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05. August 2013

Dogdance: Frauchen bittet zum Tanz

Hunde sind die neuen Stars auf dem Tanzparkett. Ihre Besitzer üben mit ihnen in Wohnzimmern und Parks Sprünge und Pirouetten. An Turnieren messen sie sich miteinander. Bettina Zellweger und Hündin Shyra sind vom Trendsport Dogdance total angefressen.

Hündin Shyra spring durch die in einem O geformten Arme von Besitzerin Bettina Zellweger
Ein charmantes Tanzpaar: Bettina Zellweger und 
Shyra. Die Jack-Russell-Hündin beherrscht mehr als 25 Tricks, zusammen nehmen sie regelmässig 
an Dogdance-Turnieren teil.

HIER TANZT DER HUND
Shyras Kür und Tricks:Die Youtube-Filme mit der Kür von Bettina Zellwegers sechsjähriger Jack-Russel-Terrier-Hündin für das Zürcher Turnier 2013 und ein paar Tricks. Zu den Videos

Christine Szakacs mit zwei ihrer Hunde
Pionierin Christine Szakacs mit zwei ihrer Hunde. (Bild zVg)

Das Experten-Interview und Dogdance-Turnierdaten: Das Gespräch mit Christine Szakacs, dem Vorbild für viele Schweizer Dogdance-Aktive. Dazu die nächsten Turnierdaten und die besten Dogdance-Beispiele im Youtube-Video. Zum Artikel

Dogdance für Anfänger: Zwei Anleitungen für einfachere Tricks und ein Buchtipp für den Einstieg. Zum Artikel


Es ist ein sonniger Sommermorgen, und der Rasen am Waldrand in Zürich-Wollishofen ist noch feucht vom Tau. Im schwarzen Cocktailkleid betritt Bettina Zellweger aus Zug mit ihrem Jack Russell Terrier Shyra den Ring. Die zierliche 40-Jährige hat die Startnummer neun. Zum Schlager «So ein Mann» von Margot Werner beginnen die beiden zu tanzen. «Und Sprung!», ruft Bettina Zellweger Shyra zu und formt ihre Arme vor den Knien zu einem Kreis. Der Hund springt. «Und tanzen!» — Shyra dreht sich um die eigene Achse. Dann macht Bettina Zellweger ein paar elegante Schritte vorwärts; der Hund läuft Slalom um ihre Beine. Darauf springt er hoch und gibt seinem Frauchen, das in die Hocke gegangen ist, ein Küsschen auf die Wange.

Hund zwischen den Beinen von Frauchen Bettina Zellweger.
Der Trendsport Dog-Dance kommt aus den USA.

Immer mehr Menschen entdecken den Spass am Tanzen mit ihrem Hund. Sprünge, Drehungen, Slalomlaufen zwischen den Beinen des Hundeführers, und das alles zu Musik. Der Trend kommt aus den USA und aus England. «Dogdance ist Harmonie auf sechs Beinen», sagt die Turnierorganisatorin und Dogdance-Trainerin Petra Funk (46) aus Zürich. «Es geht um Präzision und die Freude am gemeinsamen Bewegen.» Sie weiss, dass der Sport oft belächelt wird, und hört immer wieder Bemerkungen wie diese: «Muss das jetzt auch noch sein, Tanzen mit dem Hund?!» Dafür hat sie Verständnis. «Man kann sich schliesslich bei allen sportlichen Aktivitäten, wo man Tiere einspannt, fragen, ob sie legitim sind.» Die Befürchtung, Dogdance sei für das Tier qualvoll, hält sie jedoch für unbegründet. «Hunden liegt das Arbeiten im Blut, sie wollen beschäftigt werden.»

An diesem Sommertag scheint den Vierbeinern das Auftreten tatsächlich Freude zu machen. Sie wedeln ununterbrochen mit dem Schwanz, halten die Ohren gespitzt und schauen so freudig-erwartungsvoll zu ihren kostümierten Frauchen oder Herrchen hoch, als ob diese gleich einen Stock werfen würden. Vom Mops bis zum Grosspudel ist am Turnier alles dabei. Ein Star an diesem Tag ist Border Collie «Tilly». Beim Tanzen weicht er keinen Millimeter von der Seite seines Frauchens und führt die Tricks ohne erkennbares Handzeichen oder Wortkommando aus.

Pannen nimmt Bettina Zellweger mit Humor

Border Collies sind, neben den Shetland Sheepdogs («Shelties»), an Turnieren oft vorne dabei. Sie sind besonders gelehrig und als Hütehunde optimal auf die Zusammenarbeit mit dem Menschen ausgerichtet. Viele Berühmtheiten der internationalen Dogdance-Szene, darunter Attila Szkukalek aus England, arbeiten darum mit Hunden dieser Rasse. Als schwierig für Dogdance gelten hingegen Windhunde. Sie lassen sich als Jagdhunde kaum mit Guetsli motivieren. Auch Dackel, Möpse und Russell Terrier sind eine Herausforderung. Ihnen wird starker Eigensinn nachgesagt.

Hündin Syhla sitzt auf den Schultern von Bettina Zellweger.
Abschluss der Kür: Sprung auf die Schulter von Frauchen Bettina Zellweger.

Mit einem Sprung auf die Schulter ihres Frauchens hat Shyra die Kür abgeschlossen. Die Jury lobt «die exklusive Choreografie mit den vielen lustigen Einfällen» der Hobbyballetttänzerin. Die Leistung von Shyra habe aber stellenweise zu wünschen übriggelassen. Bei mehreren Tricks hatte Shyra gestreikt und allgemein lustlos gewirkt. Dies lag allerdings nicht an ihrer Eigenwilligkeit, sondern daran, dass sie eine Stunde vor dem Start von einer Biene in die Pfote gestochen worden war. Bettina Zellweger nimmts gelassen: «So was kann passieren.» Sie erzählt von einem Malheur bei einem anderen Wettkampf. Jemand hatte im Ring Hundeguetsli verloren. Shyra sei darauf losgestürmt und nicht mehr vom Futter wegzubewegen gewesen. Das Team wurde disqualifiziert. «Das muss man mit Humor nehmen», schmunzelt Bettina Zellweger.

Im Training sind Guetsli die Hauptbelohnung für die Hunde. Fast genauso wichtig ist der sogenannte Klicker. Das Gerät ähnelt dem Kinderspielzeug Knackfrosch und erzeugt ein lautes Knackgeräusch, wenn man draufdrückt. Der Hund bekommt jedes Mal nach dem Klicken eine Belohnung. So begreift er rasch, dass er etwas richtig gemacht hat, wenn das Knackgeräusch ertönt. Zeigt der Hund im Training die gewünschte Bewegung, klickt die Hundeführerin zur Bestätigung, und der Hund bekommt ein Guetsli. So werden neue Tricks Schritt für Schritt eingeübt (siehe auch Box rechts zum Slalomtraining). Ziel ist, dass der Hund den Trick auf ein Wortkommando hin ausführt.

An Geburtstagen und Hochzeiten brilliert Shyra mit ihren Tricks

Shyra kann schon über 25 Tricks. Das Ziel von Bettina Zellweger ist aber nicht, an Turnieren eine gute Wertung zu erzielen. Sie will mit Shyras Tanzkünsten einfach Freunde und Verwandte unterhalten, zum Beispiel an Hochzeiten. «Ich besuche eigentlich nur Turniere, um Shyra an Publikum zu gewöhnen», erklärt sie. Seit sechs Jahren trainiert sie täglich, jeweils eine knappe Viertelstunde. «Länger hätte Shyra Mühe mit der Konzentration.» Daneben besucht sie wöchentlich einen Kurs in der Gruppe. Einen Trick aufzubauen, dauert zwischen ein paar Tagen und ein paar Monaten. Zurzeit übt sie gerade den Trick «Schämen», bei dem sich der Hund mit einer Pfote übers Gesicht fährt. Dazu klebt sie dem Hund einen Post-it-Zettel auf die Nase. Wenn er ihn wegwischt, bekommt er ein Guetsli. In ein paar Tagen sollte der Zettel nicht mehr nötig sein. Bettina Zellweger ist immer wieder erstaunt, wie gut die Tricks sitzen, wenn der Hund sie erst einmal erfasst hat: «Es ist wie beim Velofahren. Wenn es drin ist, ist es drin.»

Shyras Bienenstich-Handicap weckt bei anderen Dogdancerinnen Mitgefühl. Sie erkundigen sich bei Bettina Zellweger nach dem Befinden der Hündin. Diese schätzt die Anteilnahme. «Die Stimmung in der Schweizer Szene ist locker», sagt sie. «Ich habe noch nie Konkurrenzdruck erlebt. Man freut sich für Hund und Besitzer, wenn es gut läuft, und hat Mitleid, wenn es nicht gut gegangen ist.» In zwei Wochen wird sie mit Shyra an einem ­Geburtstagsfest auftreten. Den Jubilar, Hundefan wie sie, möchte sie in die Choreografie einbeziehen. Auf den Auftritt freut sie sich. «Die Reaktion an Festen ist immer positiv. Im ersten Moment regt Dogdance ja zum Schmunzeln an. Aber dann plötzlich staunen die Gäste.»

Autor: Iwona Eberle

Fotograf: René Ruis