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29. März 2016

«Gefühle lassen sich in der Muttersprache leichter ausdrücken»

In vielen Familien verläuft die Kommunikation mehrsprachig. Familienforscher Dominik Schöbi erklärt, wann welche Sprache sinnvoll ist, und spricht über die Chancen einer mehrsprachigen Erziehung.

Dominik Schöbi
Dominik Schöbi (43) ist Familienforscher und Direktor des Instituts für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg.

Dominik Schöbi (43) ist Familienforscher und Direktor des Instituts für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg.

Dominik Schöbi, Mami und Papi sprechen je eine Fremdsprache und verständigen sich auf Englisch. Wie sollen sie mit dem Kind reden?

In Einzelgesprächen am besten die eigene Sprache. Die Familiensprache sollte eine Sprache sein, die alle verstehen. Es müssen sich alle beteiligen können, sonst gibt es ein Ungleichgewicht. Wenn sich ein Familienmitglied nicht mühelos und flüssig ausdrücken kann, ist dies kein Drama, wenn die Beziehungen untereinander gut etabliert sind. Das wird erst zum Problem, wenn diese nicht mehr gut funktionieren.

Wie wichtig ist die Muttersprache für die Eltern-Kind-Beziehung?

In der Muttersprache ist es einfacher, Gefühle und Meinungen mit all ihren Feinheiten auszudrücken. Man benützt beim Trösten die richtigen Worte, formuliert seine Sorgen, seinen Stolz oder seine Verärgerung passend und ist authentischer. Und es passieren weniger Missverständnisse. In der Muttersprache gibt es in der Regel keine Diskrepanz zwischen den Wörtern und der nonverbalen Gestik. Sie ist wichtig in Situationen, in denen man Vertrauen aufbaut.

Ist eine Familiensprache sinnvoll, die weder Muttersprache eines Elternteils noch Landessprache ist?

Für eine Familie ist es wichtig, eine gemeinsame Sprache zu haben. Aber es ist nicht einfach, dies auch durchzuziehen. Es braucht sehr viel Disziplin. Die Kinder müssen wissen, wann welche Sprache gesprochen wird, und alle ­müssen sich konsequent an klare Regeln halten.

Ist das eher bei oberen Schichten, wie etwa Akademikerfamilien, der Fall?

Nein, gerade bei Immigrantenfamilien ist es oft so, dass ein Elternteil schon länger in der Schweiz ist und hier arbeitet. Wenn Partner und Kinder nachziehen, sprechen sie dann zu Hause nicht selten auch hochdeutsch, damit die Kinder es schneller lernen.

Die Eltern könnten doch einfach eine eigene Sprache für sich haben?

Ja, aber so ist ihre Sprache exklusiv: Die Kinder sind ausgeschlossen. Diese können nicht «abgucken» und lernen, wie die Eltern zusammen reden, wie sie verbal miteinander umgehen.

Wie wichtig ist es, dass Kinder ihre Grosseltern aus dem anderen Sprachraum verstehen?

Sehr wichtig, denn die Beziehungspflege läuft über die Sprache. Und die Sprache ist auch ein wichtiges Tor zu einer Kultur, man lernt dadurch neue Themen und andere Lebensarten und -ansichten kennen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Michael Sieber