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13. Februar 2017

Drei Schweizer Filme an den Oscars

Noch nie waren so viele Schweizer Filme für die Oscars nominiert. Gleich drei Regisseure machen sich Hoffnungen auf den wichtigsten Filmpreis der Welt. Der Zürcher Timo von Gunten ist einer von ihnen. Er geht mit seinem Kurzfilm «La Femme et le TGV» ins Rennen.

Jane Birkin in von Guntens Film
Jane Birkin spielt in von Guntens Film eine Frau, die seit 40 Jahren den TGVs zuwinkt, die an ihrem Haus vorbeifahren. (Bild: Innovative Eye)

Für die Oscar-Verleihung am 26. Februar sind gleich drei Filme mit Schweizer Beteiligung nominiert: «Ma vie de courgette» von Claude Barras (44) in der Sparte Animationsfilm, «La Femme et le TGV» von Timo von Gunten in der Sparte Kurzfilm und der von der Schweiz koproduzierte Dok-Film «I Am Not Your Negro» des Haitianers Raoul Peck (63) in der Sparte Dokumentarfilm.

Am meisten Nominierungen in der Geschichte des Schweizer Films, nämlich fünf, erhielt 1948 «The Search», eine schweizerisch- amerikanische Koproduktion. Gewonnen haben die begehrte Statue der Academy of Motion Picture Arts and Sciences schliesslich der Drehbuchautor Richard Schweizer (1900–1965) und der damals elfjährige Schauspieler Ivan Jandl.

Der erfolgreichste Schweizer Oscar-Jäger ist der Produzent Arthur Cohn (90). Nach offizieller Lesart ist er dreifacher OscarGewinner als Produzent in der Sparte Dokumentarfilm. In seinem Besitz befinden sich jedoch sechs Trophäen, da drei weitere Filme, die er produziert hat, einen Oscar als bester fremdsprachiger Film gewonnen haben. In dieser Kategorie ehrt die Akademy aber immer das Land beziehungsweise den Film als Ganzes und nicht einzelne Sparten oder den Produzenten.

Der bisher einzige Schweizer Academy Award für die Regie ging 1991 an Xavier Koller (72) für das Flüchtlingsdrama «Reise der Hoffnung», das wie «The Search» und «La Femme et le TVG» auf einer wahren Geschichte beruht.

«Ich habe Fehler gemacht, bin gescheitert und hartnäckig geblieben»

Timo von Gunten (27), Regisseur und Drehbuchautor aus Zürich.
Timo von Gunten (27), Regisseur und Drehbuchautor aus Zürich. Er besuchte nie eine Filmschule. Seine ersten Filmversuche machte er im Alter von zehn Jahren.

Timo von Gunten (27), Regisseur und Drehbuchautor aus Zürich. Er besuchte nie eine Filmschule. Seine ersten Filmversuche machte er im Alter von zehn Jahren.

Sie sind seit Anfang Februar in Los Angeles. Wie fühlt sich das an?

Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl. Extrem aufregend. Am Flughafen von Los Angeles wurde ich vom Grenzbeamten gefragt, was mein Aufenthaltsgrund in den USA sei. Ich sagte, dass ich für den Oscar nominiert sei. Der Beamte war sehr interessiert und fragte mich nach meinem Film. Ich gab ihm einen Flyer von «La Femme et le TGV», und er versprach mir, ihn auf iTunes anzuschauen. Über die Jahre hat man ja nicht nur Erfolg, sondern auch viele Misserfolge und unzählige Absagen. Die Nominierung gibt einem die Bestätigung, nicht alles falsch gemacht zu haben. Das ist super. Es gibt mir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Haben Sie Ihre Dankesrede schon geschrieben?

Nein. Nach der Bekanntgabe der Nominierung wurden der Produzent Giacun Caduff und ich von Terminen überhäuft. Wir mussten 150 E-Mails täglich beantworten und waren total überfordert damit. Über die Rede denken wir erst in einer Woche nach.

Was erwartet Sie an der Verleihung? Und wen möchten Sie unbedingt treffen?

Wahrscheinlich grosser Trubel, sehr viele Interviews und all das. Den Produzenten Harvey Weinstein würde ich gerne treffen. Er ist eine Ikone in Hollywood. Ich bin sehr neugierig, ob er wirklich so ist, wie ihn viele beschreiben.

Wie wird er denn beschrieben?

(lacht) Ich drücke es mal so aus: Er gilt als Maschine.

Der neue US-Präsident Donald Trump ist derzeit ein Dauerthema. Viele Stars haben ihren Unmut über ihn geäussert, zum Beispiel Meryl Streep in ihrer Dankesrede an den Golden Globes. Was halten Sie davon?

Ich glaube, alle werden eine politische Dankesrede vorbereitet haben. Ich bin nicht sicher, ob wir mit unserem romantischen Film und als Nichtamerikaner ein politisches Statement zu Trump abgeben sollten. Giacun und ich werden uns das noch überlegen. Es ist schon ziemlich bedenklich, was in den USA abgeht. Wahrscheinlich werden es die politischsten Oscars überhaupt.

Wen werden Sie zur Verleihung mitnehmen?

Wir gehen mit unseren Mitproduzenten Bela Böke und Jean de Meuron hin. Ich wollte, dass Jane Birkin mich begleitet. Aber sie kann leider nicht, weil sie gerade auf Tournee ist.

Jane Birkin spielt die Hauptrolle in «La Femme et le TGV». Wie konnten Sie sie dafür gewinnen?

Als der Acting Coach Giles Foreman und ich ein Foto von Jane Birkin sahen, waren wir uns sofort einig, sie anzufragen. Über eine Pariser Casting-Direktorin, die Giles kennt, konnten wir Kontakt zu Birkins Agenten aufnehmen. Die Geschichte gefiel ihr so gut, dass sie zusagte.

Sie haben nie eine Filmschule besucht. Warum nicht?

Ich bin nicht angenommen worden. Also habe ich mir viele Filme angeschaut und Dinge ausprobiert, habe Fehler gemacht, bin gescheitert und hartnäckig geblieben.

Wie wird sich die Nominierung auf Ihre Filmkarriere auswirken?

Die Nominierung hilft sicher beider Entwicklung meiner nächsten Projekte. Die Türen werden sich leichter öffnen.

Können Sie etwas über Ihr nächstes Projekt sagen?

«The Man, who saw the Eiffel Tower» heisst der nächste Film, in dem ich Regie führe. Es ist eine wahre Geschichte über den Hochstapler Victor Lustig in den 1920er-Jahren. Das Drehbuch habe ich mit einer Autorin aus Los Angeles geschrieben.

Autor: Andrea Freiermuth, Jessica Black