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22. Mai 2017

Dreck stärkt das Immunsystem

Kinder von klein auf mit Erde spielen zu lassen, ist sinnvoll. Denn intensiver Kontakt mit Mikroorganismen hilft, Allergien zu vermeiden.

«Dräckle» ist gut für die Gesundheit
Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben: «Dräckle» ist gut für die Gesundheit. (Bild: iStockPhoto)

Emma krabbelt über den Gartenboden, greift ins Beet, erwischt etwas Erde – und rein in den Mund damit. «Kind! Nein! Nicht Dreck essen, das ist schlecht, ruft ihre Mutter, als sie das sieht. Zu spät. Aber egal: Für einmal liegt Mami falsch. «Meh Dräck» ist nämlich gut fürs Kind – Dreck hilft bei Allergien.

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Mehr Dreck soll gesund sein: Lassen Sie das Kind im Dreck spielen, Dreck in den Mund nehmen – oder: wann schreiten Sie ein?


Präventiv wirken deshalb Daumenlutschen und Nägelkauen, wie eine neuseeländische Studie von 2016 zeigt. «Unter den Nägeln und auf der Haut befinden sich verschiedene Mikroorganismen und Dreck», weiss Sereina de Zordo (30), Projektleiterin im «aha! Allergiezentrum Schweiz». «Und häufiger Kontakt mit unterschiedlichen Bakterien, Krankheitserregern und Mikroben stärkt das Immunsystem.»

Dass Schmutz gut ist, belegte schon eine Schweizer Studie in den 90er-Jahren: Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, erkranken weniger oft an Atemwegsallergien als Stadtkinder, so das Ergebnis.
Erklären lässt sich das durch den Kontakt mit Stalltieren und die grosse Variabilität von Mikroorganismen auf Höfen.

Sauberkeit begünstigt Allergien
«In der Stadt ist man anderen Belastungen ausgesetzt», sagt Sereina de Zordo. Dazu zählen etwa Autoabgase oder Industriemissionen. «Sie können die Symptome von Atemwegsallergien verstärken.» Vor allem aber ist unser Alltag zu sauber. Was als Fortschritt in Sachen Zivilisation gilt – moderne sanitäre Anlagen, fliessendes Wasser, Hightech-Kühlschränke – ist in Sachen Allergieprävention kein Plus. Kleinkinder werden viel weniger mit Krankheitserregern und Mikroben konfrontiert, die körpereigene Abwehr neigt schneller zu Überreaktionen auf harmlose Stoffe – zu Allergien.
Vor 100 Jahren litt nur etwa ein Prozent der Bevölkerung an einer Pollenallergie, heute sind es 15 bis 20 Prozent.

Leider hilft es nicht, Stadtkinder einfach mal auf den Bauernhof in die Ferien zu schicken – der Kontakt mit Dreck muss über einen längeren Zeitraum stattfinden. «Prävention beginnt im Mutterleib», sagt Sereina de Zordo. Verbringt eine werdende Mutter viel Zeit im Stall, sei das ein grosser Vorteil.

Daumenlutschen und Nägelkauen sind indes keine ultimativen Wundermittel. Allergien bleiben eine äusserst komplexe Angelegenheit. Denn es gibt Faktoren, die ebenso stark oder noch stärker auf das Immunsystem wirken: Genetische Faktoren, das Klima und psychosoziales Befinden sind genauso entscheidend wie das Training des Immunsystems.

TIPPS: Allergien vorbeugen

Neugeborene mindestens vier Monate lang stillen

Kinder regelmässig und häufig draussen spielen lassen

Bei Kindern auf Desinfektionsspray verzichten

Ruhig Blut bewahren, wenn das Kind einmal Dreck in den Mund bekommen hat

Gratisbroschüre zur Allergieprävention: auf aha.ch

Autor: Claudia Langenegger