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30. Mai 2016

Roman Droux: Power für das Dach der Welt

Der Berner Filmemacher und Geograf baut mit den Einwohnern eines Hochgebirgsdorfs in Tadschikistan ein Kleinwasserkraftwerk. Das Projekt versorgt die Gegend mit erneuerbarer Energie und setzt dem Waldraubbau ein Ende.

Roman Droux
Roman Droux Im Hof seines Filmateliers in Bern.

Seit Wochen ist die Turbine für das Kraftwerk auf dem Lastwagen unterwegs in Richtung Basid in Tadschikistan. Noch mindestens eine weitere Woche wird es dauern, bis sie das Bergdorf im Pamir erreicht hat. Die letzten Kilometer werden lang und beschwerlich sein, weil erst kürzlich ein Erdbeben den Boden der Gegend erschüttert und ganze Dörfer zerstört hat. «Bald ist es so weit», sagt Roman Droux (40). «Die Bevölkerung wartet schon sehnlichst darauf.»

Vor vier Jahren hat der Berner Filmemacher und Geograf das Projekt in Angriff genommen: den Bau eines kleinen Wasserkraftwerks für die Bevölkerung eines abgelegenen Hochtals im Pamirgebirge.
Gerade erst hat er den von der Internationalen Alpenschutzkommission (CIPRA) verliehenen Solidaritätspreis erhalten.

Die Region im Pamirgebirge ist karg, die Menschen sind bitterarm, die Winter eisig kalt – Temperaturen von minus 30 Grad sind keine Seltenheit. Die Pamiri kochen und beheizen ihre Lehmhäuser oft mit den letzten Resten Holz, die sie in der Umgebung finden. «Ich habe gesehen, wie Bewohner im Winter ihren eigenen Stall verbrannten, um kochen und ihre Hütte wärmen zu können. Oder wie sie sogar ihre eigenen Fruchtbäume verheizten», erzählt Roman Droux. «Sie sind stundenlang unterwegs, um kleine Büsche zu pflücken.» Das soll sich nun ändern.

Der Berner sitzt in seinem Atelier nahe der Aare und zeigt auf dem Computer Bilder der überwältigend schönen Landschaft. Der Pamir ist Teil des «Daches der Welt», der höchstgelegenen Region in Zentralasien, und bedeckt die Hälfte von Tadschikistan. Es waren die Berge, die ihn vor 15 Jahren in den Pamir zogen. Roman Droux wollte damals mit Freunden zwei Siebentausender besteigen. Doch schon bald zogen ihn auch die Bewohner in den Bann: «Die Menschen, die ich dort getroffen habe, sind unglaublich», schwärmt er. «Sie haben mich enorm berührt mit ihrer Neugier, ihrer offenen Art und ihrer Gastfreundschaft.»

Zuerst das Dorf touristentauglich machen ...
Die Begeisterung für die Menschen in Tadschikistan hat Roman Droux seither nicht mehr losgelassen. «Sie öffnen dir ihr Haus, egal, woher du kommst. Sie laden dich zum Essen ein, obwohl der karge Boden kaum etwas hergibt und nur knapp für die Familie reicht. Sie sind unglaublich hilfsbereit; sie begleiten dich, vermitteln Kontakte – und tun dies aus lauter Herzlichkeit, nicht etwa gegen Geld», sagt er.

Die entlegene Region um das Dorf Basid.
Die entlegene Region um das Dorf Basid: Bald liefert ein Kraftwerk Strom.

Während seines Geografiestudiums an der Universität Bern verbrachte Droux im Rahmen eines Forschungsprojekts mehrere Monate im geliebten Pamirgebirge; für die Recherchearbeiten zu seinem Masterthema «Energieknappheit, natürliche Ressourcen und nachhaltige Entwicklung von Gebirgsregionen» konnte er dorthin zurückkehren. Schon damals war für ihn klar: «Ich will den Menschen etwas zurückgeben.» Die Frage war bloss, was und wie.

«Viele Bekannte und Freunde fragten mich: ‹Nimmst du mich einmal mit nach Tadschikistan?›» Dafür hatte der zweifache Familienvater und Filmemacher weder Zeit noch Musse. Allerdings war damit die Idee zur Vermittlung von sogenannten Homestay-Ferien geboren. Das Konzept: Familien in Basid beim Einrichten ihrer Häuser zu unterstützen, um sie touristentauglich zu machen. «Wir listeten die Minimalanforderungen auf – etwa ein Plumpsklo und einen Ort zum Händewaschen.» Denn das ist in den Lehmhütten im Pamir alles andere als Standard.

Ein Teil der Einnahmen, die durch die Aufnahme von Feriengästen erwirtschaftet werden, fliessen in die Gemeindekasse, damit das ganze Dorf vom Tourismus profitieren kann. Unterstützung bot und bietet dabei stets Droux’ Freund Farrukh (41), ein gebürtiger Pamiri und ebenfalls Geograf, der in der Hauptstadt Duschanbe wohnt und fliessend Englisch spricht.

... dann die Idee mit der Turbine umsetzen
Doch Roman Droux räumt sogleich ein: «Tourismus kann nie nachhaltig sein, auch in dieser Variante nicht.» Es musste also noch mehr passieren. Und so liess man die Dorfbewohner eine Liste mit ihren dringendsten Wünschen und Bedürfnissen aufstellen. Eins dieser Anliegen war, den altersschwachen Dieselgenerator aus Sowjetzeiten aufzurüsten. Das brachte den Berner schliesslich auf die Idee mit der Turbine. «Infolge der Gletscherschmelze gibt es in dieser Region jede Menge Wasser», erklärt Droux. «Also dachten wir uns: Warum nicht gleich eine Turbine installieren und damit Strom aus lokaler und erneuerbarer Energie erzeugen?

Das war vor vier Jahren. In der Zwischenzeit hat Roman Droux gemeinsam mit seiner Partnerin Annlis von Steiger (40) und Freunden den Verein «PamirLink» gegründet und Geld gesammelt, zusammen mit Fachleuten geplant, das Projekt entwickelt und die Idee in die Tat umgesetzt.

Statt, wie ursprünglich geplant, eine Occasionsturbine zu verwenden, mussten sie eine neue in Auftrag geben. «Sinnvoll ist nur eine Turbine, die genau auf die Wassermenge und die Fliessgeschwindigkeit abgestimmt ist», sagt Droux. Die Dorfbewohner von Basid haben in der Zwischenzeit einen kleinen Teil des Bachs umgeleitet, einen 800 Meter langen Kanal gemauert und die Druckleitung für die Turbine gebaut. Im Juni ist es so weit: Gemeinsam mit den Einheimischen und interessierten Fachkräften, etwa Studenten der Hydroenergie, Mechanikern und Ingenieuren, installiert Droux die Turbine und den dazugehörigen Generator.

Ganz zufrieden ist Droux aber nicht: «Im Sinne eines nachhaltigen Projekts sollte es eigentlich möglich sein, die Turbine im Land zu bauen – und keine so grosse Distanz von mehr als 7000 Kilometern zurücklegen zu müssen.» In ganz Tadschikistan gibt es aber noch keinen Handwerker oder Ingenieur, der eine Turbine dieser Art auch hätte bauen können. Das soll sich künftig ändern: «Wir wollen den Menschen in der Region das entsprechende Wissen vermitteln, damit sie ihre Turbinen selbst herstellen können.»

Einige Projekte sind schon umgesetzt
Noch ist das Zukunftsmusik. In anderen Bereichen hingegen konnte Roman Droux mit dem Verein PamirLink einiges erreichen. So arbeitet er gemeinsam mit den Dorfbewohnern am Projekt Wiederaufforstung: Bereits haben sie Gebiete ausgezont, Bäume gepflanzt und festgelegt, wer sie bewässern und laufend betreuen soll – sonst wächst in dieser trockenen Höhe nichts nach. «Unsere Unterstützung ist nur dann fruchtbar, wenn die örtliche Bevölkerung eng in die Projekte einbezogen wird», erläutert Droux.

Ausserdem hat das Projektteam mit Unterstützung des Vereins einen solarbetriebenen Gemeindebackofen gebaut, das Gerberhandwerk wiedereingeführt und begonnen, erneut Pferde als Nutztiere anzusiedeln – die letzten Tiere hatten während des Bürgerkriegs, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Tadschikistan und den Pamir erschütterte, ihr Leben lassen müssen: Die Bewohner hatten sie in ihrer Not geschlachtet, weil es kaum noch andere Lebensmittel gab.

Das nächste grössere Projekt steht schon an. «Unser Kleinkraftwerk produziert genug Strom. Wir wollen die Leitungen nun auch ins Nachbardorf Dorj ziehen», so Droux. Noch fehlt das Geld. Er hofft, es mit Unterstützung aus der Schweiz bald gesammelt zu haben. Eins steht fest: Der Pamir und seine Leute werden Roman Droux nicht mehr loslassen. 

Infos
www.pamirenergie.ch
www.pamirlink.org

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Marco Zanoni