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03. August 2015

«Das Meer vergisst du niemals»

Sie sind in unterschiedlichen Welten zu Hause, eines aber haben sie gemeinsam: italienische Wurzeln. Acht Prominente über ihre Erinnerungen, Nostalgie, Familienbande und ihr Leben in der Schweiz.

FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger
Fährt natürlich eine Vespa: Der FDP-Politiker und Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger.

Filippo Leutenegger (62), Zürcher Stadtrat

«Meine Eltern sind beide in Wil SG aufgewachsen. Geboren bin ich aber in Rom, weil mein Vater zu dieser Zeit dort bei der Uno arbeitete. Als 13-Jähriger schickten mich meine Eltern nach Disentis GR ins Internat. Der Kulturschock war einschneidend und begleitet von Heimweh. In meiner Zeit als Italien- und Tessinkorrespondent beim Schweizer Fernsehen konnte ich die Kenntnisse beider Kulturen verbinden. Wenn ich heute meine Eltern in Italien besuche, fühle ich mich wohl und zu Hause. Allerdings ist mir das politische und berufliche Italien fremd geblieben. Die grössten Unterschiede gibt es bei den demokratischen Traditionen. Das italienische Machtsystem ist im Gegensatz zur Schweiz hierarchisch und paternalistisch aufgebaut, die Korruption weit verbreitet, und Grossgrundbesitzer kontrollieren immer noch grosse Ländereien. Dies hat sich auch mit dem Beitritt zur EU nicht gross geändert. Meine Sensibilität für Umweltfragen hat ihren Ursprung ebenfalls in Italien. In Rom musste ich immer wieder erleben, wie sorglos mit der Umwelt umgegangen wird. Heute bin ich als Chef des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich quasi der oberste Güselmeister. So gesehen kann ich einen Kreis schliessen und mich mit Recycling und einer vorbildlichen Abfallbeseitigung beschäftigen.»

Claudio «Valentino» Scatina (54), Coiffeur-Ikone

Paradiesvogel Valentino

«Im Sommer 1957 erreichten meine Eltern Aldo und Anna die Schweiz. Unsere Mama hat nur für meinen Bruder Fabrizio und mich gelebt. Sie hat uns total verhätschelt, jeden Tag selbst die allerbeste Pasta gemacht und uns bis zu ihrem Tod noch gesagt, dass wir uns warm anziehen sollen. Sie war die Grösste, und meine früheren Freundinnen konnten damit nicht umgehen. Meine ­jetzige Partnerin stammt aus Indien und versteht diese Familienbande. Als Secondo lernt man, wie wichtig harte Arbeit ist. Ich lebe derzeit in Mallorca und Zürich, aber wenn ich in Zürich bin, arbeite ich jeden Tag bis zu 13 Stunden. Mein Blut ist durch und durch italienisch. Wenn ich italienische Musik höre oder Italien kein Goal schiesst, dann kommen mir die Tränen. Für die Schweiz war ich schon immer ein bunter Exzentriker in einer eher grauen Umgebung.»

Federica de Cesco (77), Autorin

Ihre Jugendbücher kennt jeder: Federica de Cesco

«Ich bin in Äthiopien, Italien, Frankreich, Norddeutschland und Belgien aufgewachsen, mit einem italienischen Vater und einer deutschen Mutter. Geprägt hat mich vor allem mein Vater, Nicolo de Cesco. Er war ein Träumer, hat mich jede Nach an der Hand genommen und mir den Sternenhimmel erklärt. In Deutschland hat er meine Mutter, Liselotte, getroffen. Sie hat seine träumerische Art etwas ausgeglichen. Ich bin mit 24 in die Schweiz gekommen – für eine alte Geschichte, die bald in die Brüche ging. Vor 44 Jahren dann, in Paris, lernte ich meinen jetzigen Mann Kazuyuki Kitamura, einen Japaner, kennen. Nun sind wir in Luzern sesshaft geworden. Ich merke meine italienischen Wurzeln wenn ich in die Oper gehe. Puccini... Verdi.... Es kann nicht dramatisch genug sein. Mein Herz schmilzt wie Butter. Auch die italienischen Filme faszinieren mich. Die Tiefgründigkeit dieser alten Kultur spürt man dort ganz fest. Romantik, Dramatik, Hinterhalt, Tücke... alles ist dabei! In Italien habe ich keine engen Verwandten mehr. Aber wenn ich dort bin, habe ich das Gefühl von Vertrautheit. Halten wir uns in einem Seidenraupendorf auf, werde ich wahnsinnig nostalgisch, weil ich als Kind mit den Kokons gespielt habe. An der Schweiz mag ich die Zurückhaltung, die ist rührend. Kazuyuki und ich bewegen uns unter Künstlern und in einem kosmopolitischen Umfeld. Aber auch traditionell geprägte Kreise haben etwas Liebenswertes. Zum Beispiel die alten Ehepaare, die in ihren Chalets ihre Geranien giessen.»

Giuseppe Scaglione (45), Radio-105-Gründer

Pionier und Unternehmer: Giuseppe Scaglione

«Mein Vater stammt aus Sizilien, meine Mutter aus Österreich. Wir gingen jeden Sommer zu den Grosseltern nach Italien. Im Gepäck hatte ich einen Rekorder und Hunderte Kassetten, um die dortige Radiomusik aufzunehmen. Das hat meine Verwandten fast wahnsinnig gemacht. Doch die Vielfalt an Radiosendern hat mich nicht mehr losgelassen. Nach dem KV wollte ich mein ­eigenes Ding machen. Als ich das italienische Radio 105 in die Schweiz brachte und es prompt gross wurde, wuchs der Widerstand aus der Branche. Da ich die 105-Gruppe aus Italien geschlossen hinter mir hatte, ging es nicht lange, bis Konkurrentenmit den üblichen Mafia-Klischees aufwarteten. Als ich 1997 die erste Konzession erhielt, war das ein Wendepunkt. Meine Geschichte zeigt, dass man in der Schweiz viel erreichen kann – auch ohne Vitamin B.»

Laetitia Guarino (22), Miss Schweiz

Auch die derzeit schönste Schweizerin Laetitia Guarino hat italienische Wurzeln.

«Mein Vater kommt aus dem kleinen Dörfchen Cerreto Sannita in der Provinz Benevento und meine Mutter aus St. Gallen. Als meine Mutter klein war, haben meine Grosseltern im 2000-Seelen-Dörfchen Froideville VD einen wunderschönen Bauernhof gekauft. Jahre später bin ich in dieser Gegend auf die Welt gekommen. Ich bin gerne Westschweizerin. Aber mindestens ein Mal im Jahr besuche ich meine Tanten in Italien, wo unglaublich viel Essen aufgetischt wird. Zurückreisen dürfen wir nicht ohne ein Auto voller Schinken, Käse und Wein. Mein Vater hat einen sehr starken Charakter. Er wollte mich und meine kleine Schwester immer beschützen. Wir durften erst mit 18 in den Ausgang, was damals natürlich fürchterlich war. Und als ich ihm meinen Freund vorgestellt habe, hat er ihm fast die Hand verdrückt. Er musste halt zeigen, wer der Padrone ist. Als ich Miss Schweiz wurde, hat sogar mein Vater, ein unglaublich stolzer Mann, geweint. Ich habe viel Gutes von ihm geerbt. Auch ich habe einen starken Charakter und sage, was ich will. Für mich war das immer wichtig. Mit mir kann man nicht alles machen. Zudem spreche ich mich immer mit meiner Familie ab und habe einen enormen Rückhalt. Richtig italienisch halt. Das hilft mir in der momentanen Zeit sehr. Und vielleicht hat mir das auch schon bei der Wahl geholfen.»

Pippo Pollina (52), Musiker

Die Musik brachte Pippo Pollina in die Schweiz

«Während meines Jura-Studiums war ich in der Anti-Mafia-Bewegung aktiv. 1985 wurde der Polizist Giuseppe Montana erschossen. Da erkannte ich, dass ich mir aufgrund der politischen Situation ein Leben in Italien nicht vorstellen konnte. Ich machte mich mit einem Schlafsack und einem Interrail-Ticket im Gepäck auf Europa-Reise. In der Schweiz erhielt ich nach einer Tour mit dem Liedermacher Linard Bardill einen Plattenvertrag. Also blieb ich hier. Meine Familie war traurig, aber auch froh, dass ich nicht mehr in Italien war. Sie hatten wegen ­meines Aktivismus’ gegen die Cosa Nostra grosse Angst um mich. Durch meine Konzerte in Italien führt mich die Musik immer wieder zurück nach Hause. Dort spüre ich meine Wurzeln sehr stark. Und natürlich habe ich manchmal Heimweh – nur schon nach dem Meer. Das vergisst du niemals.»

Ciriaco Sforza (45), Fussballtrainer

Ciriaco Sforza trainiert derzeit den FC Thun

«Der Bezug zur Familie ist für Südländer immer enorm wichtig. Meine drei Schwestern und ich sind in einer kleinen Wohnung aufgewachsen, aber uns hat es an nichts gefehlt. Wir wussten immer, woher wir kommen, und dass wir das, was wir erhalten, zurückgeben müssen. Ich war ein grosser Fan von Juventus Turin. Als ich anfing, selbst Fussball zu spielen, hat mich mein Vater an jeden Match begleitet. Nach den Spielen wurde ich zu Hause von der Mutter verhätschelt. Ich gehe immer noch gerne zu den Eltern nach Wohlen. Die Mama fragt dann immer als Erstes, was wir essen wollen. Das ändert sich wohl nie. Und auch wenn ich sie bloss anrufe, sind sie total glücklich. Mütterlicherseits habe ich noch Verwandte in Mirabella Eclano, einem Dorf in der Gegend von Avellino. Im Oktober 2014 war ich letztmals unten. Essen, ­einkaufen – das ist super. Dort ­wohnen möchte ich dennoch nicht. Das Leben, das ich in der Schweiz führe, ist gut. Als typisch schweizerisch würde ich mich nicht gerade bezeichnen. Ich merke mein italienisches Blut ständig – beim Fussball am stärksten. Dort machen sich aber auch die 15 Jahre bemerkbar, die ich in Deutschland gelebt habe. Ich will gewinnen. Schweizer sind da vorsichtiger. Die Schweizer Nati lebt ja von ausländischen Wurzeln. Warum das so ist, kann ich aber nicht beurteilen. Das müssen Sie schon den Nati­rainer fragen! Thun, meinen neuen Arbeitsplatz als Trainer, mag ich wahnsinnig gern. Der Umzug dorthin ist geplant, pressiert aber nicht. Auch hier gilt: Bloss kein Schnellschuss.»

Luisa Rossi (52), Stylistin

Stylistin, Doppelbürgerin und erste Miss Zürich: Luisa Rossi

«Meine Mutter war Schneiderin aus Paris mit italienischen Wurzeln. Mein Vater wurde in Runo geboren, einem kleinen Bergdorf in der Provinz Varese. Zu Beginn der 60er-Jahre kam er als Schlosser in die Schweiz. Im Club Mascotte bat er meine Mutter zum Tanz – sie war zu Besuch in Zürich. 1963 kamen meine Zwillingsschwester Angela und ich zur Welt. Einen Teil unserer Kindheit verbrachten wir bei der Nonna in Italien. Für den Kindergarten kamen wir in die Schweiz zu den Eltern. Unsere Mischsprache verstanden nur wir. Das hat uns die Integration nicht immer einfach gemacht. Meine Schwester Angela förderte mich als Model und setzte den Grundstein für meine Karriere im Fashion Business. Vor 20 Jahren wurde ich Schweizerin. Darauf bin ich stolz. Ich liebe meine Schweizer Heimat sehr. Das Telefon nehme ich trotzdem immer noch mit ‹Pronto!› ab.»

Autor: Anne-Sophie Keller