Archiv
13. Februar 2017

Digitale Nomaden auf hoher See

Ihr Büro ist die ganze Welt, ihr einziger ständiger Begleiter ist der Laptop. Und sie arbeiten dort, wo andere Ferien machen, zum Beispiel auf einem Kreuzfahrtschiff. Vier digitale Nomaden gewähren Einblick in ihr unkonventionelles Wanderleben – und erklären die Faszination ihres Lebensmodells im Video.

Stella vertreibt online Schmuck aus Uganda
Stella vertreibt mitten auf dem Atlantik online Schmuck von Kriegswitwen in Uganda. (Bilder

Vorbei an Whirlpool und Fitnesscenter, quer über Deck 11, die Treppe runter zur Joggingbahn: Stella (31) ist auf dem Weg zur Arbeit. Die Hand fest an der Reling, denn die «MS Monarch» wird gerade besonders stark vom Atlantik durchgeschüttelt. Es ist Montagmorgen, und ein Fotoshooting für ihren Online-Schmuckverkauf steht an.

Noch neun Tage und 3092 Seemeilen dauert es bis Lissabon. Und die werden intensiv genutzt von den 197 digitalen Nomaden an Bord – wenn der starke Wellengang nicht ­gerade einen Keil zwischen den ­modernen Wanderarbeiter und seinen Laptop treibt. Denn ohne Laptop geht bei den digitalen Nomaden fast gar nichts. Mit Computer und Internet ausgestattet, bestimmen sie selbst, was, wann, wo und mit wem sie arbeiten.

«Der digitale Nomade erledigt nicht einfach nur seine Arbeit an einem anderen Ort, er entwickelt dabei einen völlig neuen Lebensstil», sagt Lorenz Ramseyer (43), IT-Experte und Gründer des Schweizer Netzwerks «Digitale Nomaden CH» mit über 200 Facebook-Mitgliedern sowie Betreiber von Digitalenomaden.ch .

Doch mit Ort- und Zeitunabhängigkeit ist es nicht getan. Oftmals kommt dazu auch das Loslassen von Besitztümern. Man braucht die Villa am Meer nicht zu kaufen, wenn man sie für zwei Wochen auf Airbnb mieten kann. Nicht das Materielle steht im Vordergrund, sondern das Erleben. Und die Sharing Economy machts möglich. Auch ein Grund, weshalb die meisten nur mit Handgepäck unterwegs sind. Handgepaeckshop.de zeigt, wies geht.
Doch da Teilen zusammen einfach mehr Spass macht, findet man die ­Ortsunabhängigen oft in sogenannten Hubs, wo sie in Co-Living-Spaces am Co-Worken sind – in Chiang Mai, ­Medellin, Tarifa, Berlin. Oder eben auf einem Kreuzfahrtschiff.

Es hat noch Platz für Schweizer

Genau damit eröffnet Johannes (33), Gründer der Nomad Cruise , den digitalen Nomaden eine weitere Dimension der Freiheit. Wohnen, Arbeiten, Netzwerken und Weiterbilden, während man den Atlantik überquert. Vom Desksharing zum Decksharing. Umgeben von All-you-can-eat-Buffet, Casino und Kletterwand. Besser geht es nicht.

Bewerben kann sich jeder und jede. Diesmal gingen in Cartagena (Kolumbien) rund 200 Teilnehmende aus 33 Nationen an Bord – darunter allerdings nur drei Schweizer. «Das ist seltsam. Eigentlich wären sie prädestiniert für diesen Lifestyle: ein weltweit akzeptierter Pass, die Attraktion der tiefen Lebenshaltungskosten ausserhalb der Schweiz …», so Johannes. Vielleicht gehe es ihnen einfach zu gut im eigenen Land.

«Ich wünschte, dass mehr Leute so was anpacken und sich nicht einschüchtern lassen», sagt Bastian (30). «Jeder kann das.» Er selbst hat einen, wie er sagt, ungeraden Lebenslauf. Nach dem Abitur in Deutschland wollte er Lehrer werden und hat Sport und Englisch studiert. Doch der Ansturm auf den Beruf war zu jener Zeit riesig und alle Kurse voll. Darauf hatte er keine Lust und brach die Ausbildung ab. «Mein nächster Schritt sollte mir eine Tätigkeit auch ausserhalb Deutschlands ermöglichen.»

Er liess sich zum Hotelfachmann ausbilden. «Das ist ein Knochenjob, bei dem man obendrauf noch nicht mal sonderlich gut verdient. Hinzu kommt, dass man ständig die Freiheit und den Reichtum der Gäste vorgeführt bekommt. Ich fühlte mich nicht so glücklich dabei.»

Also raus aus dem Hotel, zurück an die Universität. Denn wer was werden will, muss schliesslich studieren, dachte er zumindest damals. Heute weiss er es besser und nennt es einen Glücksfall, dass er während des Studiums auf die digitalen Nomaden gestossen ist. Aus seiner Unzufriedenheit heraus hat er erst einmal gegoogelt: «Wie verdiene ich Geld im Internet?» Die Antwort hat sein Leben verändert. Und mittlerweile das von Tausenden weiteren Menschen. Denn es führt die Suchenden direkt zur Bibel der ortsunabhängigen Anhänger: «Die 4-Stunden-Woche» von Tim Ferris.

Noch während des Studiums hat Bastian mit dem Aufbau seines Amazon FBA Geschäfts begonnen: dem Handel mit Produkten, die er in Asien mit seiner eigenen Marke «labeln» lässt und dann online verkauft. Die Abwicklung übernimmt Amazon (FBA = Fulfillment by Amazon). «Dieser automatisierte Ablauf ermöglicht es mir, 13 Tage ohne Internet auf dem Atlantik zu sein und trotzdem nebenbei Geld zu ver­dienen. Mein Motto: ‹Work smart, not hard›.»

Es geht darum, sich selbst zu verwirklichen

Und sein Geschäft läuft gut. Heute finanziert er sich nicht nur seinen Lebensunterhalt damit, sondern ist gleichzeitig einer der führenden Kapazitäten zum Thema Amazon FBA in Deutschland. Unter seinem Label Officeflucht.de bietet Bastian Kurse für Menschen an, die sich ebenfalls für ein freies und selbstbestimmtes Leben entschieden haben. Genau davon handelt auch sein ausgebuchter Workshop auf der Kreuzfahrt. «Bei diesem Lifestyle geht es nicht darum, Stereotype zu erfüllen und ständig durch die Welt zu vagabundieren. Das Ziel ist vielmehr, sich selber zu verwirklichen. In welcher Art auch immer.»

Wenn man einmal begriffen hat, wie zugänglich diese Freiheit eigentlich ist und wie wenig Vorerfahrung es braucht, kann und will man anscheinend gar nicht mehr in das ortsgebundene und fremdbestimmte Leben zurück. Und fast noch wichtiger: Man verspürt den Drang, auch weniger privilegierten Menschen diese Erfahrung zu ermöglichen. Bastian reist deswegen in Länder wie Marokko, Uganda und Kambodscha, um den Jugendlichen zu zeigen, dass man mit Computer und Internet viel mehr tun kann, als nur auf Facebook abzuhängen.

Auch Stellas Workshop «Social Entrepreneurship in Africa» ist bis auf den letzten Stuhl besetzt. «Wie kann man diese Welt zu ­einem besseren Ort machen?», fragt die Deutsch-­Holländerin – und hat Antworten, die die ­Teilnehmer schon auf der ersten ­Nomad ­Cruise im November015 begeistert hatten. Denn sie weiss, wovon sie spricht: Inspiriert von der Reiselust ihrer Eltern, war Stella fast überall auf der Welt unterwegs. Schon früh wurde sie dabei mit Armut und Ungerechtigkeit konfrontiert. Dies führte zum Entschluss, Internationales Recht zu studieren.

Während ihre Eltern ins Heidiland, nahe Bad Ragaz, zogen, reiste Stella 2009 nach Uganda. Sie arbeitete dort in einem AidsInformation-Center. Für ihre Masterarbeit über Mädchen als Kindersoldaten bei der Lord’s Resistance Army (LRA) führte sie ­Gespräche mit Frauen, die durch den Krieg verwitwet und von der LRA geflohen waren. Sie versuchten trotz ihrer Aids-Krankheit, sich und ihre Kinder mit selbst gemachtem Schmuck aus recyceltem Papier über Wasser zu halten. Stella war beeindruckt: nicht nur vom Geschick und der Kreativität der Frauen, sondern auch von ihrer Kraft und ihrem unbeugsamen Willen.

Hilfe für afrikanische Witwen und ihre Kinder

Nach ihrer Rückkehr in die Niederlande reiste Stella für ihren zweiten Masterabschluss nach China. Doch das Schicksal der Frauen in Uganda liess sie nicht los. Sie suchte einen Weg, ihnen zu helfen. «Ich beschloss, sie zu unterstützen, indem ich ihnen ihren Schmuck abkaufe und diesen direkt weiterverkaufe.» Gleichzeitig hatte sie den Traum, ortsunabhängig zu arbeiten.

Um ihre Idee umzusetzen, besuchte Stella den zehnwöchigen Kurs «Start-up Campus» in Rotterdam und gründete anschliessend ihre Firma 22Stars. Doch der Anfang war anstrengend: Texte schreiben, Internetsite ­kreieren, Fotoshootings vom Schmuck, ­Marketing und Vertrieb – viel Arbeit für eine einzelne Frau. Zu Beginn verbrachte sie ihre Zeit in verschiedenen Hostels in Afrika. «Der Spass war gross, aber die Arbeit blieb liegen.» Also mietete sie eine Wohnung. Dort war sie produktiv, fühlte sich aber manchmal einsam. Bis sie in Kapstadt (Südafrika) zufällig auf digitale Nomaden stiess, einen Lebensstil, der ihr nun die perfekte Kombination zwischen Geselligkeit und Produktivität ermöglicht.

Mittlerweile ist sie seit mehr als einem Jahr unterwegs und bereist die ganze Welt. Hin und wieder braucht sie ein bisschen Heimat unter den Flipflops: «Nach zwei bis vier Wochen Herumreisen bleibe ich für ein paar Monate am selben Ort, bevor es weitergeht.» Zum Beispiel in Tarifa im Süden Spaniens. Oder auf der nächsten Nomad Cruise, die im Mai in Kolumbien ablegt. Hauptsache, die Digitale-Nomaden-Dichte ist hoch.

«Die Nomad Cruise ist das perfekte Produkt, das mir vor fünf Jahren gefehlt hat», sagt Johannes. «Damals war es schwierig, Gleichgesinnte zu treffen. Man passte nirgends richtig rein, war weder Tourist noch Expat.» Er begann, sein Wissen über die schönsten Co-Working-Destinationen dieser Welt zu sammeln, und gründete die Gruppe Webworktravel.com. Fünf Jahre und 17 000 Mitglieder später entwickelte er die Nomad Cruise.

Als digitaler Nomade kann er in der Freizeit machen, was er liebt: 365 Tage im Jahr Kitesurfen. «Der Job muss nicht unbedingt Spass machen, wenn man währenddessen an den schönsten Orten der Welt zur jeweils besten Jahreszeit seine Freizeit verbringt.»

Man muss nicht gleich alles aufgeben

Doch eines ist für ihn klar: Man muss nicht immer direkt aufs Ganze gehen: seinen Job kündigen, das Haus aufgeben und den Freunden erst einmal Goodbye sagen. Die sanfte Variante ist für den Anfang vollkommen ausreichend. Zum Beispiel: den Urlaub verlängern, von dort aus weiterarbeiten. Das Gewohnte verändern und sich somit aus seiner Komfortzone bewegen. Auch im eigenen Land gibt es Möglichkeiten, ein bisschen Nomadenluft zu schnuppern.

Das Buch «Die Schweiz ist ein Büro» von Katrin Gygax (55) verrät 60 unkonventionelle Arbeitsorte. Warum also in die Ferne schweifen? Doch der typische Neustart unter den Nomaden sieht so aus: Hauptsache, weg und erst einmal gar nichts von einer Homebase wissen wollen. Stattdessen raus in die Welt. Ankunft in Lissabon, dann Barcelona, Kopenhagen, Stockholm, Budapest, Warschau, Sopot, Dubrovnik, Makarska, Hvar, Split, Dublin, Cork und schliesslich Ring of Kerry.

Patrick (31) nützt die Nomad Cruise als perfekten Einstieg in das digitale Nomadentum. Vor Kurzem war er noch als Softwareingenieur in New York tätig. Doch dann packte ihn das Digitale-Nomaden-Fieber. Er wollte nicht auf die zwei Wochen Urlaub warten, die man in den USA als Arbeitnehmer bekommt. «Da wird es zu einem Ding der Unmöglichkeit, mit dem Kreuzfahrtschiff in 13 Tagen den Atlantik zu überqueren.»

Patrick hat sich viel vorgenommen. Er möchte es schaffen, mit seinem neuen ortsunabhängigen Lebensstil bald so viel Geld zu verdienen, dass er diese Freiheit auch mit einer späteren Familie weiterführen kann. Sein Elan ist ansteckend: morgens arbeiten, mittags mit anderen Nomaden plaudern, zwischendurch ein paar Workshops besuchen und eine Runde im Pool drehen, um sich dann abends wieder seinen Projekten zu widmen.

«Verglichen mit früher, ist es das Schönste, dass ich mir meinen Tag selbst einteilen und meine Arbeit auf Randstunden legen kann. So bleibt Zeit für Geselligkeit und Sport während des Tages.» Trotz oder gerade wegen seiner Freiheit ist er enorm produktiv: Er nimmt am «Hackathon» teil, einem 36-Stunden-Businessplan-Marathon, produziert mit einer Gruppe von Freunden in weniger als 24 Stunden einen Mockumentary (fiktionalen Dokumentarfilm) über digitale Nomaden, hält einen Workshop, schreibt Artikel. Seine Erfahrungen als digitaler Nomade beschreibt er in seinem Blog Thegingernomad.me.

Über die Ortsunabhängigkeit zur Freiheit

Sein Tipp für einen erfolgreichen Start in die Ortsunabhängigkeit: «Fang an, über Dinge zu schreiben, die du kannst. Schaffe dir ein soziales Netzwerk und wage schliesslich den Sprung. Du schaffst das.» Er hat ihn bereits gewagt – mit Erfolg. Nach der Cruise geht es zusammen mit einigen Kollegen vom Schiff direkt weiter nach Barcelona zur Konferenz des Dynamite Circle, eines Klubs für ortsunabhängige Unternehmer, die bereits erfolgreich durchgestartet sind.

Johannes, Bastian, Stella, Patrick – vier Menschen mit unterschiedlichen Ideen und einem gemeinsamen Ziel: über die Ortsunabhängigkeit zur Freiheit. Für dieses Ziel haben sie vieles hinter sich gelassen und dabei neue Perspektiven für sich entdeckt. Perspektiven, die sie mittlerweile mit einer immer grösseren Bewegung weltweit teilen. Und mit 197 Gleichgesinnten 13 Tage lang diskutierten. Mitten auf dem Atlantik. Mit einer Hand an der Reling. Denn so schön es auch ist: Selbst das Leben als digitaler Nomade kann manchmal ein bisschen schwankend sein. 

Autor: Birgit Pestalozzi

Video: Birgit Pestalozzi