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09. November 2015

DNA-Massentest soll Täter überführen

In den kommenden Wochen führt die Staatsanwaltschaft Luzern bei 372 Männern einen DNA-Test durch – es ist der grösste, den es in der Schweiz je gab. So soll der Täter gefunden werden, der eine Frau in Emmen brutal vergewaltigte und schwer verletzte.

DNA-Mundabstrich
Mit einem einfachen Mundabstrich wird eine Speichelprobe zur Bestimmung der DNA genommen (Bild: iStockphoto, Petra Spiola).

Am 21. Juli 2015 hat ein Unbekannter eine 26-jährige Frau auf dem Dammweg in Emmen LU vom Velo gerissen und vergewaltigt. Seither ist das Opfer laut den Ärzten querschnittgelähmt. Ein rechtsmedizinisches Gutachten geht davon aus, dass sich die junge Frau die schweren Verletzungen beim Sturz vom Velo zugezogen hat. Die Luzerner Polizei konnte die DNA des mutmasslichen Täters an den Kleidungsstücken des Opfers aufspüren. Die Ermittler beschreiben den Täter als 170 bis 180 Zentimeter grossen, schlanken Mann mit schwarz-braunen gekrausten Haaren. Er soll zwischen 19 und 25 Jahre alt und Raucher sein sowie gebrochen Deutsch sprechen.

Nun führt die Staatsanwaltschaft Luzern nach einem Gerichtsentscheid einen DNA-Massentest durch. 372 Männer mit Tatortbezug und Tätermerkmalen werden in den nächsten Wochen zu DNA-Tests und Alibiabklärungen aufgeboten. Die Massnahme gilt als grösster Test dieser Art in der Geschichte der Schweiz. Der erste und bisher einzige Massentest wurde 2011 in Zürich realisiert, als nach der Tötung einer Psychoanalytikerin rund 300 Männer zum Mundabstrich antreten mussten. Ohne Erfolg.

Thomas Müller (51), der seit 1982 bei der österreichischen Bundespolizei arbeitet und sich beim FBI weitergebildet hat, bezeichnet die DNA-Analyse als «wichtiges Hilfsmittel». Er hat als Kriminalpsychologe im Fall Mischa Ebner die Schweizer Strafverfolgungsbehörden beraten und zur Festnahme des Mörders beigetragen.

«Ich gehe davon aus, dass sich der Täter bald selbst bemerkbar machen wird»

Thomas Müller
Thomas Müller ist Kriminalpsychologe in Österreich.

Thomas Müller ist Kriminalpsychologe in Österreich und arbeitet in der Sicherheitsakademie am Institut für Wissenschaft und Forschung sowie als zertifizierter Sachverständiger, Berater und Gutachter.

In diesen Tagen erhalten rund 370 Männer von der Luzerner Polizei einen
Brief, in dem sie zum Mundabstrich und zu einer Alibiabklärung aufgeboten werden. Wie aussichtsreich ist diese Aktion, um den Täter zu finden?

Eine flächendeckende DNA-Analyse kann sehr erfolgreich sein, sofern alle kriminalistischen, juristischen und kriminalpsychologischen Voraussetzungen zur Eingrenzung sauber durchgeführt wurden.

Die Polizei konnte an Kleidungsstücken des Opfers DNA-Spuren des Täters
ausmachen. Was halten Sie generell von DNA-Massentests?

Die DNA-Analyse ist ein wichtiges zusätzliches Hilfsmittel in der Strafrechtspflege. Massentest sind eher selten, haben aber unter bestimmten Voraussetzungen Ihre Berechtigung.

Wie legitim ist es, so viele Unschuldige anzuschreiben?
Es ist eine Frage der Betrachtungsweise, die in der Regel leider sehr ideologisch geführt wird. Wir hatten diese Diskussionen auch in Österreich, als ich die Logistik für unsere DNA-Datenbank erstellte. Man kann sagen, es werden hier mit einem einzigen Beschluss 372 männliche Personen de facto kriminalisiert, oder aber es werden im günstigsten Fall 371 Personen schnell, effizient und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entkriminalisiert. Denn schliesslich hat es ja bestimmte Kriterien gegeben, warum gerade diese Personen und nicht 372 andere Männer zum Mundhöhlenabstrich geladen werden.

Wären Sie Chefermittler: Was würden Sie machen, um den Täter zu finden?
Es ist nicht meine Aufgabe, Ferndiagnosen zu erstellen, die in der Regel die Tragfähigkeit von feuchtem Seidenpapier haben. Ich bin nicht Chefermittler, sondern Kriminalpsychologe. Aber ich kann aus zahlreichen Fällen in der Schweiz, wo ich als Kriminalpsychologe zugezogen wurde, nur festhalten: Ihr Land besitzt ausgezeichnete Kriminalisten, die sich sehr genau überlegen, wann wo und zu welchem Zeitpunkt sie welche Mittel einsetzen. Jedenfalls ist die interdisziplinäre Betrachtungsweise sehr wichtig.

Wurden Sie bei diesem Fall angefragt?
Nein, das ist auch nicht notwendig. Spätestens seit 2005 besitzt Ihr Land ausgezeichnete ausgebildete Fallanalytiker.

Sie erstellen Gutachten über die Gefährlichkeit eines Täters. Dieser
Täter machte die Frau zur Tetraplegikerin, wahrscheinlich durch den Sturz
vom Fahrrad. Sie ist vom Hals an abwärts gelähmt. Als wie gefährlich
erachten Sie den Unbekannten?

Auch hier gilt: Keine Ferndiagnosen. Die Kernfrage ist: Wurde die Verletzung vom Täter absichtlich zugefügt oder hat er den Verletzungsgrad billigend in Kauf genommen? Das hat juristische Bedeutung, ist aber insbesondere für die Klassifizierung des Täters ungemein wichtig und wertvoll. In der Regel geben die rechtsmedizinischen Daten, die Topographie des Tatorts, das physische, verbale und sexuelle Verhalten und der Zeitpunkt der Tat Auskunft über die Persönlichkeit, das Alter, den Sozialisierungsgrad, die Mobilität, die Kommunikationsfähigkeit, den Ausbildungsstand und die pragmatische Intelligenz und in der Regel auch über die Grundlage seiner Arbeitstätigkeit. Mit einem klar abgegrenzten Zusammenspiel aller Disziplinen sollte auch dieser Fall logistisch bearbeitbar sein. Ungeachtet dessen gehe ich aber davon aus, dass sich der Täter bald selbst bemerkbar machen wird.

Wieso?
Ich bin mir sicher, dass Sie Verständnis dafür haben, dass mein Wissen und Ihr Interesse nicht immer kompatibel sind.

In der Schweiz sind Sie als Ermittler von Waffenläufer Mischa Ebner
bekannt geworden. Was hat damals vor allem zum Erfolg geführt?

Das hervorragende Zusammenspiel aller beteiligten Disziplinen. Aber mit Verlaub: Ich war nicht Ermittler, ich habe als Kriminalpsychologe die Strafverfolgungsbehörden beraten.

Autor: Reto Wild