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30. Juni 2014

Doktor Geisers Rat

So blitzblank hab ich Anna Lunas Zimmer noch nie geputzt. Sogar die Innenseite der Schranktür ist nun auf Hochweiss poliert, Klebestreifenrückstände von «Bravo»-Postern vergangener Tage sind beseitigt, Nischen hinterm Bett entstaubt. Und als ich das Fach mit den Sportkleidern aussortierte, stand in meiner Vorstellung eine grosse junge Frau vor mir – womöglich hat sie gar die vier Zentimeter auf mich schon wettgemacht, die ihr bei der Abreise noch fehlten? –, sodass ich bei jedem zweiten Shirt das Gefühl hatte: Das geht ihr unmöglich noch, zu klein! (Auch beim Dress der Azzurri, aber das braucht sie nun ohnehin nicht mehr; und, nein, ich möchte nicht darüber reden.)

Janis Joplin: «From the coal mines of Kentucky to the California sun …»
Janis Joplin: «From the coal mines of Kentucky to the California sun …»

Bald ists ausgestanden. Bald ist sie wieder hier. Unnötig, Ihnen zu sagen, wie ich mich freue. Alles sollte für ihre Rückkehr bereit, längst überflüssige Dinge sollten weggeräumt sein. Der Mix an Büchern, die noch in ihrem Regal standen – reichlich staubig allesamt –, liess mich die letzten fünfzehn Jahre im Eilzugtempo passieren: Shakespeares «Was ihr wollt» neben «Globis Zoo», Lucky Luke (der Mann, der bekanntlich schneller zieht als sein Schatten) neben «Reckless – Lebendige Schatten», einem Fantasyroman.

Sogar ein Pixi-Buch fand sich noch: «Als Kaiser Franz gegen Kaiserin Sissi Fussball spielte». Und «Der Herr der Ringe»? Der war ich: Nicht weniger als sieben verloren geglaubte Ohrringe stöberte ich zwischen Matratze und Bettrost auf, unterm Rollkorpus, hinter dem roten Sessel. Nach den Playmobil-Pinguinen, die sie sich vor der Ewigkeit von sechs, sieben Jahren mal so sehr zum Geburtstag gewünscht hatte, wird sie nicht mehr fragen, die habe ich sauber im Keller archiviert, bis … ja, bis wann eigentlich? Bis die Enkel kommen?

Sie möchte auch so gern in einen USA-Austausch, schrieb eine Nina uns, aber ihr Vater mache sich zu grosse Sorgen. Weshalb wir unsere Anna Luna ziehen liessen? Weil wir zuversichtlich waren. Weil wir ihr vertrauen. Daran ist vermutlich Doktor Geiser schuld, unser Kinderarzt. Er hat uns sehr früh einen sehr guten Rat gegeben: «So hoch, wie sie raufklettern können, dürfen sie auch runterfallen», sagte er, als wir einst in Sorge waren, unsere Kleine könnte sich wehtun. Sprich: Sobald ein Kind imstand ist, das Sofa vom Boden aus zu erklimmen, sich auf einen Tisch zu hieven, auf ein Spielplatzgerüst, einen Baum zu klettern, wird es auch den Sturz von demselben verkraften. Es wurde uns zum Leitsatz. Kinder zeigen einem stets von selbst, wann sie für etwas reif sind.

Und eh wir es uns versahen, war unsere Kleine gross genug für ein USA-Abenteuer. Natürlich war ich gedanklich oft bei ihr. Begann für das Basketballteam der Mercer Highschool zu fiebern, schlief in einem Shirt der Kentucky Wildcats, war gefühlt hundertmal mit ihr im Baptistenkirchlein und fand plötzlich überall Hinweise auf den US-Gliedstaat, von dem ich früher nie gross Notiz genommen hatte: Ich entdeckte, dass eine Kneipe in unserem Quartier Kentucky Style Fried Chicken serviert; ich stellte fest, dass Jim Beam, der Whiskey, den ich mir in seltenen Notfällen (wie dem Ausscheiden Italiens aus einer Fussball-WM) vor dem Einschlafen gönne, aus Kentucky stammt; und dass in «Me and Bobby McGee», ­einem Lied, das ich tausendmal gehört und stets mitgesummt hatte, Kentucky vorkommt, war mir nie aufgefallen, bis es letzte Woche in der Version von Janis Joplin am Radio erklang: «From the coal mines of Kentucky to the California sun …»

«Me and Bobby McGee» handelt übrigens davon, dass man Menschen, die man gern hat, loslassen soll. In der Zuversicht, dass sie das Herunterfallen von dort verkraften, wo sie hinaufgeklettert sind. Und im Vertrauen, dass sie zu einem zurückkehren.


ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, wie beide die Heimkehr erleben. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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