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01. September 2014

Dieter Nuhr über Yak-Tee, Lügen und Turnschuhe

Dieter Nuhr tourt mit seinem Programm «Nuhr ein Traum» durch die Schweiz. Der deutsche Kabarettist über Tee aus Yak-Butter, kleine und grosse Lügen und das langsame Schweizer Publikum.

Dieter Nuhr, Sie haben Kunst und Geschichte studiert und wollten Lehrer werden. Jetzt sind Sie Kabarettist. Hätten Sie vor den Schülern bestanden?

Keine Ahnung, ich konnte es nie ausprobieren. Ich habe damals schon Theater gespielt, dachte mir, das machst du mal zwei Jahre, das wird eine lustige und wilde Zeit. Dabei ist es geblieben. Ich habe das als Berufung empfunden. Lehrer zu sein, hätte mir auch Spass gemacht, denn ich kann ganz gut mit Kindern und jungen Erwachsenen umgehen.

Was erwartet das Schweizer Publikum bei «Nuhr ein Traum»?

Ein zweistündiger Therapieabend. Die Leute sind ziemlich entrüstet über das, was in der Welt vor sich geht, sie sind zutiefst deprimiert. Ich habe eher das Gefühl, ein bisschen Demut und Dankbarkeit täte nicht schlecht. Deshalb überzeuge ich die Leute davon, dass die Ganztagesheulerei, die bei uns in Deutschland so üblich und der Schweiz auch nicht ganz unbekannt ist, nicht wirklich einen Zweck hat.

Sie behaupten, das menschliche Denken bestehe zu 90 Prozent aus Lügen. Ertappen Sie sich auch manchmal beim Lügen?

Ständig! Ich glaube, dass ich schon deswegen lüge, weil ich ein höflicher Mensch bin. Lügen kann auch sein, wenn man was nicht sagt, was einem durch den Kopf geht. Ab und an zu lügen, ist ein wichtiger Reflex des Menschen. Sonst würden wir uns wahrscheinlich alle den ganzen Tag gegenseitig auf die Fresse hauen. Da habe ich kein Interesse daran. Ich bin sehr friedlich.

In Ihrem neuen Programm geht es auch um Glück. Haben Sie das Glück gefunden?

Ja, ich glaube, dass es nur wenige Menschen gibt, die glücklicher sind als ich. Das ist auch dadurch bedingt, dass ich im Leben viel Glück gehabt habe: Ich bin als weisser Mann in Mitteleuropa geboren worden. Das hat mir von Anfang an ein privilegiertes Leben beschert. Ich hatte eine anständige Schulbildung und wurde in eine gut situierte Familie geboren, die mich unterstützt hat, mir Freiheiten gelassen hat. Dann habe ich auch noch diesen Beruf gefunden, in dem ich das tue, was mir Spass macht, und dafür kriege ich noch richtig Geld.

Sie sagen: «Die Welt ist schön, nur leider oft ausgebucht, überteuert und laut.» Wie entziehen Sie sich dem?

Ich habe einen Wohnsitz, der sehr weit ausserhalb der Stadt liegt. Es ist nicht direkt der Arsch der Welt, aber ich fürchte, man kann ihn von da aus schon sehen. Ich versuche, mich dem ganzen Rummel zu entziehen. Aber nicht ständig. Die Welt ist zwar so ’ne Art Rummelplatz, aber das ist ja auch schön. Da ist was los. Sonst könnte man ja gleich sterben.

Sie sind viel gereist. Können Sie uns den tollsten Ort der Welt verraten?

Am allerliebsten bin ich in Indien. Obwohl Indien eigentlich kein toller Ort ist. Dort gibt es viel Leid und viel Übel. Die allerschönste Natur hat für mich Ladakh, der Grenzbereich zwischen Pakistan, China und Indien. Da kann man von Kloster zu Kloster fahren und den tibetischen Mönchen beim Meditieren zuschauen. Allerdings muss man dann auch schauerlichen Buttertee trinken. Irgendeinen Makel gibt es immer.

Das habe ich auch mal getrunken. Das scheusslichste Getränk überhaupt.

Ja, absolut. Der Tee wird aus Yak-Butter gemacht. Entsprechend riecht er dann auch: wie ein mieses Yak, aber mehr so hintenrum.

«Offenbar gibt es Körperbereiche, die etwas lustiger sind als andere.»

Dieter Nuhr tourt ab dem 10. September durch die Schweiz.
Dieter Nuhr tourt ab dem 10. September durch die Schweiz.

Können Sie nach über 25 Jahren Bühnenerfahrung sagen, auf welche Themen das Publikum besonders anspringt?

Auch da, wo die Leute etwas Anspruchsvolles erwarten, springen sie am meisten auf die platten Themen an. Alles, was mit Männern, Frauen und Paarung zu tun hat, ist für die Leute ein grosser Lacher. Offenbar gibt es Körperbereiche, die etwas lustiger sind als andere. Ich kenne zum Beispiel keinen einzigen Witz über Achselhöhlen. Es ist mir auch nicht gelungen, selbst einen zu schreiben.

Werden Sie für solche seichten Themen auch kritisiert?

Da ich ja kein Kabarettist bin, der politisch und ideologisch leicht zu verorten ist, kriege ich viel Gegenwind à la «Der hat ja keine Ahnung». Ich glaube, die Kunst ist es, die Inhalte einzuordnen. Ich möchte Leuten das Gefühl geben, dass ich über das ganze Leben rede, dazu gehört Politik, Physik, alles. Und eben auch das Paarungsverhalten der Hominiden. Politik an sich ist ja eher unlustig, sie wird erst lustig, wenn sie in den Zusammenhang der menschlichen Unzulänglichkeiten eingeordnet wird.

Jürgen Kessler, der Leiter des Deutschen Kabarettarchivs, bezeichnete Sie im «Spiegel» als «Moderationswichtigtuer».

Dazu muss man eins wissen. Jürgen Kessler war bis 2000 mein Agent. Ich habe seine Agentur aus guten Gründen mit allen anderen Künstlern und Mitarbeitern aus Protest gegen sein Verhalten verlassen. Dass er jetzt, nach 14 Jahren, mit so was kommt, darüber haben alle Beteiligten sehr gelacht. Da spricht der beleidigte Agent. Wer nach so langer Zeit noch eine solche Wut im Bauch hat, hat nicht reflektiert, warum ihm das passiert ist. Der «Spiegel» hätte ja mal bei mir nachfragen können. Aber ihn interessiert nur die Stimmungsmache.

Als Stimmungsmache kritisierten Sie auch die Onlinepetition «Raus mit Moderator Markus Lanz». Sie forderten das Ende von digitalem Mobbing.

Mir hat Markus Lanz leidgetan . Auch er hat ein Recht darauf, menschlich behandelt zu werden. Die Anonymität des Internets halte ich für schlimm. Denn seit der Steinzeit werden Menschen haftbar gemacht für das, was sie tun. Im Internet verhalten sich die Leute wie Autofahrer, die sich im Auto sicher wähnen und andere beschimpfen. In dem Moment, in dem man an die Scheibe klopft, schlägt das Verhalten komplett um. Wir brauchen dringend eine Diskussion, dass Anonymität keine Errungenschaft ist, sondern das Ende der Zivilisation. Früher musste man für Proteste noch auf die Strasse gehen. Heute kann ich mich als Revolutionär fühlen, indem ich ein paar Worte eintrage und auf die Returntaste drücke. Schon bin ich der Karl Marx des 21. Jahrhunderts.

Bei Literatur des Mittelalters bin ich eher unterbelichtet.

Ihr Kultspruch lautet: «Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.» Wovon hat Dieter Nuhr keine Ahnung?

Von ganz vielen Bereichen. Italienische Oper. Literatur des Mittelalters, da bin ich auch unterbelichtet. Und Schweizer Geschichte. Die Schweiz ist doch entstanden, als Wilhelm Tell den Apfel runtergeschossen hat und dann aus dem Paradies vertrieben wurde. Und Kain und Abel, das ist doch diese Geschichte, oder?

Genau, so in etwa. Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?

Das werde ich oft gefragt und weiss nie eine Antwort. Ich sitze einfach nur da und schreibe meine Radiobeiträge, Bücher und Programme. Vieles davon sehe ich in Schaufenstern, in der Zeitung oder im Internet. Ich weiss gar nicht, was ich ohne Google wäre. Früher musste man sich alles selbst erarbeiten.

Sie haben dieses Jahr den «Kulturpreis Deutscher Sprache» erhalten. Was bedeuten Ihnen solche Auszeichnungen?

Da ich mit der Sprache arbeite, bedeutet mir das viel. Wenn ich jetzt den Preis der deutschen Schuhindustrie bekommen hätte, hätte ich mich auch gefreut. Das wäre aber eher unwahrscheinlich, da ich oft in Turnschuhen rumlaufe. Mit diesem Preis wird anerkannt, dass ich Sprache differenziert benutze, das freut mich sehr. Ich lege Wert darauf, dass die Welt nicht so primitiv ist, wie sie uns immer weisgemacht wird.

Wie steht es denn um die deutsche Sprache?

Gut, danke der Nachfrage. Viele regen sich auf über Anglizismen, ich finde, das ist normal: In einer international werdenden Welt wird auch die Sprache internationaler. Aber ich verstehe nicht immer alles, wenn ich mit Jugendlichen zu tun habe. Im Bus wurde ich zum Beispiel mal von einem Jugendlichen gefragt: «Ist deine Mutter schwul, oder was?» Ich glaube, der meinte das als Beleidigung. Ich konnte ihm nur antworten, dass meine Mutter nicht schwul sei. Aber das Sachliche hat ihn nicht interessiert. Es gibt schon Differenzen zwischen den Generationen, was Sprache angeht.

Sie sind Vater einer 17-jährigen Tochter. Sie haben also eine Ahnung von der Jugend von heute. Wie ist die denn so drauf?

(lacht) Ich finde die super. In den 70er-Jahren, als ich so alt war wie meine Tochter, war alles muffig-spiessig. Zwischen den politischen Lagern gab es richtige Feindschaften. Die anderen waren alle doof, Faschisten, Umweltzerstörer. Die Jugendlichen von heute sind viel differenzierter und offener. Und auch illusionsloser. Wir dachten noch, dass wir die Welt verbessern könnten. Diese Blödheit haben die heute nicht mehr.

Er mutet dem Publikum zu, was er auch jedem einzeln sagen würde
Er mutet dem Publikum zu, was er auch jedem einzeln sagen würde.

«Ich mute meinem Publikum nur das zu, was ich auch einem Einzelnen ins Gesicht sagen würde.»

In der Schweiz gab es einige Fälle von Anzeigen gegen Humoristen. Meist wegen rassistischer Äusserungen. Was darf Satire?

Satire darf all das, was andere Menschen auch dürfen. Sie hat keinerlei Sonderrecht. Warum sollten Künstler mehr dürfen als andere? Ich finde Rassismus unerträglich. Ob das auf der Kabarettbühne oder in der Strassenbahn stattfindet, interessiert mich nicht. Ich mute meinem Publikum immer nur das zu, was ich auch dem Einzelnen ins Gesicht sagen würde.

Was halten Sie vom Humor der Schweizer?

Kann ich nicht sagen. Nur so viel: Mein Programm dauert in der Schweiz zehn Minuten länger als in Deutschland, obwohl ich dasselbe sage. Dass alles in der Schweiz etwas langsamer ist, ist, glaube ich, kein Klischee.

Sie bemühen sich also drum, für die Schweizer langsamer zu sprechen?

Das passiert automatisch! Ich weiss nicht, warum. Ich glaube aber, dass man dem Publikum in der Schweiz mehr zumuten kann. Die sind geduldiger, hören besser zu. Sie sind sehr offen für unterschiedliche Formen. Nehmen wir mal Ursus und Nadeschkin, die haben eine schöne Form von Humor. In Deutschland haben viele Leute gar nicht die Geduld, sich auf so ein Format einzulassen.

Gibt es auch andere Schweizer Kabarettisten, die Ihnen gefallen?

Wenn ich anfange, die aufzuzählen, sind die beleidigt, die ich nicht erwähne. Ich moderiere ja meine eigene Sendung «Satire Gipfel». Da habe ich eh schon das Gefühl, wie ein Oberlehrer begründen zu müssen, wer in der Sendung ist und wer nicht. Einer der Gründe, warum ich kein Lehrer geworden bin, ist, dass ich keine Lust habe, Zensuren zu verteilen.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Simon Koy