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25. Juli 2016

Die zehn speziellsten Animationsfilme

Fünf Schweizer erobern die Traumfabrik. Doch die Trickfilmgeschichte kennt völlig unterschiedliche «Fabriken», vom alten Zeichentrick bis zu neuesten Pixar-Trends. Migrosmagazin.ch verrät die stilbildenden Werke – wie heisst Ihres?

Als Animationsfilm geht heute vieles durch, von King Kong (1933) beinahe bis Avatar. Wir setzen den Rahmen für herausragende Animationsfilme enger, übergingen etwa primär (gesellschafts-)politisch bedeutende Filme wie Animal Farm, die Revolutionsgeschichte auf dem Bauernhof. Wir versuchten, die unterschiedlichsten Typen zu berücksichtigen, von Zeichnungen über den Einsatz von Knet bis zu den aktuellen Stop-Motion-Entwicklungen. Dazu reicht das Panorama von Nordamerika über Europa bis Japan, von kindgerechtem Material bis zu Erwachsenenstoff, von kompromisslos künstlerischem Gestaltungswillen bis zu kommerzieller Allgemeinverträglichkeit.

Eine Rangliste bilden die zehn folgenden Filme keinesfalls ab, und natürlich mögen viele den einen oder anderen Animationshit vermissen. Fügen Sie unten im Kommentar Ihren Favoriten an, möglichst mit kurzer Begründung. Danke!
ZOOTOPIA (2016)
Der neueste Tophit aus dem Hause Disney gehört in die Top Ten, selbst wenn er gerade erst downloadbar oder als Blu-ray/DVD zu kaufen ist – und vielerorts noch im Kino läuft! Er gestaltet in einer Art utopischem Stadt-Zoo unzählige Tiere auf so liebevoll eigenständige Weise wie noch nie. Und findet den fast perfekten Mittelweg zwischen Drive, gescheiter Handlung, Situationskomik und viel Dialogwitz für sieben- bis 87-jähriges Publikum. Gar nicht einfach, muss doch eine junge Häsin direkt ab Polizeischule gegen Verbrecher und Schwergewichte im Korps ankommen – was sie dank der Hilfe eines schlauen Fuchses als Ermittlungsassistent erreicht. Ihr Fall wächst sich vom vermissten Otter zum Grossverbrechen und einer riesigen Verschwörung aus.

LION KING (1993)
Sicher, über die sehr kindgerechten Tierfiguren, die fast schon auf die dazu verkauften Plüschviecher ausgerichtet schienen, kann man sich streiten. Auch über die Hauptaussage der Selbsterkenntnis und der Verantwortung, die der Löwen-Königssohn lernen muss. Einmalig gelang hingegen die Verknüpfung eines Shakespeareschen Intrigenstoffs mit dem unmittelbaren Hervorrufen starker Emotionen, die Hans Zimmers epische bis pompöse Filmmusik massgeblich mit hervorrief. Es war der am besten funktionierende Disney-Hit für die ganze Familie.

WALLACE & GROMIT – THE CURSE OF THE WERE-RABBIT (2005)
Die zwei Kult-Knetfiguren tauchten natürlich schon in früheren Filmen auf, dann nahm sich das Aardman-Studio dem geheimen Leben der Legehühner an (Chicken Run). Doch erst mit dem Fluch des Riesenkaninchens (deutscher Titel) unter Dreamworks-Dach führten sie Ideenreichtum und moderne Tricktechnik in jedem Detail brilliant mit dem Knet-Bastelcharme zusammen. Dass die Hauptfiguren dabei so initiativ die Handlung vorantreiben wie sie in fast jeder Sequenz Opfer unglücklich verketteter Sachzwänge werden, macht sie beinahe zu Gummi-Nachfahren Buster Keatons.

MY NEIGHBOR TOTORO (1988)
Natürlich hätte man vom japanischen Kult-Animationskünstler Hayao Miyazaki auch die für uns noch zugänglichere Märchengeschichte von Prinzessin Mononoke wählen können, doch uns scheint Der Nachbar Totoro aus demselben Ghibli-Studio fast noch lohnender. Hier erscheint die Hochphase der japanischen Zeichentrick-Tradition mit einfachen Grundmustern, aber mannigfaltigen Erweiterungen und Nuancen auf ihrem Höhepunkt, die auch für kleine Zuschauer simple Geschichte tritt manchmal fast in den Hintergrund. Kein Wunder bei diesem unendlichen Detailreichtum. Klar, wer in die unzähligen Manga-Trickfilm-Stoffe für Erwachsene einsteigen will, ist etwa mit der Akira-Umsetzung der gleichnamigen Comics und einem Plus an Tempo und Action besser bedient.

LES TRIPLETTES DE BELLEVILLE (2003)
Sylvain Chomets Zeichentrickfilm greift kongenial Zeichnungsstil und Farbgebung französischer Klassiker in den 60er- und 70er-Jahren auf, schneidet das Ganze aber viel schneller; mit Anleihen an Innovationen des Kunstfilms der Zwischenkriegsjahre oder gar früher Chaplin-Slapsticks. Die rasende Bewegung, nicht nur die eines Tour-de-France-Velofeldes, fing Chomet gekonnt ein wie wenige: primär mit harten Schnitten.

THE IRON GIANT (1999)
Brad Birds Animationsfilm (deutscher Titel Der Gigant aus dem All) bleibt bis heute die beste Antwort auf alle Superhelden-Streifen der US-Filmindustrie. Das liegt schon an Ted Hughes Buchvorlage The Iron Man von 1968, doch vor allem werfen Bird und Co-Drehbuchschreiber Tim McCanlies einen unkitschigen, jederzeit packenden Kinderblick durch die Brille des neunjährigen Hogarth auf den Riesen mit seinen übernatürlichen Kräften – und seinem tristen Aussenseiterdasein. Das Staunen passt zu kontrastreich ‚gemalten’ Szenerien und zupackendem Zeichnungsstil. Der ausgegrenzte und dann mit voller Armee- und zuletzt gar Atommacht angegriffene Eisenmann opfert sich am Ende, um Hogarths Heimat Rockwell vor der vernichtenden Rakete zu bewahren.

WEST AND SODA (1965)
Bruno Bozzetto kennen viele Europäer zwischen 40 und 65 Jahren nicht mit Namen, obschon sie mit seiner legendären Signor-Rossi-Figur aufgewachsen sind. Beinahe denselben seriellen Aufbau, vor allem aber die nur anscheinend spontan gezeichneten Bewegungsabläufe und gesetzten Striche trifft man auch im Langformat des zum Brüllen komischen Western-Zeichentrickfilms West and Soda an. Die Grenze vom liebevollen zum gallig schwarzen Humor wird oft locker überschritten, im Vergleich zu Herrn Rossi einfach mit längerem Atem. Zum Beispiel in der Duell-Szene mit dem Helden, der neben klassischen Westernfiguren speziell Lucky Luke parodiert und zum vergleichbar harmlosen Bruder erklärt.

PERSEPOLIS (2007)
Seit zehn Jahren kommen sogenannte Graphic Novels mit historischen oder biografischen Stoffen immer mehr in Mode – und bei erfolgreichen Comics stellt sich bald die Frage, wie man sie fürs Kino umsetzt. Anstelle des fürs zeitgenössische Animationsverfahren klassischeren Ansatzes von Waltz with Bashir wählen wir den von Autorin Marjane Satrapi gemeinsam mit Vincent Paronnaud gedrehten Schwarz-Weiss-Film zu ihrem Comic. Hier werden für einmal bewusst keine Szenerien ganz ausgemalt, die Schrecken iranischer Herrschaft und ihrer Kontrolle des Alltags werden nicht explizit vorgeführt. Vielmehr dient der Text mit den fürs Kino eher langsam wechselnden Panels konsequent als Inspirationsgerüst für die Vorstellungskraft.

THE CORPSE BRIDE (2005)
Tim Burtons und Mike Johnsons Erwachsenenfilm über die Hochzeit mit einer Leiche entwickelt seinen Charme aus der Zusammenführung von knochentrocken morbider Figurenzeichnung mit der neuesten Stop-Motions-Technik. Frech, temporeich, sarkastisch, very british (wenn auch amerikanisch koproduziert) und in seiner Art unerreicht.

THE FANTASTIC MR. FOX (2009)
Regiestar Wes Anderson schuf mit diesem Animationsfilm ein einsames Highlight in Sachen raffinierter Erzählung und breitem Ironiekatalog. Die Füchse, die im Handeln und Sprechen sehr oft die mitunter leidige Frage nach dem Gleichnischarakter (steht die Tiergesellschaft allein für die menschliche?) vergessen lassen, vergisst man wiederum nicht so leicht. Anderson nimmt sie bisweilen auf die Schippe, aber im Handumdrehen auch wieder ernst. Das erkennt man auch an Zeichnung und Bewegung von Fox & Co.

Autor: Reto Meisser