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12. November 2012

Die Zukunft, ganz bunt

Bänz Friedli ist früh aufgestanden.

«Alles solarbetrieben», erklärt Hans.
«Alles solarbetrieben», erklärt Hans.

«Hesch Ufzgi?» Falls unser Sohn auf diese Frage überhaupt antwortet, ist es mit: «Weiss nid.» Das hilft nicht weiter. Also fragt man eine halbe Stunde später noch mal: «Hausaufgaben?» Hans: «Öhm … Nein.» Und weil auch im Aufgabenbüchlein, das man heimlich konsultiert hat (als man das Znüniböxli aus dem Schulrucksack holen wollte, wo es natürlich nicht war), weil auch in diesem Büchlein nichts steht, gibt man sich mit dem «Nein» zufrieden – wenn auch ungläubig.

Nach dem Eindunkeln fällt es ihm dann ein. «Ich habe noch Franz, glaubs …» Ich, am Röstiraffeln: «Soll ich dich Wörtchen abfragen?» – «Nein, wir müssen malen.» – «Ich dachte, du hast Ufzgi in Französisch?» – «Eben, malen.» – «Hä? Im Franz?!» Hans: «Scho klar.» Immer müssen sie «möölele», immer irgendwelche Grafiken ausmalen, ob in Franz, in Mensch und Umwelt, in Englisch, Mathi, Geografie. Und ich müsste lügen, gäbe ich nicht zu, dann und wann schon anstelle der Kinder koloriert zu haben, weil ich die Malaufgaben so stupid fand. Unlängst haben Mutter, Vater und Schwester eifrig Kantonswappen eingefärbt; nur derjenige nicht, der es hätte tun sollen. Himmel! Farbstifte sind nicht zum Ausmalen da. «Lasst die Kinder malen, nicht möölele!», möchte ich der vereinigten Lehrmittelurheber- und Lehrerschaft jeweils zurufen. Ohnehin kapiere ich nicht, warum alle Eltern dasselbe beklagen und es trotzdem immer wieder passiert: Als Drei-, Vierjährige, auch im Kindergarten noch, malen die Kinder mit grosser Geste. Farbig, grossflächig, originell. Kaum sind sie eingeschult, werden die Zeichnungen zusehends kleinlich, beginnen sich die Häuslein und Blümchen der einzelnen Kinder verdammt zu ähneln, bald gleichen sie sich vollends an. Weg die Gestaltungskraft, verloren die Fantasie. Dafür müssen sie Vorgegebenes ausmalen: in Mathi, Englisch, Franz …

Alles solarbetrieben, erklärt Hans.

Doch diesmal ists irgendwie anders. Hans hat im grossen Stil zu entwerfen begonnen: Seine «ville de rêve» müsse er zeichnen. Vorgesehen war eine A4-Seite, er aber hat schon zwei A3-Blätter aneinandergeklebt und malt endlich mal wieder so richtig fantasievoll drauflos. Seine futuristische Traumstadt ist eine grüne Oase auf einem schroffen Hügel, hinter Burgmauern befestigt, aber von einem Fluss bewässert, voller Blumen, mit eigener Eisenbahn. «Alles solarbetrieben», erklärt Hans, zeichnet hier noch eine Montgolfière, da noch einen Wasserfall. Und auf dem Dach des Waggondepots einen Fussballplatz.

Dass er ob all dem die Mathi liegen liess, die Englischvokabeln zu üben vergass? Macht nichts, sein Englisch verblüfft mich auch so. Als wir am nächsten Morgen um fünf Uhr in der Früh aufstehen, um am TV die Wiederwahl Barack Obamas – «unseres» Obamas, den wir in den grossen Amerikaferien vor vier Jahren so ins Herz schlossen – zu verfolgen, ist er es, der auf CNN jedes Wort versteht. «Hast du das gehört?», rufe ich meiner Frau ins Badezimmer, «Obama hat gesagt, die USA müssten vom Erdöl unabhängig werden! Ist das nicht grossartig?» – «Vatiiii», korrigiert Hans, «er hat nur gesagt, sie müssten von ausländischem Erdöl unabhängig werden.» Okay, noch ist Mister President nicht ganz so weit wie Hans in seiner «ville de rêve». Aber man darf sich die Zukunft ja ein bisschen besser ausmalen, als sie dann eintrifft. Jedenfalls erlebte ich danach einen überaus beschwingten Tag.

Bänz Friedli live: 13.11., Heimberg BE; 16.11., Sion VS

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli