Archiv
25. Juni 2012

Do-it- yourself-Krippe

Wohin mit ganz kleinen Kindern, wenn die Eltern arbeiten und kein Hortplatz da ist? Milena Danielsen eröffnete kurzerhand eine Krippe im eigenen Haus. Und zieht ein positives Fazit.

Mittlerweile kümmert sich eine Nanny 
um die drei Kinder und den Haushalt von Milena Danielsen (vorne).

Als Milena (40) und Eirik (48) Danielsen vor sieben Jahren nach Zumikon ZH zogen, hatten sie zwei Jobs, zwei kleine Buben und einen Krippenplatz. Sohn Tristan war damals zweieinhalb, Magnus gerade mal ein Jahr alt. «Wir hätten den Grossen in die Kindertagesstätte in Zumikon geben können», sagt Milena Danielsen, «doch für den Kleinen hätten wir eine andere Betreuung suchen müssen.» Das fanden die Eltern logistisch zu kompliziert, zumal sie so oft wie möglich mit dem Velo oder öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind.

Zu Hause bleiben war auch keine Option: Milena Danielsen hatte zweieinhalb Jahre von daheim aus gearbeitet und wollte wieder ausser Haus tätig sein. Sie beschloss, eine eigene Krippe zu gründen. Das bedeutete: einen Businessplan erstellen, Personal finden, Inventar kaufen und das Reglement der Zürcher Bildungsdirektion für Kindertagesstätten studieren, das zum Beispiel eine Mindestzahl Quadratmeter und Erzieherinnen pro Kind verlangt. Ein Jahr, sagte man Danielsen, würde es dauern, bis alles organisiert sei. Ihre Krippe, Flügerberg, war nach drei Monaten bereit. «Mein betriebswirtschaftlicher Hintergrund half mir beim finanziellen Teil», sagt die promovierte Ökonomin. Und Räumlichkeiten mussten nicht gesucht werden: Die Krippe fand im Dachstock ihres Wohnhauses Platz.

Mit dem Start der Krippe machte sich Danielsen mit einem 60-Prozent-Pensum als Unternehmensberaterin selbständig. Eine glückliche Zeit begann. Die Tagesstätte lief langsam an. «Man rannte mir nicht das Haus ein», so Danielsen. Doch bald gesellten sich zu ihren beiden Buben weitere Kinder, und nach etwas mehr als einem Jahr waren alle zehn Plätze vergeben. «Es war super», sagt Danielsen, «wir konnten morgens zur Arbeit gehen, ohne zuerst die Kinder irgendwohin bringen zu müssen. Was für ein Luxus!» Die Sprösslinge ihrerseits hatten täglich ihre vertrauten Gschpänli im Haus. Man spielte mit den Kindern im Garten und bereitete gemeinsam die Mahlzeiten zu.

Meldete sich eine Angestellte krank, so ging der Stress los

Dass die Haustreppe, die Küche und der Garten von der Krippe mitbenutzt wurden, fand die Familie okay. Schwieriger wurde es, wenn Eltern die Privatsphäre der Familie ignorierten oder zu stark ins Programm reden wollten. Die grösste Herausforderung aber war die personelle Organisation. Meldete sich eine Krippenangestellte morgens krank, ging für Danielsen der Stress noch vor Arbeitsbeginn los. Aushilfen waren schwer zu bekommen und teuer. Böse Überraschungen gab es auch, wenn rückwirkend erhöhte Versicherungsprämien fällig waren oder Eltern die Rechnungen nicht pünktlich bezahlten. Dafür traf nach einem Jahr die Anschubfinanzierung des Bundes ein, 5000 Franken für jeden besetzten und die Hälfte für jeden unbesetzten Platz. Damit konnte ein Teil der Anfangsinvestitionen von 20'000 Franken gedeckt werden. Die Danielsens hatten zudem anfangs gut 18'000 Franken für laufende Kosten wie Löhne vorgeschossen, bevor das erste Geld reinkam. Alles in allem ging die Rechnung auf, «mit einer schwarzen Null», wie Milena Danielsen sagt. Die Administration erledigte sie allerdings in Fronarbeit, abends und am Wochenende.

Fröhliche Zeiten: Kinder in der Privatkrippe der Danielsens in Zumikon ZH.
Fröhliche Zeiten: Kinder in der Privatkrippe der Danielsens in Zumikon ZH.

2007 kam die kleine Liv zur Welt, die Mutter blieb ein halbes Jahr zu Hause. «Ich merkte, dass die Privatsphäre doch etwas unter der Krippe im Haus leidet», sagt Milena Danielsen. Heute arbeitet sie im Kader einer Privatbank zu 100 Prozent und ist Gemeinderätin in Zumikon. Eine Nanny kümmert sich um Kinder und Haushalt. Die Krippe wurde letztes Jahr geschlossen, weil keines der Danielsen-Kinder mehr Rundumbetreuung brauchte. Die Kunden wurden schon im Jahr zuvor informiert, alle schickten ihre Kinder bis zum letzten Tag in den «Flügerberg».

Malatelier, Singprogramm und eine englischsprachige Erzieherin

Das Krippenabenteuer haben die Danielsens nie bereut. «Es war erfrischend. Wir haben Menschen kennengelernt, die heute unsere Freunde sind», sagt Milena Danielsen. Und sie hat viel gelernt. «Bei einem ähnlichen Unterfangen würde ich finanziell noch genauer planen», sagt sie, «die Gefahr ist gross, dass man sonst drauflegt.» Und jedem, der eine Tagesstätte gründen möchte, empfiehlt sie, das Angebot genau zu definieren und zu verteidigen. Im «Flügerberg» gehörten dazu eine englischsprachige Erzieherin, ein Malatelier, ein Singprogramm und mehr. «Damit hoben wir uns von der Krippe im Dorf ab, die auch sehr gut ist.»

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Vera Hartmann