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06. März 2017

DJ Bobo mags bunt und blumig

René Baumann alias DJ Bobo ist seit 25 Jahren erfolgreich im Geschäft und der bekannteste Schweizer Musiker im Ausland. Der 49-jährige Aargauer über sein Saubermann-Image, den Sommerhit «Chihuahua», seine letzte Begegnung mit Michael Jackson und Fondue-Abende mit den Backstreet Boys.

René Baumann alias DJ Bobo
«Wenn du wie ich dazu stehst, dass du nicht so gut singen kannst,...

René Baumann, Sie sagten einmal, kein vernünftiger Künstler nenne sich Gaga oder Bobo. Bereuen Sie die Namenswahl heute?

Nein, ich habe mich daran gewöhnt. Heute spricht man mich auch auf der Strasse als DJ Bobo oder einfach mit dem «Vornamen» DJ an.

Bei Ihrem ersten Interviewtermin erkannte Sie die Journalistin nicht, weil Sie aufgrund Ihres Saubermann-Looks nicht dem Klischee des Rapstars entsprachen. Warum klappte die Karriere trotzdem?

Weil die Songs einfach gut waren. Mein Image war am Anfang der Karriere kein ­Thema – das gewann erst im Lauf der Zeit an Wichtigkeit. Ich glaube auch, dass sich Jugendliche besser mit mir identifizieren konnten als mit amerikanischen Rappern, die sie fast nicht auseinanderhalten konnten.

Sie haben viele Künstler kommen und gehen sehen. Wie hält man sich 25 Jahre in der Musikbranche?

Das Wichtigste ist, weitsichtig zu planen und eine klare Vision für die eigene Musik zu haben. Man kann nicht auf den nächsten Song oder Hit hoffen …

… wie klingt DJ Bobo im Jahr 2020?

Das wissen wir natürlich, aber das ist noch geheim.

Handgeschriebene Briefe erhalte ich nur noch selten. Die sozialen Medien werden immer wichtiger.

Ihre Outfits sind akribisch ausgesucht. Vermissen Sie die ausgefallene Mode der 1990er-Jahre?

Dieses Jahrzehnt war eine sehr unbeschwerte Zeit: Alles war bunt, man spürte eine Aufbruchstimmung. Und entsprechend sah es bei uns auf der Bühne aus. Aber jedem Jahr seinen Look, deshalb vermisse ich die Outfits auch nicht.

Apropos Look: Viele Schweizer dürften DJ Bobo immer noch mit langen Haaren vor Augen haben. Wann haben Sie sich eigentlich von Ihrer Mähne getrennt?

Schon Ende der 1990er. Bei einem Fotoshooting merkte der Make-up-Artist plötzlich an, dass er auch Haare schneiden könne. Meine Frau fand die Idee toll, und wir haben kurzen Prozess gemacht. Der Erste, der mich danach sah, sagte: «Willkommen in den 90ern!»

Gibts in Zeiten von Internet und Smartphone eigentlich noch Fanpost?

Handgeschriebene Briefe erhalte ich nur noch selten. Die sozialen Medien werden immer wichtiger. Ich bin auf vielen Plattformen präsent und nehme sie sehr ernst. Dort habe ich engen Kontakt zu den Fans, um den ich mich grösstenteils selbst kümmere.

Nicht nur die Fanpost ist weniger geworden. Auch die Albenverkäufe sind im Sinkflug. Wie stehen Sie zu Online-Streaming? Und können die fehlenden Einnahmen damit aufgefangen werden?

Wir sahen diese Entwicklung früh voraus und haben uns aktiv mit dem Wandel auseinandergesetzt. Natürlich gehen die Verkäufe zurück, aber die Musikbranche kam dadurch auch von ihrem hohen Ross herunter. Sich gegen neue Technologien zu wehren, funktioniert nie.

Am Anfang Ihrer Karriere waren die damals noch unbekannten Backstreet Boys Ihre Vorgruppe. Haben Sie noch Kontakt?

Ja, sie kommen ab und zu für ein Fondue in die Schweiz. Und ich besuche sie manchmal auch in den USA.

Auch mit Michael Jackson waren Sie auf Tour. Welche ist Ihre letzte Erinnerung an den «King of Pop»?

Er war mein grosses Jugendidol. Ich stand vor dem Spiegel und übte seinen Moonwalk. Er hat mich inspiriert, seine visuellen Umsetzungen haben unsere Shows stark be­einflusst – auch heute noch. Das letzte Mal sah ich ihn in Moskau in einem Hotellift. Ich brachte fast kein Wort heraus.

Wenn du am «Eurovision Song Contest» für ein Land antrittst, ist das etwas anderes, als wenn du einfach als Künstler ein Konzert spielst.

Gegenwind spürten Sie mit «Vampires Are Alive». In einer Petition protestierten 50 000 Schweizerinnen und Schweizer ­gegen die Zeile «Du bist hier, um mit deinem Leben zu kapitulieren». Sie bringe Junge auf Suizidgedanken, wurde kritisiert.

Wenn ich die Zeile geändert hätte, wäre der Song wohl durchs Dach gegangen, und der weltweite Support wäre uns sicher gewesen. Nein, ich fand den Song an sich einfach gut und wollte meinen sturen Kopf durchsetzen. Je öfter mir davon abgeraten wurde, desto mehr wollte ich es durchziehen.

Ausgerechnet mit diesem Song traten Sie 2007 beim «Eurovision Song Contest» an und scheiterten gnadenlos.

Wenn du am «Eurovision Song Contest» für ein Land antrittst, ist das etwas anderes, als wenn du einfach als Künstler ein Konzert spielst. Das hatte ich ganz klar unterschätzt. Zudem sahen uns alle Wettbüros als klare Sieger. Anfangs nahm ich das locker. Doch irgendwann glaubte ich, dass ich der Beste bin. Das setzt einen gewaltig unter Druck. Ich konnte dem nicht standhalten und brachte meine Leistung nicht.

Die Favoritenrolle kam nicht von ungefähr. Ihr Song «Chihuahua» war der Sommerhit 2003.

Und das ohne mein Wissen! Das Lied entstand ursprünglich für einen Werbespot und wurde, ohne mich zu fragen, veröffentlicht. Wissen Sie, worums geht?

Um einen Hund?

Nein, das denken viele. Ein Rastamann trinkt eine Cola und sagt «Chihuahua». Mit einem Tier hat der Song also nichts zu tun.

Spielen Sie das Lied heute noch? Oder haben Sie nach einer Million Mal genug?

Wir stecken unsere Songs bei jeder Tour in ein neues Gewand: musikalisch und was die Kostüme betrifft. Wenn man einen Song immer wieder neu präsentiert, wird es einem nicht langweilig.

Im Februar erhielten Sie an den Swiss Music Awards den «Outstanding Achievement Award». Normalerweise wird so ein Preis eher am Karriereende verliehen. Ist es Zeit zu gehen? Ihre letzte ­Nummer 1 liegt über 14 Jahre zurück …

Tina Turner hörte mit 70 auf … So lange uns ­jemand zuhören will und die Menschen Freude an uns haben, machen wir weiter. 25 Auftritte im Hallenstadion müssen es am Ende schon sein, damit wäre Elton Johns Rekord gebrochen. 19 haben wir schon.

Ich bezeichne mich als naiven und gutgläubigen Menschen.

Seit Ende 2006 sind Sie Botschafter des Welternährungsprogramms der Uno. Was bedeutet Ihnen dieses Engagement?

In diesen elf Jahren konnten wir mit wenig Aufwand sehr viel bewegen. In Äthiopien zum Beispiel starteten wir ein sogenanntes Schulspeisungsprogramm, bei dem die Kinder nur noch dann etwas zu essen erhielten, wenn sie zur Schule gingen. Heute können fast alle Mädchen lesen, schreiben und rechnen. Ein grosser und schöner Erfolg.

Wer gehört eigentlich zu diesem «Wir», von dem Sie dauernd sprechen?

Meine engsten Mitarbeiter und ich. Wir arbeiten seit vielen Jahren zusammen und verstehen uns blind.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Nein, ich würde mich auch nie zu politischen Themen äussern. Ich bezeichne mich als naiven und gutgläubigen Menschen.

Love, Peace und Happyness also?

Ich habe stets das Gefühl, dass jeder um mich herum ein lieber Mensch ist. Diese Naivität will ich mir für den Rest meines Lebens erhalten. Bei mir ist alles blumig und bunt. So zu leben, macht mir Freude und ist sehr angenehm. Der Rest ist mir zu anstrengend.

Trotzdem stehen Sie offen zu den Schattenseiten Ihres Lebens. In Ihrem Buch «Popstar – der ganz normale Wahnsinn» schreiben Sie unter anderem über Ihren alkoholsüchtigen Stiefvater. Hat Ihnen diese Offenheit nie Probleme bereitet?

Nein, zum Glück nicht. Aber ich kann schlecht Nein sagen und trage das Herz auf der Zunge. Mein Vorteil ist, keine Leichen im Keller zu haben. Und wenn du offen bist und zum Beispiel wie ich dazu stehst, dass du gar nicht so gut singen kannst, kann dich deswegen auch niemand angreifen.

Sie sagen, Ihr Publikum bestehe aus allen Kulturen und Religionen. Ist das ein Statement für Offenheit?

Ich bin auf der ganzen Welt mit offenen Armen empfangen worden. Und die vielen Reisen haben mich weltoffen gemacht. Ich durfte in meiner 25-jährigen Karriere so vieles sehen und entdecken – dafür bin ich dankbar. 

Auftritte in der Schweiz: Postfinance-Arena, Bern, 3. Juni; Hallenstadion, Zürich, 4. Juni

Autor: Anne-Sophie Keller, Reto Vogt

Fotograf: Daniel Winkler