Archiv
14. Dezember 2015

Drama und Drill

«Wir Brückenbauer»-Titelseite vom Mai 1958
Die «Wir Brückenbauer»-Titelseite vom Mai 1958.

Hochaktuell, diese Titelseite. Von «dramatischen Ereignissen in Paris» ist die Rede, weiter unten wird dargelegt, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit zu mehr Produktivität führe: «Angestellte und Arbeiter fühlen sich frischer und holen aus der Arbeitszeit wesentlich mehr heraus!» Auf Seite zwei dann schreibt «euer Briefkastenonkel» einer Frau, die ihren neun Jahre jüngeren Bräutigam zwar nicht liebt, sich von ihm jedoch wirtschaftliche Stabilität erhofft: «Ich kann dir zur Heirat nicht zuraten.» Daneben ein Kommentar: Das zweigeteilte Deutschland müsse dringend wiedervereinigt werden …

Kolumnist Bänz Friedli (50).
Kolumnist Bänz Friedli (50).

Zwischen Forderung und Fakt liegen allerdings 31 Jahre. In Händen halte ich nämlich den «Brügglipuur» vom 30. Mai 1958. Der Schriftzug ist mir noch vertraut aus meiner Jugend: «Wir Brückenbauer» – wobei die Buchstaben so variiert sind, dass sie eine ­Brücke dar­stellen. Durchaus anheimelnd auch die Unterzeile: «Wochenblatt des ­sozialen Kapitals» (das steht übrigens heute noch im Impressum dieser Zeitung, und es dünkt mich eine unvermindert gute Losung).

Aber die Ausgabe, die mir eine Leserin aus dem Seeland geschickt hat, aufgestöbert im Haus ihrer Mutter, bedeutet dann doch eine Zeitreise in unbekanntes Gebiet, denn 1958 war ich noch nicht auf der Welt. Laut Anzeige kostete das Migrol-Qualitätsbenzin damals 46 Rappen pro Liter, wohingegen ein Kühlschrank («Alpina», 80 Liter Fassungs­ver­mögen) kaum billiger war als heute: 345 Franken. Eine Sybil berichtet von der Weltausstellung in Brüssel: «Ich hoffe nur, dass der friedliche Geist, der auf diesem kleinen Flecken unter den einzelnen Nationen und Völkern herrscht, auch nach der Expo draussen in der grossen Welt beibehalten werden kann!» Brüssel? Ist heute ­alles ­andere als Symbol für friedliches Mit­einander. Mein Neffe Lukas durfte dort vorige Woche nicht zur Schule gehen – Terrorgefahr.

Eine ganze Seite widmet das Blatt dem Hauswirtschaftsunterricht. Über die Frage, ob er stupiden Drill bedeute oder hilfreich sei, wird in Zuschriften debattiert. «Meinen Töchtern und ihren Kamerädlein war der Hauswirtschaftsunterricht ein Graus und Kreuz», notiert Frau W. in B., «mir war un­erklärlich, dass die Kinder im Takt blochen, den Geschirrlappen auf umständliche Art ­falten und den Staublappen aufwärts zusammenlegen mussten – Spitzfindigkeiten, die im Leben draussen wirklich keinen Wert haben.» Andere mahnen, es gebe nun mal mühselige Arbeiten im Haus, doch auch die müssten erledigt sein. Aber keine einzige Zuschrift erwähnt, dass es sinnvoll wäre, besagten ­Unterricht auch für Burschen einzuführen.
Heute sind wir «weiter». Leider: Die «Husi» ist vielerorts für Mädchen abgeschafft statt auch für Buben eingeführt worden.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

Hörkolumnen bei iTunes

Hörkolumnen mit RSS-Client

Website: www.baenzfriedli.ch

Bänz Friedlis Facebook-Auftritt


Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli