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08. April 2013

Dosen pflastern seinen Weg

Stefan Frey sammelt seit seiner Kindheit Getränkedosen. Mit über 63 000 Exemplaren besitzt er die grösste Dosensammlung Europas. Ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht. Sein Traum: ein eigenes Museum.

Dose Stefan Frey
Das ist eine der «Tennent's Lager Ladies», einer Biermarke aus Glasgow. Diese Pin-up-Edition aus dem Jahre 1986 gab es bis vor fünf Jahren noch zu kaufen.
Dosensammler Stefan Fery in seinem Kinderzimmer mit über 63'000 Exemplaren.

Die grösste Dosensammlung Europas gehört Stefan Frey (35) und steht am Thunersee. «Um alle seine Büchsen aufzustellen, würde nicht einmal ein Einfamilienhaus reichen», sagt Vater Fritz Frey. In Stefan Freys altem Kinderzimmer in Spiez BE stapeln sich Sondereditionen von Getränkedosen aller Art: DJ Bobo, die Backstreet Boys, Disney-Figuren, Fussballer und Olympia-Athleten zieren Cola, Fanta und Pepsi. Die restlichen rund 60 000 Büchsen — Energydrinks, Süssgetränke und Bier — lagern in einem Bunker zehn Minuten von Stefan Freys Elternhaus entfernt.

Stefan Frey wäre kein echter Sammler, wenn er sich damit zufrieden geben würde. In seiner Wohnung in ­Basel hortet er die Fundstücke aus der Sammelstelle am Rheinhafen. Dafür hat er extra eine Sondergenehmigung er­halten: «So darf ich ungeniert wühlen.» Findet er Dosen, die er noch nicht hat, nimmt er sie mit nach Hause und wäscht sie sorgfältig aus. Bis zu fünf Stunden wendet er täglich für sein Hobby auf: Er schreibt Getränkevertreiber und Brauereien an und versucht an limitierte ­Editionen heranzukommen. Oder er schwingt sich auf sein Velo und ver­bindet eine Sammeltour mit Sport.

Ein Swissair-Pilot schickte ihm exotische Dosen aus aller Welt

Stefan Freys Begeisterung für Dosen erwachte bereits im Kindergarten: Auf einem Ausflug fand er eine Büchse der Biermarke Tuborg. Von da an gab es kein Halten mehr. «In der Denner-Filiale unter uns im Haus habe ich mein ganzes Sackgeld liegen lassen», erinnert er sich.

Erinnerung hat Stefan Frey auch an teilweise gewöhnungsbedürftige Geschmäcker. So habe er schon Cola mit Kiwigeschmack aus Neuseeland oder flüssigen Kaugummisaft aus Asien getrunken. Seine Dosen kommen aus aller Welt: Chile, Uruguay, China, Irak, Sri Lanka oder Bhutan. Das hat er vor allem einem zu verdanken: einem Swissair-Piloten, der ihm während 20 Jahren Getränkedosen von seinen Reisen zuschickte. Gefunden hat der Sammler den Piloten über den damaligen «Brückenbauer», das heutige Migros-Magazin. Durch die Anzeige im «Brückenbauer» konnte Stefan Frey auch seine erste ­Dosensammlung übernehmen. Fast 20 Schweizer Sammler gaben ihre Tätigkeit bisher auf und überliessen ihm ihre Schätze.

Das Bier bekommt mein Vater, ich trinke keinen Alkohol.

Die Dosen seiner Sammlung sind alle leer. Getrunken hat er sie aber nicht alleine. «Das Bier bekommt mein Vater, ich trinke keinen Alkohol», sagt der gelernte Buchbinder, der bis vor Kurzem noch als Druckausrüster arbeitete. Auch ehemalige Mitarbeiter hätten ihm beim Leeren geholfen. Rund zehn Dosengetränke trinkt Stefan Frey pro Tag. «Das ist natürlich nicht gesund, aber ich bin eben damit aufgewachsen.» Auf den Zucker zu verzichten komme aber nicht infrage. «Light-Produkte schmecken mir nicht, die sind mir zu wässerig», sagt er.

Die Gemeinde Spiez hat Interesse an der Sammlung bekundet

Die Gestaltung der Dosen habe sich über die Jahre stark verändert, meint er. Anfangs hätte es beispielsweise keine Details wie Nährwertangaben oder Ablaufdatum gegeben. «Früher war das Design der ­Dosen viel zurückhaltender, mittlerweile wird jeder Seich draufgedruckt», schimpft Stefan Frey. Die Sonderedition zum Todestag von Michael Jackson habe er als pietätlos empfunden.

Buch geführt über seine Sammelstücke habe er nie. «Eigentlich wollte ich sie alle fotografieren, das habe ich aber nicht geschafft.» Die meisten hat er im Kopf. Seine Sondereditionen sind sorgfältig verpackt. Einen seriösen Überblick über seine Sammlung werde er aber nie bekommen, meint Stefan Frey bedauernd.

Stefan Freys Traum ist es, seine Dosen in einem Museum auszustellen. Spiez hat bereits Interesse bekundet. Doch eine geeignete Räumlichkeit zu finden, stellt sich als schwierig heraus. «Die Eröffnung des Museums werde ich wahrscheinlich nie erleben», sagt Stefan Frey. Der Platzmangel störe ihn am meisten. Mit dem Sammeln aufzuhören, daran denkt er trotzdem nicht. «Klar, manchmal bin ich frustriert. Aber ich höre erst auf, wenn es gesundheitlich nicht mehr geht.»

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Marco Zanoni