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18. August 2014

Direkt aus der Filmküche

«The 100 Foot Journey» knüpft an die Tradition von Kochen oder Schlemmen im Kino an, bald setzt sie «Der Koch» fort. Ein kleiner Rückblick auf bisherige Highlights in Form eines Degustationsmenüs. Und welches ist Ihr Liebling?

Packshots der besten »Ess-Filme»
Packshots der besten »Ess-Filme».

Essen und Kochen im Film: Diese Kombination hat schon oft die Augen verwöhnt und selten für (Über-)Sättigung gesorgt. Migrosmagazin.ch stellt hier sein Lieblingsmenü (mit Link zur Ex-Libris-Bestellseite) vor. Es wurde mehr auf Nahrhaftes als Komplexes geachtet und auf kulturelle Vielfalt. Jüngeren Teenagern müsste allenfalls die erste Vorspeise vorenthalten werden (dafür wurde als französischer Hauptgang eine harmlosere Variante als der frivole Klassiker «La Grande Bouffe » gewählt!), Eltern aber keineswegs das raffinierte zweite Entrée. Dieses wird natürlich auch den Kleineren serviert.

Witzig, dass viele der Kinowerke mit starkem Ess- und Kochbezug daneben zumeist von zwei Dingen handeln: von Liebe und, etwas überraschender, vom Ausbruch aus festgefahrenen Lebens- und Gesellschaftsformen. Auch die (R)Evolution geht bisweilen scheinbar durch den Magen. Nicht nur wenn der leer bleibt, weil das Essen schlicht fehlt.

Ist Ihr Lieblingsfilm zur Kulinarik nicht dabei? Dann verraten Sie ihn in einem Kommentar (nach den fünf Tipps) mit kurzer Begründung. Vielen Dank!

Amuse-Bouche: Fried Green Tomatoes

Regisseur Jon Avnet und das vorzügliche weibliche Casting mit einer herausragenden Kathy Bates landeten vor rund 25 Jahren einen Hit. Die (bald weniger) frustrierte Evelyn trifft im Spital die vife alte Ninny, die ihr ausführlich erzählt, wie um 1930 mit Idgie und Ruth zwei reichlich untypische Freundinnen das Whistle Stop Café eröffneten und eine Weile sich selbst gegen Rassisten und brutale Patriarchen behaupteten. Vor allem diese prägende Rückblende überzeugt im Director’s Cut der DVD noch mehr, weil neben den dramatischen Szenen noch etwas mehr Alltagsleben und die Sitten von anno dazumal hinüberkommen. Essen und Trinken laufen hier selten erfrischend, ohne jede Metaphernschwere nebenher: Muss man ja schliesslich! Bis in der Geschichte doch noch eine formidable Schlusspointe genau darin liegt, was aufgetischt wird ...

Erste Vorspeise: Tampopo

In diesem bis heute unterschätzten Film des Japaners Juzo Itami ist das Essen so zentral wie zuvor und nachher nie mehr. Dennoch kommt der Film mit vielen abwechslungsreichen Geschichten und Aperçus so erstaunlich leicht und locker daher, zugleich aber mit Biss. Genau dies gilt auch für die vierte Hauptfigur neben der Imbissinhaberin Tampopo und den beiden Truckern, die sie unterstützen wollen, ihre Bude auf Vordermann zu bringen: die Nudelsuppe. Um diese perfekt zu machen, müssen die drei zu vielen Geheimnissen vom Wasser über die Nudeln bis zu anderen Zutaten vorstossen, aber auch zu jenen von Zusammenhalt, Wirtschaft und, ja: Liebe und Sex. Sicher ist: Der japanischen Küche Unkundige werden nach dem Film keine derartige Suppe mehr so nebenher runterschlürfen.

Zweite Vorspeise: Ratatouille

Eine genauso süsse wie freche Geschichte für Kinder ab frühestem Schulalter und alle Älteren. Regisseur Brad Bird und die Animationsmacher von «Cars» lassen den Zuschauer wie eine handelnde Person im Schlepptau des Möchtegern- und bald veritablen Kochs Remy durch eine Pariser Gourmetküche wuseln, gondeln und fliegen. Ach ja, ganz vergessen: Remy ist eine Ratte! Dank dem aufrechten, aber weniger inspirierten Küchenjungen Linguini schafft es Remy tatsächlich, das Ratatouille herzuzaubern. Obschon ja kein Film mit realen Menschen und Umgebungen: Hätte man dieses Chef d’oeuvre nur echt auf einem Teller kosten können!

Hauptgang: Babettes Fest

Dieser Hauptgang in Form der dänischen Umsetzung des Romans von Tanja Blixen (Regie: Gabriel Axel) bringt erzählerisch raffiniert doch noch etwas Schwere ins Menü: An Jütlands karger Küste kommt die französische Köchin Babette ins Haus der Schwestern Martina und Philippa, Töchter des verstorbenen Gründers einer pietistischen Sekte. Babette reiht sich brav in den geordneten Alltag im fromm-unscheinbaren Milieu des 19. Jahrhunderts ein, in dem es bisweilen im Untergrund brodelt, und bekennt sich zu Ess- und Kochsitten der neuen Heimat. Bis sie mit einem Lottogewinn ein grosses Fest für den ganzen Ort schmeissen will – mit ausschweifender französischer Küche! Das reisst einiges auf in Jütland, aber auch in Babettes Vergangenheit, die wegender Wirren der Französischen Revolution in den Norden geflohen ist.

Dessert: Chocolat

Als Nachspeise wartet natürlich wieder etwas Versöhnliches, aber genauso von Leben, Liebe und unerfüllten Träumen Genährtes: Der letzte Lasse-Hallström-Film (vor «The Hundred Foot Journey») zum Thema Essen. Diesmal steht die Filmszenerie von 1960, auch ein verschlafenes Städtchen, bereits im Kochland Nummer 1: Frankreich. Vianne (Juliette Binoche) zieht mit ihrer Tochter hierher und startet sogleich mit ihrer für eine alleinstehende Frau mutigen Businessidee. Ihre Chocolaterie eröffnet zudem noch mitten in der Fastenzeit. Witzig ist, wie die verführerisch gefilmten Süssigkeiten die verknöcherte Gesellschaft langsam auftauen, gar die Hierarchie infrage stellen, wähnt doch der Bürgermeister alter Schule seine Macht durch die einreissende Schleckmäulerei glatt gefährdet. Ein Machtkampf beginnt, der es ebenso in sich hat wie ein Riesentruffe.

Autor: Reto Meisser