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27. Juni 2016

«Wir schaffen Distanz, um das Leid ignorieren zu können»

Rund sieben Millionen Fische bevölkern die Wohnzimmeraquarien im Land. Verhaltensbiologin und Zierfischexpertin Claudia Kistler erforscht, wie es ihnen dabei geht. Nicht sonderlich gut, denn viele Besitzer von Flossentieren haben von artgerechter Haltung wenig Ahnung.


Claudia Kistler
Die Verhaltensbiologin Claudia Kistler ist bewandert in allen Fragen der artgerechten Zierfischhaltung.

Claudia Kistler, in der Öffentlichkeit spricht man regelmässig über Nutz- und Haustiere, aber Zierfische sind kaum ein Thema. Warum ist das so?

Das hat mit der Entwicklung des Tierschutzes zu tun: Angefangen hat er bei den Säugetieren, die uns Menschen am nächsten sind. Später stellte man fest, dass Vögel ein Schmerzempfinden haben. Inzwischen ist man bei den Fischen angelangt und begreift, dass auch sie hochempfindsame Wesen mit vielfältigen Bedürfnissen sind.

Umso erschreckender sind die neuesten Zahlen der Fischauffangstation in Embrach ZH: 90 Prozent der Aquarien mit mehreren Fischarten sind überbevölkert, die Arten zudem falsch zusammengesetzt. Acht von zehn Fischen sterben in den ersten drei Monaten ab Kauf. Sieben von zehn Fischen sind überfüttert oder zeigen Mangelerscheinungen. Was sagen Sie dazu?

Die Fischauffangstation sieht natürlich vor allem die negativen Beispiele, weil sie etwa unerwünschte Aquarien leeren muss. Aber das Wissen über Fische ist generell gering, deshalb kommt es immer wieder zu gravierenden Fehlern. Man kann Heimtierhalter halt nicht im gleichen Mass kontrollieren wie Landwirte oder Zoos. Und in der Schweiz werden viele Fische gekauft, das heisst, dass auch viele Fische sterben. In der Fischerei spricht man gar von Tonnen statt von der Anzahl getöteter Individuen – wir schaffen bewusst Distanz, um das Leid besser igno­rieren zu können. Die Zahlen aus Embrach erlauben jedenfalls Rückschlüsse auf die Probleme bei der Aquarienfischhaltung.

Oft fehlt das Wissen darüber, wie wichtig und anspruchsvoll es ist, die richtige Qualität des Wassers sicherzustellen.

Bei Hunden oder Katzen würde eine solche Bilanz einen öffentlichen Aufschrei auslösen.

Fische leben im Wasser, in einem ganz anderen, uns fremden Element – was ebenfalls zu einer gewissen Distanz führt. Und oft fehlt das Wissen darüber, wie wichtig und anspruchsvoll es ist, die richtige Qualität des Wassers sicherzustellen: Wird es falsch oder zu selten gewechselt, können sich Schadstoffe ansammeln, auf die Fische sehr empfindlich reagieren. Anders als der Mensch bewegen sie sich im selben Milieu, in dem sie auch ihre Ausscheidungen produzieren. Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum Tierärzte gibt, die sich mit Fischen wirklich auskennen.

Warum ist das so?

Man verdient mit Fischen kein Geld; sie kosten in der Tierhandlung fast nichts. Während viele Haustierbesitzer für kranke Hunde oder Katzen ein Vermögen ausgeben, lassen sie einen kranken Fisch lieber sterben und kaufen sich für ein paar Franken einen neuen. Eine Ausnahme sind Kois, die als seltene Exemplare einige zehntausend Franken kosten können. Zu ihnen entwickeln die Besitzer oft auch eine starke emotionale Bindung. Wissenschaftler, die den Anglern nahestehen, sprechen den Fischen allerdings jegliche Empfindungsfähigkeit ab.

Gestresste Fische haben eine erhöhte Kiemenschlagrate und werden bleich oder dunkel, je nach Art. Sie ziehen sich in eine Ecke zurück und werden apathisch oder zeigen ein stereotypes Verhalten.

Und was sind Ihre Erkenntnisse dazu?

Fische haben alle Voraussetzungen, um Schmerzen zu empfinden. Sie zeigen etwa ähnliche Stressreaktionen wie Landwirbeltiere. Dies kann man bei Fischen über das Stresshormon Cortisol nachweisen, da sie es über die Kiemen ins Wasser abgeben. Gestresste Fische haben eine erhöhte Kiemenschlagrate und werden bleich oder dunkel, je nach Art. Sie ziehen sich in eine Ecke zurück und werden apathisch oder zeigen ein stereotypes Verhalten – wie ein Tiger, der im Käfig ständig hin- und hergeht. Über die Laborhaltung von Fischen weiss man noch sehr wenig, weil dazu kaum geforscht wird. Meist fehlt es an einer geeigneten Ausstattung der Aquarien. Wie wertvoll Studienresultate mit verhaltensgestörten Tieren sind, steht auf einem anderen Blatt.

«Als ich mich mit Fischen zu beschäftigen begann, war ich sofort fasziniert», sagt Claudia Kistler
«Als ich mich mit Fischen zu beschäftigen begann, war ich sofort fasziniert», sagt Claudia Kistler.

Woher kommt Ihr Forschungsinteresse für Fische?

Zuerst wollte ich ja die Haltung von Rotfüchsen in Tierparks untersuchen. Das erwies sich als schwierig, weil es an Beispielen fehlte. Zur artgerechten Haltung stellen sich aber ohnehin immer die gleichen Fragen – egal, ob es sich um Füchse, Kühe oder Fische handelt: Welche Strukturen nutzt ein Tier? Wie muss ich die Fütterung gestalten, damit es sein arttypisches Verhalten möglichst gut ausleben kann? Die Idee, meine Forschung auf Fische zu konzentrieren, entstand auch deshalb, weil es einfacher war, die für aussagekräftige Ergebnisse notwendige Stichprobenzahl zu erreichen. So entschied ich mich, an der Universität Zürich eine Versuchsanlage mit zwölf grossen Aquarien aufzubauen.

Sie sind also nicht von Haus aus ein Fischfan?

Nein, wobei ich mit Pferden, Katzen, Hunden, Kaninchen und Meerschweinchen aufgewachsen bin und mein Vater auch ein Aquarium hatte. Mich interessiert eigentlich jedes Tier. Und als ich mich mit den Fischen zu beschäftigen begann, war ich sofort fasziniert.

Weshalb?

Nur schon diese ungeheure Vielfalt – es gibt rund 30 000 Arten mit sehr unter­schied­lichen Lebens- und Verhaltensweisen. Zu meinen Fischen an der Universität entwickelte sich eine echte emotionale Beziehung. Ich gewann sie wirklich lieb – sie waren «meine Fischli».

Schützenfische können sogar zwischen menschlichen Gesichtern unterscheiden. Und bei Rochen hat man Spielverhalten beobachtet.

Tatsächlich? Obwohl man mit einem Fisch nicht interagieren kann?

Man kann den Fisch nicht berühren, das stimmt. Aber Fische nehmen Menschen sehr wohl wahr; sie haben ausgezeichnete Augen. Schützenfische etwa können laut einer Studie sogar zwischen menschlichen Gesichtern unterscheiden; sie reagieren, wenn man ans Aquarium herantritt. Und bei Rochen hat man Spielverhalten beobachtet. Allerdings kann man nicht verallgemeinern: Da Fische rund die Hälfte aller Wirbeltiere des Planeten ausmachen, sind sie entsprechend vielfältig und unterschiedlich. Von den 30 000 Arten finden sich etwa 50 am häufigsten in unseren Aquarien und 2000 in den Aquarien weltweit.

Oft schaffen sich Menschen ein Aquarium aus rein dekorativen Gründen an: «Die Leute möchten gern ein paar Pflanzen und bunte Fische im Wohnzimmer, das sieht nett aus.»
Oft schaffen sich Menschen ein Aquarium aus rein dekorativen Gründen an: «Die Leute möchten gern ein paar Pflanzen und bunte Fische im Wohnzimmer, das sieht nett aus.»

Weshalb schaffen sich Menschen Aquarien an? Geht es vor allem um hübsche Innendekoration, oder steckt mehr dahinter?

Leider ist die Dekoration sehr häufig ein Kriterium: Die Leute möchten gern ein paar Pflanzen und bunte Fische im Wohnzimmer, das sieht nett aus. Wenn man sich aber nicht intensiv genug mit der Haltung befasst, besteht die Gefahr, dass die Fische leiden und sterben. Denn eigentlich baut man sich ein Biotop auf, eine Unterwasserwelt. Man kann sich hinsetzen und beobachten. Je mehr man über die Bewohner dieser Unterwasserwelt weiss, desto interessanter wird es.

Gibt es den typischen Aquariumbesitzer?

Nein, aber wir wissen, dass der Fisch das am zahlreichsten vorkommende Haustier in der Schweiz ist. Gemäss einer Schätzung des Schweizer Tierschutzes sind es sieben Millionen Aquarienfische.

Was sollte man bei der Haltung beachten?

Natürlich können wir in einem Aquarium nie das bieten, was Fische wirklich brauchen. Wichtig ist, dass sie selbst entscheiden können, ob sie sich zurückziehen, schwimmen oder auf Futtersuche gehen wollen. Ganz wichtig ist eine an die Grösse des Aquariums angepasste Anzahl Fische und möglichst nur eine Fischart. Ausserdem sollte man die Fütterung unvorhersehbar machen, denn die Hauptbeschäftigung vieler Fischarten ist – wie bei vielen anderen Tierarten – die Futtersuche. Abwechslung ist deshalb zentral; je nach Fischart kann man auch mal lebende Mückenlarven füttern oder ein Stück Gurke ins Aquarium legen. Generell sollte man nicht zu viel Futter geben. Vor allem die kleinen Fischarten brauchen nicht sehr viel.

Manchmal sollte auch das fischgerechte Töten ein Thema sein. Doch darüber spricht man nicht so gern.

Haben es korrekt gehaltene Tiere im ­Aquarium – ohne Feinde – nicht sogar besser als in der Natur?

Das lässt sich nicht direkt vergleichen, es ist ein anderes Leben, das Einschränkungen mit sich bringt. Weltweit werden mehrere hundert Millionen Aquarienfische gehalten. Das ist zu viel: Wenn die Fische sich zu stark vermehren, kann es manchmal sinnvoller sein, die Zahl der Tiere wieder zu reduzieren, statt sie dem chronischen Stress des Überbestands auszusetzen. Das heisst, dass manchmal auch das fischgerechte Töten ein Thema sein sollte. Doch darüber spricht man nicht so gern.

Der Animationsfilm «Finding Nemo» führte zu einem Run auf Clown­fische – dieses Jahr kommt die Fortsetzung, «Finding Dory», in die Kinos. Helfen solche populären Filme, die Wertschätzung gegenüber Fischen zu verbessern?

Eher nicht. Bei den Hauptfiguren handelt es sich um Meeresfische, die Salzwasser brauchen und deshalb in der Haltung viel anspruchsvoller sind. Und wenn diese Fische dann nicht mehr erwünscht sind, setzt man sie einfach aus oder kippt sie in die Toilette.

Wenn tropische Fische in unseren viel zu kalten Gewässern ausgesetzt werden, sterben sie spätestens Anfang Winter.

Das ist bestimmt ein besonders qualvoller Tod.

Man weiss ja, wohin das Toilettenwasser geleitet wird. Aber auch wenn tropische Fische in unseren viel zu kalten Gewässern ausgesetzt werden, sterben sie spätestens Anfang Winter. Eine Fischart, die bei uns überlebt, ist der Goldfisch – zum Leidwesen vieler Naturteichliebhaber, denn Goldfische fressen Amphibienlaich. Übrigens ist es verboten, Goldfische auszusetzen.

Haben Sie einen Lieblingsfisch?

Eigentlich nicht. Aber in meinem Büro halte ich Feenbuntbarsche, zwei Erwachsene und etwa 30 Jungtiere. Die Art wird auch «Prinzessin von Burundi» genannt und stammt aus dem ostafrikanischen Tanganjikasee, einem sehr interessanten Biosystem. Übernommen habe ich sie vom Fischtierheim in Embrach – dem einzigen in der Schweiz. Es bräuchte dringend mehr solcher Plätze.

Und warum haben Sie sich gerade für diese Fische entschieden?

Sie haben ein bemerkenswertes Sozialsystem: Der Nachwuchs bleibt bei den Eltern und hilft bei der Brutpflege, verteidigt weiteren Nachwuchs und reinigt das Territorium. Erst nach einem Jahr wandern die Jungen weiter und suchen sich ein eigenes Revier. Ich kann vielleicht noch eine zweite Familie im Aquarium etablieren, weil es immerhin 150 Zentimeter lang ist. Aber besonders die Eltern sind noch relativ scheu und verstecken sich gern zwischen den Steinen, wenn sich jemand nähert. Jedenfalls sitze ich gern davor und beobachte, was so passiert ...

Autor: Reto E. Wild, Ralf Kaminski

Fotograf: Ornella Cacace