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30. September 2013

Dreiecksbeziehung

Für einmal sind nicht die berühmten Tenöre die Stars ‒ sondern Menschen wie Triangelspieler Hans-Peter Achberger, die dafür sorgen, dass eine Opernaufführung reibungslos abläuft.

Schlagzeuger Hans-Peter 
Achberger
Der am Konser
vatorium Zürich 
ausgebildete Schlagzeuger Hans-Peter 
Achberger entlockt dem Triangel die schönsten Klänge.

Hans-Peter Achberger eilt aus dem Zimmer der Schlagzeuger über die Treppe auf die Bühne. Er trägt Frack und Fliege. Sein Atem geht schnell. Aus dem Orchester-graben dringt bereits Musik. Achberger ist zu spät. Zu allem Übel verirrt er sich hinter der Bühne. Kaum hat er einen der schwarzen Vorhänge beiseitegeschoben, steht er vor dem nächsten. Er weiss: Gleich kommt sein Einsatz — und er ist noch immer nicht an seinem Platz im Orchestergraben.


DER START ZUR OPERNSERIE: Das Porträt einer Requisiteurin und das Interview mit dem Direktor. Zum Artikel


Das ist einer der Albträume, die den Perkussionisten regelmässig zum Saisonende, im Juli, heimsuchen. Dann, wenn der Druck abfällt und er für einen Monat in die Ferien kann.

Für den Triangel braucht man Fingerspitzengefühl

Zu spät an seinem Platz erschienen ist Achberger noch nie. Und eigentlich müsste er längst keine Angst mehr haben, dass er seinen Einsatz verpassen könnte. Denn der 50-Jährige ist ein Vollprofi: Studium am Konservatorium Zürich, rund 30 Jahre Berufserfahrung, darunter 18 Jahre Festanstellung am Opernhaus Zürich, 100-Prozent-Pensum. Im Graben ist er ganz bei der Musik, lässt sich mittragen auf ihrem Strom — und weiss genau, wann das Orchester an die Stelle kommt, wo der Triangel erklingen oder die Trommel wirbeln muss. «Wir Schlagzeuger, vier sind wir insgesamt, sind immer am Warten. Ich glaube, das verstärkt die Furcht vor einem Fehler», erklärt sich der Musiker die Kapriolen seines Unterbewusstseins.

Hans-Peter Achberger hat gar nichts Gestresstes oder gar Gehetztes in seinen Zügen: Er wählt seine Worte bedächtig, seine Bewegungen sind präzise — er scheint die Gelassenheit in Person zu sein.

Selbst durch Provokation kann man ihn nicht aus der Ruhe bringen: Herr Achberger, den Triangel könnte jeder spielen! Er lächelt leise und meint: «Das ist schön, wenn die Leute im Saal das so sehen. Musik ist für alle da.» Zudem sei Musik wie Essen: Man müsse nicht wissen, was der Koch in der Küche genau macht. Hauptsache, man könne das Gericht geniessen.

Später entkräftet Achberger das Vorurteil vom banalen Job des Triangelspielers elegant: Er schwärmt vom Klang des klingenden Dreiecks, der sich ändert, je nachdem, wie fest, wo und mit welchem Stab man es schlägt. Der Mann am Triangel braucht viel Fingerspitzengefühl. Sogar die Beschaffenheit des Fadens, an dem man das Instrument hält, spielt eine Rolle.

Achberger spielt alle möglichen Schlaginstrumente: Xylophone, Vibraphone, Pauken, Tschinellen, Tamburine, Schellenbäume — und manchmal bearbeitet er auch Styropor. Letzteres setzte er ein, um einen gewalttätigen Übergriff in «Drei Schwestern» von Peter Eötvös akustisch zu untermalen. «Kein schönes Geräusch.»

Zuweilen sitzt der Klangkünstler gar nicht im Graben, sondern bezieht hinter der Kulisse oder im Keller Stellung und produziert dort Kanonenschüsse, Donnerkrachen oder Glockenklänge. «Das ist eine Herausforderung, denn abseits vom Graben fehlt mir der Kontakt zum Orchester und zu den Sängern.»

Ein Orchester ist mehr als die Summe seiner Teile

Lieber sind Achberger sowieso die leisen Töne, insbesondere die metallischen: Der Klang des Triangels zum Beispiel ist für ihn wie aus einer anderen Welt: «Seidig-silbern schwebt und schimmert er über allem, als ob jemand aus der Ewigkeit herüberleuchten würde.»

Aber, Herr Achberger, würden Sie nicht lieber die erste Geige spielen? «Die erste Geige ist wunderschön, aber ohne all die anderen Instrumente wäre auch sie bloss eine einsame Geige.» Ein Orchester sei mehr als die Summe seiner Teile.

In diesem grossen Ganzen aufzugehen, ist für Achberger das Schönste, was ihm sein Beruf gibt: «Wenn ich meinen Kollegen zuhöre, gehe ich ganz im Klang auf und lasse mich von der Kraft der Musik elektrisieren. Das macht mich glücklich.»

Und warum, Herr Achberger, üben Sie Ihren Beruf ausgerechnet in der Oper aus? «Da müssen nicht nur die Musiker absolut präzise arbeiten, sondern auch die Beleuchter, die Statisten, die Requisiteure. Es fasziniert mich immer wieder von Neuem, wie so etwas Komplexes so perfekt funktionieren kann.»

Autor: Andrea Freiermuth