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12. August 2013

«Ich sehe mich mehr als Berater denn als Vermittler»

Dino Lamberti gehört einem Berufsstand mit schlechtem Ruf an. Er vermittelt Fussballspieler. Es geht um Millionen, aber auch um Menschen. Ein ehrliches Gespräch über Geld, Vertrauen und Seriosität.

Dino Lamberti an einem gläserenen Töggelikasten
In seinen Händen sollen Spieler zu Goldjungen werden: Spielerberater Dino Lamberti am gläsernen Töggelikasten in seinem Büro in Zürich.

Dino Lamberti, die neue Fussballsaison in der Schweiz läuft seit Mitte Juli. Wer ist Transfersieger?

Aus meiner Sicht hat sich der FC St. Gallen sehr gut verstärkt. Deshalb gehört der Verein für mich zu den Transfersiegern. Allerdings kann dies erst nach einigen Monaten Spielzeit definitiv beurteilt werden.

Was reizt Sie am Fussballgeschäft?

Es motiviert mich, die Entwicklung junger Spieler zu begleiten. Wenn sie den Sprung vom Nachwuchstalent zum Fussballstar schaffen, erfüllt mich das mit Stolz. Ich übe diese Tätigkeit mit grosser Leidenschaft aus.

Jetzt mal ehrlich: Es geht doch nur noch ums Geld!

An erster Stelle steht für mich nicht das Geld, sondern die Karriere des Spielers. Aber selbstverständlich spielt auch die wirtschaftliche Komponente eine wichtige Rolle.

Den Spielervermittlern haftet in der Öffentlichkeit das Image von Geldgeiern an. Wie gehen Sie damit um?

Ich fühle mich nicht angesprochen. Ich arbeite mit Spielern, die mir seit Jahren vertrauen. Übrigens sehe ich mich mehr als Berater denn als Vermittler.

Was sind schwierige Momente in Ihrem Job?

Wenn ein Spieler eine schlechte Phase hat, beschäftigt mich das sehr. Dann bin ich als Berater besonders gefordert. Als zum Beispiel Gökhan Inler ein Tief hatte, musste ich ihm verstärkt zur Seite stehen. Es war ihm ein Anliegen, nach jedem Spiel meine Meinung zu seiner Leistung zu hören. Oft helfen ihm meine Worte, wieder in die Spur zu finden. Wenn das Telefon nicht ausreicht, fliege ich für ein Gespräch unter vier Augen nach Neapel, wo er spielt.

Sie verpflichten sich in den ­Verträgen mit ihren Spielern zu Besuchen am Wohnort?

Eigentlich nicht. Der Standardvertrag des Schweizerischen Fussballverbands, der eine maximale Laufzeit von zwei Jahren aufweist, ist ein reiner Vermittlervertrag. Ich biete meinen Spielern aber viele weitere Dienstleistungen an, die darüber hinausgehen. Zum Beispiel Ernährungsberatung, Mentaltraining, zusätzliches Konditionstraining, Vitaminchecks, Blutkontrollen, Videoanalysen sowie die Betreuung ihrer Websites und Facebook-Profile.

Wenn ein Kind das Potenzial hat, Fussballprofi zu werden, verändert das eine Familie enorm.

«Gökhan Inler steht seit elf Jahren bei mir unter Vertrag. Trotzdem befinden wir uns noch heute in ständigem Kontakt.»
«Gökhan Inler steht seit elf Jahren bei mir unter Vertrag. Trotzdem befinden wir uns noch heute in ständigem Kontakt.»

Ist die Betreuung der Spieler in den Vereinen so schlecht, dass Sie diese übernehmen müssen?

Dies ist je nach Land sehr unterschiedlich. Zudem beschäftigen die Vereine bis zu 30 Spieler. Da können sie sich nicht um jedes Detail kümmern. Wir können die Spieler auch bei Wohnungssuche, Autokauf, Steuererklärung und vielem mehr unterstützen.

In diesem Fall übernehmen Sie eigentlich Aufgaben der Familie. Wie wird diese bei Ihrer Tätigkeit eingebunden?

Es ist wichtig, dass zwischen Spieler, Familie und mir offen und ehrlich kommuniziert wird. Wenn ein Kind das Potenzial hat, Fussballprofi zu werden, verändert das eine Familie enorm. Ich habe aber eine klare Philosophie: Wenn sich die Eltern oder Geschwister zu stark in die Karriereplanung und meine Beratungstätigkeit einmischen, kommt eine Zusammenarbeit nicht infrage.

Wie werden Sie für Ihre Dienstleistungen bezahlt?

Mein Lohn hängt vom Alter und Arbeitsort des Spielers ab. In der Regel erhalte ich zwischen fünf und zwölf Prozent des von mir ausgehandelten Jahresgehalts.

Welchen Umfang haben solche Verträge, und was wird darin alles festgehalten?

In einer grossen Profiliga umfasst ein solches Dokument rund 50 Seiten. Erwähnt sind die Vertragsparteien und der involvierte Berater, Rechte und Pflichten des Vereins und des Spielers. Vertragsdauer, Entlöhnung und Prämienvereinbarungen. Die Bildrechte des Spielers, Erklärung gegen Doping, Verhaltenskodex, Konventionalstrafen. Und natürlich der Hinweis auf die gültigen Reglemente der Fifa, Uefa und des nationalen Verbands.

Bei welchen Transfers, die in letzter Zeit getätigt wurden, waren Sie involviert?

Ich habe den Transfer des Brasilianers Raffael von Dynamo Kiew zu Borussia Mönchengladbach durchgeführt. Zudem verlängerte ich bei verschiedenen Spielern die Verträge mit den bestehenden Clubs: Ronny bei Hertha BSC, Almen Abdi beim FC Watford, Davide Mariani und Leandro Di Gregorio beim FC Zürich.

Wie kommt ein Transfer zustande?

Wenn ein Verein an einem Spieler interessiert ist oder wenn ich den Spieler, aufgrund unserer Karriereplanung, den sorgfältig ausgewählten Vereinen anbiete. Am Beispiel von Raffael: Es gab nach dem Abstieg von Hertha BSC in der Saison 2011/12 mehrere Vereine, die ihn verpflichten wollten. Neben Borussia Mönchengladbach bemühte sich vor allem Dynamo Kiew intensiv um ihn. Obwohl wir wussten, dass der Schritt in die Ukraine ein gewisses Risiko sein könnte, haben wir uns dafür entschieden, da neben der finanziellen auch die sportliche Komponente eine interessante Herausforderung darstellte.

Das Risiko ist nicht aufgegangen …

Leider nicht. Raffael und seine Familie fühlten sich nicht wohl, und deshalb suchten wir für die Rückrunde der vergangenen Saison eine neue Lösung. Mit Schalke 04 und wiederum Borussia Mönchengladbach buhlten zwei Bundesligisten um den Spieler. Da nur Ersterer bereit war, die geforderte Leih­summe zu zahlen, wechselte Raffael für ein halbes Jahr dorthin. In diesem Sommer klappte der Transfer zu Borussia Mönchengladbach endlich.

Wird jeder Transfer genau gleich abgewickelt? Egal, ob zwei Vereine aus der Super League oder Bayern München und der FC Barcelona beteiligt sind?

Im Prinzip schon. Es sind einfach andere Zahlen (lacht). Aber ein Transfer ins Ausland ist umfangreicher und aufwendiger.

Welches ist das beste Alter für einen jungen Spieler, um die Schweiz zu verlassen?

Das kann man nicht generell sagen. Es kommt auf den Charakter des Spielers und die Familienstruktur an. Xherdan Shaqiri beispielsweise hätte schon früher ins Ausland wechseln können. Er glaubt an seine Fähigkeiten, ist selbstbewusst — ihn schreckt nichts ab. Andere mental weniger starke Spieler sollten sich in der Schweiz über längere Zeit an die Gegebenheiten des Profifussballs gewöhnen und den Schritt erst machen, wenn sie mental gewachsen sind und alle anderen Faktoren für einen Auslandtransfer stimmen.

Haben Sie einem Spieler schon von einem Transfer abgeraten, obwohl er hätte wechseln können?

Ja. Marco Schönbächler vom FC Zürich hätte vor zwei Jahren zu Borussia Mönchengladbach wechseln können. Aber wir haben gemeinsam mit der Familie beschlossen, noch zu warten.

Welche Rolle spielen die Medien bei Transfergerüchten und spekulierten Lohn- und Transfersummen?

(lacht) Die genannten Löhne entsprechen selten der Rea­lität. Auch die Transfersummen, die auf der Website Transfermarkt.ch gelistet sind, entsprechen vielfach nicht dem reellen Marktwert. In der Praxis werden Bonuszahlungen einkalkuliert, die ausgeschüttet werden, wenn der Spieler Leistungsziele erreicht oder öfter zum Einsatz kommt.

Welches war Ihr Königstransfer?

Der Wechsel von Gökhan Inler von Udinese zum SSC Neapel für eine Summe von fast 26 Millionen Franken.

Wie hoch war Ihr Anteil daran?

Null. Ich erhalte wie erwähnt einen Anteil seines Jahres­gehalts.

Verhält es sich bei Transfers von Spielern anders, die nicht bei Ihnen unter Vertrag stehen?

Ja. Zum Beispiel führte ich den Wechsel von Alexis Sánchez von Udinese zum FC Barcelona mit einer Transfersumme von 32 Millionen Franken durch. Da sagte der Präsident von Udinese zu mir: «Wenns klappt, kriegst du etwas.»

Was war das «Etwas»?

Er bot mir von sich aus etwas an, ich verlangte keine bestimmte Summe, da ich ihm vertraue.

Ein neues Auto …

(lacht) Nein, nein. Bei solchen Summen ist es dann schon etwas mehr als ein neues Auto.

Sie sprechen auffällig oft über Gökhan Inler. Wer steht sonst noch bei Ihnen unter Vertrag?

Silvio, Almen Abdi, Adrian Nikci, Marco Schönbächler und Davide Mariani, Stephan Nater sowie weitere Schweizer und brasilianische Talente. Ausserdem Marcel Koller, der Trainer der österrei­chischen Fussballnationalmannschaft.

Verändert sich die Arbeit mit einem Spieler, wenn er älter wird und Nationalspieler ist?

Gökhan Inler steht seit elf Jahren bei mir unter Vertrag. Trotzdem befinden wir uns noch heute in ständigem Kontakt.

Haben Sie auch eigene Kinder, die Sie zu potenziellen Profifussballern formen können?

Ich habe eine Tochter, sie wird bald sieben Jahre alt. Sie besucht aber im Moment lieber den Ballettunterricht …

Autor: Reto Vogt, Reto E. Wild