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05. März 2012

«Dinge vermitteln Messies Sicherheit»

Für den Psychologen Heinz Lippuner leiden Betroffene an einer Bindungsstörung.

Der Psychologe und Psychotherapeut FSP Heinz Lippuner (58) arbeitet seit zwölf Jahren mit Messies.
Der Psychologe und Psychotherapeut FSP Heinz Lippuner (58) arbeitet seit zwölf Jahren mit Messies.(Bild: Marion Nitsch)

Heinz Lippuner, der Film «Messies» vermittelt den Eindruck, Betroffene seien sehr kreative, interessierte Menschen. Ist dem generell so?

Nein, es trifft aber auf viele Messies zu, die sich in der Selbsthilfebewegung engagieren. In wissenschaftlichen Kreativitätstests schneiden Messies nicht besonders gut ab. Sie haben viele Ideen, können diese aber nicht umsetzen.

Leiden Messies an einer Art Depression?

Das heisst es oft. Aber diejenigen, die ich kennengelernt habe, sind aktiver und interessierter als Menschen mit einer Depression. Anders als bei Depressiven entsteht ihr Rückzug aus Schamgefühl und weniger aus dem Bedürfnis heraus, bestimmte Situationen zu vermeiden.

Handelt es sich um eine Krankheit?

Nein. In der Psychologie und Psychiatrie gibt es kein Messiesyndrom. Was diagnostiziert wird, sind Zwangserkrankungen und depressive Störungen mit einer Tendenz zum Messiesyndrom. Und dann gibt es eine Art Desorganisationsproblematik.

Wo verläuft die Grenze zwischen Messietum und Verwahrlosung?

Deutsche TV-Sendungen zeigen die Extremformen: Neben grosser Unordnung auch vergammeltes Essen, das ist Verwahrlosung. Die meisten Messies häufen Papier und andere Sammelutensilien an, kein Essen. Entscheidungen zu treffen fällt ihnen schwer. Das ist ein Grundproblem bei Menschen mit einer Zwangserkrankung: die ewige Angst, Fehler zu machen. Man fängt besser gar nicht an, als es nicht richtig zu machen.

Wer ist gefährdet, ein Messie zu werden?

Zu genetischen Veranlagungen oder anderen Einflüssen wie etwa der Erziehung gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Aber man geht davon aus, dass die meisten Messies eine Bindungsstörung haben. Sie haben keine sicheren Grunderfahrungen mit Bindungen zu anderen Menschen gemacht — und bauen deshalb Bindungen zu Dingen auf, von denen sie sich nicht mehr trennen können. Sie vermitteln ihnen Sicherheit.

Wie kann Messies geholfen werden?

Viele wollen gar keine Hilfe, verweigern sie gar. Bei mir melden sich viel öfters Angehörige als Betroffene. Helfen ist sehr schwierig. Ich therapiere nur noch Leute, die bereit sind, mit einer Person zusammenzuarbeiten, die in der Wohnung Räumungsarbeit begleitet, also nicht selber aufräumt. Die Therapie nützt nichts, wenn der Betroffene weiter hortet.

www.verhaltenssucht.ch

Autor: Esther Banz