoption in Frage. Von Anfang an stand auch fest, dass dies legal geschehen sollte. Im April 2002 besuchten sie erstmals eine Informationsveranstaltung vom Bureau genevois d’adoption (BGA), der ältesten und mit jährlich rund 40 Adoptionen der grössten Vermittlungsstelle für Auslandsadoptionen in der Schweiz. Dort empfahl man die Ukraine, weil die Abwicklung korrekt und relativ komplikationslos ablaufe. Die Leupins informierten sich waren schnell fasziniert von Land und Leuten.

Spiessrutenlauf durch die Bürokratie

«Eine Schwangerschaft dauert neun Monate, eineAdoption meist länger», sagtMartinaLeupin. Und sie weiss,wovon sie spricht.Auch den heute fünfjährigen Sohn Elias hat das Paar vor knapp vier Jahren in der Ukraine adoptiert. Elias war hellauf begeistert, als seine Eltern ihm eröffneten,dass sie noch ein Schwesterchen holen würden. «Wir suchen jetzt eine Schwester für mich», erzählte er freudestrahlend allen.

Im Februar 2007 hatten die Leupins endlich alle Dokumente zusammen – den Sozialbericht, die provisorische Pflegeplatzbewilligung, ein Auszug aus dem Straf- und Eheregister, Arztzeugnis,Verdienstbescheinigung, Arbeitsbescheinigung, Motivationsbericht, provisorische Einreisebewilligung vomMigrationsamt. Im Mai kam dann der lang ersehnte Anruf aus Kiew. «Es ist so weit, wir haben grünes Licht vom Adoptionsamt in Kiew», berichtete Dolmetscherin Larissa am Telefon. Andreas Leupins Arbeitgeber genehmigte zwei Monate Urlaub, und zusammen mit Elias reisten sie am 10. Juni nach Kiew in der Hoffnung, in spätestens zwei Monaten mit Elias’ kleiner Schwester heimzukehren.

Lauter Fotos von Schwerstbehinderten

Bereits einen Tag nach der Ankunft werden sie ins Adoptionsvermittlungsbüro in Kiew gerufen. Hier kommen die Unterlagen aller adoptierbaren Kinder aus der Ukraine zusammen. Leupins werden Dossiers von Kindern mit starken Behinderungen vorgelegt: Herzfehler und deformierte Köpfe – die Folgen vonAlkoholproblemen der Mutter in der Frühschwangerschaft. «Mami, was sind das denn für Kinder? », fragt Elias entsetzt.

Seifenwunder: Irena staunt, fliegende Seifenblasen hat das Mädchen aus Odessa noch nie erlebt. In den nächsten Monaten wird es täglich neue kleine Wunder erleben.

Die Leupins kennen den Ablauf bereits von ihrer ersten Adoption her. Auch damals wurden ihnen erst behinderte Kinder gezeigt. «Aber wir wollten kein Kind mit Behinderung, das ging klar aus unseren Unterlagen hervor.» Enttäuscht kehrt die Familie an diesem Abend in ihre Kiewer Mietwohnung zurück. Noch 50 andere adoptionswillige Paare stehen vor ihnen auf der Warteliste. Um dem tristen Warten zu entfliehen, beschliesst die Familie, ein paar Tage ans Schwarze Meer zu fahren. Aber durch die Ukraine zu reisen erweist sich als sehr beschwerlich.

Wieder zurück in Kiew, erfahren die Leupins, dass sie auf der Warteliste von der 50 auf die 12 vorgerückt sind – also nur noch zwölf Familien vor ihnen, die ebenfalls ein Mädchen unter zwei Jahren adoptieren wollen. Über ihre Dolmetscherin Larissa bleiben sie in ständigem Kontakt mit dem Adoptionsamt – aber es kommen keine neuen Dossiers von kleinen Mädchen herein. «Es sind Sommerferien, und die Arbeit bleibt liegen», so die offizielle Begründung seitens der Behörden.

Zeitweise werden sie den Verdacht nicht los, dass bei der ganzen Sache Korruption im Spiel ist. Aber sie sindmachtlos. «Mit Schmiergeld wollten wir unser Kind nicht kaufen.» Auch wenn die Leupins ungern über Geld reden, verraten sie doch, dass die Adoption von Elias inklusive Flüge und Unterkunft etwa 15 000 Franken gekostet hat. «Das wird aber ein teures Schwesterlein», scherzt Larissa bereits nach einem Monat erfolglosen Wartens.

Nach zwei Monaten kehrt die Familie ohne zweites Kind in die Schweiz zurück. Immerhin ist sie auf der Warteliste bereits auf Platz drei vorgerückt. Die Leupins beschliessen, ihren Antrag auf Adoption zu erweitern. Sie wollten zwar ein Mädchen bis zwei Jahre adoptieren, aufgrund der Situation sind sie aber bereit, die Altersgrenze zu erhöhen. Nach fünf Minuten entschieden Am 1. Oktober wieder ein Anruf aus Kiew. Es liege bereits ein Dossier für sie bereit. In Kiew erfahren sie, dass ein knapp dreijähriges Mädchen in Odessa auf sie warte. Martina und Andreas steigen in den nächsten Nachtzug und reisen von Kiew ins 500 Kilometer entfernte Odessa. Am nächsten Morgen sehen sie Irena im Heim zum ersten Mal. «Uns blieben zwar fünf Tage Zeit, um uns für oder gegen Irena zu entscheiden, wir wussten aber schon nach fünf Minuten, dass sie zu uns gehört.»

Nach einer erneuten Wartezeit in der Schweiz reist das Paar Ende Oktober zum Gerichtstermin nach Odessa, wo ihnen Irena am 31. Oktober offiziell nach ukrainischem Recht per Gerichtsbeschluss zuerkannt wird. Nach Schweizer Recht behält das Mädchen noch ein Jahr lang den Status eines Pflegekinds, bevor auch hier die Adoption rechtskräftig wird. Die Eltern geben ihr den Zweitnamen Alina. Irena muss noch die zehntägige Einsprachefrist im Heim abwarten, bevor sie endgültig in ihre neue Heimat ausreisen darf. Entwickelt man für sein Adoptivkind sofort Muttergefühle? «Ich habe ja keinen Vergleich, glaube aber, dass ich für ein leibliches Kind die gleichen Gefühle hätte», ist Martina überzeugt. Irena, bisher in einer Welt ohne Männer aufgewachsen, war sofort ein grosser Fan ihres Papas. «Das war für mich nicht so einfach», gesteht Martina. «Aber als Irena mich nach der ersten gemeinsamen Nacht in den Arm nahm und mich ganz fest drückte, da kamen mir die Tränen. Das war der Moment, der unsere Verbindung endgültig besiegelte.»

Endlich zu Hause!

Ankunft am Flughafen Zürich: Irena trifft zum ersten Mal ihren Bruder Elias. Mutter Martina weint vor Glück nach all den Strapazen.

Am 24.November kann Martina endlich mit Irena nach Zürich fliegen. Halb Kirchdorf AG weiss von der Ankunft. Alle wollen das Mädchen sehen, begrüssen, umarmen. Der Kleinen gilt die volleAufmerksamkeit, zumLeidwesen von Elias, der erst ein wenig mit Eifersucht reagiert. Aber er weiss auch die Vorzüge zu schätzen. «Ich werde dich immer beschützen», verkündet er, «dafür stellst du mich später deinen Freundinnen vor.»

Der lange Weg einer Reise in ein neues Leben kann endlich beginnen. Nicht ganz ohne Schwierigkeiten wird er verlaufen. Aber diese haben die Eltern miteinkalkuliert. Auf ihrer Willkommenskarte, die Martina und Andreas anstelle einer Geburtsanzeige verschickten, steht: «Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen man wartet! Es ist schön, dass du jetzt bei uns angekommen bist, willkommen daheim, Irena!».

Erstmals veröffentlicht am 25. Mai 2004.

Autor: Anette Wolffram Eugster

Fotograf: Toni Suter