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28. Oktober 2013

Dresden ‒ historisch und doch jung

Städtereisen boomen in der Schweiz. Bei den Eidgenossen ist Dresden besonders beliebt. Bekannt ist die sächsische Hauptstadt vor allem für ihre historische Altstadt. Doch die Metropole hat viel mehr zu bieten als das. Auf Spurensuche im pulsierenden Neustadt-Quartier.

Die berühmte Altstadt Dresdens an der Elbe
Die berühmte Altstadt Dresdens an der Elbe: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Schweizer Besucher um 70 Prozent auf über 30'000 pro Jahr gestiegen. (Bild: Jorg Greuel)


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Lecker, lecker, lecker». Was sich anhört wie ein alter Traktormotor entpuppt sich als Inder, der am BRN-Fest sein «Chicken Tikka» anpreist. BRN steht für «bunte Republik Neustadt». Neustadt nennt sich der lebendigste Stadtteil Dresdens, den Touristen vor lauter Sehenswürdigkeiten in der historischen Altstadt mit Semperoper, Zwinger und Frauenkirche oft links liegen lassen. Seit 1990 wird traditionell am dritten Juniwochenende dieses Stadtteilfest ausgerufen, das aus politischen Forderungen gegen Spekulation, Mietzinswucher und Vertreibung der Bewohner hervorgegangen ist und sich heute als Nachbarschafts-, Kunst- und Kulturfest versteht. Oder einfacher gesagt: als riesige Strassenparty, die bis in die frühen Morgenstunden dauert, mit Tausenden von Menschen und der Alaunstrasse als Epizentrum. Dort brutzeln vielerorts Thüringer Bratwürste, an einem anderen Stand wird ein ganzes Schwein grilliert, und ein paar Meter weiter gibts indisches Essen, Bier für zwei Euro oder Caipirinha zu 3.50 Euro. Wenn dann auch noch die Kugel Glace nur einen einzigen Euro kostet, hat man als Schweizer fast schon ein schlechtes Gewissen. Das Preisniveau in Ostdeutschland bewegt sich selbst im europäischen Vergleich auf tiefstem Niveau.

Junge Leute sitzen auf Stühlen und einem Sofa auf der Strasse am Kulturfest.
Immer am dritten Juniwochenende: Das Nachbarschafts-, Kunst- und Kulturfest «bunte Republik Neustadt» .

Wer das BRN-Fest verpasst, kann in Katy’s Garage — Bar, Club und Biergarten in einem — ein wenig Neustadt-Gefühle schnuppern. In diesem Lokal wird übrigens jeden Mittwoch ab 20 Uhr zum Älternabend geladen, der Party für ­Leute ab 25.

Im «Tal der Ahnungslosen» lebten die DDR-Punks

Dass das BRN-Fest 1990 erstmals ausgetragen wurde, ist kein Zufall: Es war das Jahr nach der Wende in Deutschland, als die sächsische Hauptstadt Dresden, zuvor Teil der DDR, erstmals den Duft der Freiheit atmen durfte. Vorher wurde Dresden vom Westen als «Tal der Ahnungslosen» verspottet, weil die Dresdner weder Westfunk noch -TV empfangen konnten. Neustadt war zur Zeit des kommunistischen Ostdeutschlands auch das Zuhause der DDR-Punks.

Heute ist Dresden der Wohnort von Yvette Thüring (63), die zusammen mit ihrem Mann erst letztes Jahr von Mexiko-Stadt hierhergezogen ist. Yvette Thüring ist Hoteldirektorin des neuen Swissôtels, das sich in der Altstadt befindet und im April 2012 als bestes Haus am Platz eröffnete — fünf Sterne mit Zimmerpreisen teilweise unter 100 Euro!

Neustadt bietet einen erfrischenden Kontrast zur historischen Innenstadt. - Yvette Thüring

Die Baslerin lobt: «Die lebendige Dresdner Neustadt mit ihren Restaurants und Geschäften bietet einen erfrischenden Kontrast zur historischen Innenstadt. Dresden ist ein kulturell kaum zu überbietender Ort, der sich ständig weiterentwickelt.» Ihre neue Heimat, die den Übernamen Elbflorenz trägt, habe gerade Kunst- und Kulturliebhabern viel zu bieten. Nächstes Jahr beispielsweise finden diverse Anlässe rund um den 150. Geburststag von Richard Strauss statt. Thüring erwähnt das Historische Grüne Gewölbe, die Schatzkammer des Kurfürsten August des Starken, und das von Daniel Libeskind neu gestaltete Militärhistorische Museum. Beim Zwinger ist das Restaurant Alte Meister untergebracht, wo man auf hohem Niveau tafelt www.altemeister.net.

Yvette Thüring in der Lobby «ihres» Swissôtels,
Yvette Thüring in der Lobby «ihres» Swissôtels, das 15 Gehminuten vom Stadtteil Neustadt entfernt ist.

«Über die Stadtgrenzen hinaus gibt es ebenso viel zu entdecken. Das Schloss Moritzburg ist wie die Sächsische Schweiz oder das für sein Porzellan bekannte Meissen ein wunderbares Ausflugsziel.» Die Hoteldirektorin, die auch schon in den USA, China, Brasilien, Ecuador, Holland, England und eben in Mexiko gearbeitet hat, rät zudem zu einem Ausflug mit dem Velo entlang der Elbe bis zum Schloss Pillnitz. Der topfebene Elberadweg führt bis zur tschechischen Grenze. Yvette Thüring sagt: «Ich schätze die Sachsen als sehr angenehme und fröhliche Menschen.»

Für einen ersten Überblick auf die Altstadt, die am Ende des Zweiten Weltkriegs zu 90 Prozent zerbombt war, sollte man den rund 100 Meter hohen Hausmannsturm hochgehen. Er befindet sich quasi vis-à-vis des Swissôtels und sorgt für einen Rundumblick auf die Stadt, die Elbe und das Elbetal mit all den Ausflugsmöglichkeiten, die Hotelière Yvette Thüring vorschlägt.

Die nördlichste Weingrossstadt und der schönste Milchladen

Dresden ist die nördlichste Weingrossstadt Europas. Winzer Lutz Müller beispielsweise baut seine Reben vor den Toren der Stadt an, hoch über der Elbe, und lädt im Oktober und November an Sonn- und Feiertagen zu «Weine mit Weitblick, Flammkuchen mit Liebe» ein. Das drei Hektar grosse Weingut, das nach dem Winter wieder öffnet (Termine im Internet unter winzerlutzmueller.de), lässt sich einfach mit dem Bus der Linie 8 ab Albertplatz erreichen. Wer bei der Haltestelle Elbschlösser aussteigt, kann gleich noch die dortigen drei Prunkbauten aus dem 19. Jahrhundert bestaunen.

Auf dem Rückweg ins Stadtzentrum sollte die 1880 gegründete Pfunds Molkerei an der Bautzner Strasse 79 mit 250 Quadratmetern handbemalten Fliesen auf dem Programm stehen. Sie nennt sich zu Recht «schönster Milchladen der Welt» und befindet sich bereits im Stadtteil Neustadt. Unbedingt kaufen: Dresdner Christstollen! In Fussdistanz, am Albertplatz, steht das Erich-Kästner-Museum, das auf den wohl berühmtesten Dresdner der Neuzeit eingeht. Der Schriftsteller sagte über sich, er sei immer ein Kind der Königsbrücker Strasse geblieben. Diese verläuft mitten durch Neustadt. Kästners Humor zeigt sich mit der Aussage über die Dresdner Spezialität aus Hefeteig, Quark- und Scheckenmasse: «Die Eierschecke ist eine Kuchensorte, die zum Schaden der Menschheit auf dem Rest des Globus unbekannt geblieben ist.»

Autor: Reto E. Wild