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11. März 2013

Die wundersame Welt des Glaubens

Es gab mal eine Zeit, da war man reformiert oder katholisch. Heute gibt es Menschen, die glauben an Geistwesen oder Reinkarnation. Andere hoffen, mithilfe von Kursen ihr ganzes geistiges Potenzial nutzen zu können. Das Migros-Magazin wirft einen Blick auf die Schweizer Glaubenslandschaft.

Wie sieht die Glaubenslandschaft Schweiz aus?
Reformiert, katholisch, Geistwesen oder Reinkarnation - wie sieht die Glaubenslandschaft Schweiz aus? (Bild: Igor Zhuravlov)

Die Esoterikerin Jana Haas, der Freikirchler René Christen und der Scientologe Jürg Stettler geben Einblick in ihre Glaubenswelten: zum Interview

Grosses Interview mit Religionsexperte Georg Otto Schmid:
Teil 1: Über Glaubenstendenzen
Teil 2: Über Sekten
Teil 3: Über Freikirchen
Teil 4: Über Esoterik

Seit 25 Jahren versammeln sich Esoteriker aus der ganzen Schweiz jeweils Ende Februar in Zürich. Dann findet im Zürcher Kongresshaus die Esoterikmesse Lebenskraft statt. Zwischen Ständen und Showbühnen tauschen sich all jene aus, die glauben, dass es möglich ist, mit Toten zu kommunizieren, Gebrechen durch Handauflegen zu kurieren, Auren zu fotografieren und das eigene Schicksal in den Sternen zu lesen.

«Die Esoterik hatte ihren Höhepunkt in der Schweiz um 1990», sagt Georg Otto Schmid, Mitarbeiter der evangelischen Informationsstelle Relinfo in Rüti ZH. «Bis 2000 haben die Zahlen dann abgenommen, seither sind sie stabil.» Intensive Esoteriker gibt es 200'000 bis 300'000, schätzt Schmid, der die religiöse Szene Schweiz seit rund 20 Jahren beobachtet. «Meist sind es Menschen in der Mitte des Lebens, die sich angezogen fühlen, Leute, die sich ein wenig in der Sackgasse fühlen, beruflich oder partnerschaftlich. Oft ist damit das Bedürfnis verbunden, zu einer wissenden Elite zu gehören.»

Bis zu 300'000 Menschen sind in einer Freikirche aktiv

Esoteriker glauben, dass die Quelle der Erkenntnis in jedem selbst liegt. Das sehen die Gläubigen von Freikirchen anders. Aus ihrer Sicht ist der Mensch der Sünde hilflos ausgeliefert, er hat keine autonome Erkenntnis- und Lernfähigkeit, stattdessen gibt es die Bibel, die als absolute Wahrheit gilt und nach der sich der Mensch auszurichten hat. So hat der Soziologe Philipp Flammer die Differenzen vor einigen Jahren für die Beratungsstelle Infosekta auf den Punkt gebracht.

Wie viele Menschen in der Schweiz in Freikirchen aktiv sind, ist umstritten (siehe Infobox rechts). Die Zahlen bewegen sich zwischen 120'000 und 300'000 Personen, die regelmässig evangelikale Angebote nutzen. Klar gestiegen ist die Zahl der Gemeinschaften, sodass sich die verschiedenen Gruppen laufend gegenseitig Gläubige wegnähmen, sagt Georg Otto Schmid. Dies belegen auch Umfragen in Freikirchen. Besonders zahlreich sind die Evangelikalen im Emmental, im Berner Oberland und Berner Jura, im Zürcher Oberland und in Teilen der Ostschweiz. «Die meisten Mitglieder von Freikirchen sind in einer solchen Gemeinde aufgewachsen oder in einem den Freikirchen nahe stehenden landeskirchlichen Milieu. Man gewinnt deshalb am leichtesten neue Mitglieder an Orten, wo es schon viele Freikirchler hat.» Dennoch steigen laut Schmid tendenziell mehr Mitglieder aus, als durch die Mission neu reingeholt werden können. Die Freikirchen allerdings sprechen genau vom gegenteiligen Trend.

Auf dem Vormarsch sind laut der Volkszählung von 2010 die Konfessionslosen: Mittlerweile gehört ein Fünftel der Schweizer keiner Konfession mehr an, doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Der Lausanner Religionssoziologe Jörg Stolz kam in einer Studie zum Schluss, dass auch die Zahl der religiös Distanzierten stark zugenommen hat. Leute also, die zwar vage an eine höhere Macht glauben, für die Religion im Alltag aber nicht besonders wichtig ist. Das trifft auf knapp zwei Drittel aller Menschen in der Schweiz zu (siehe Grafik in der Infobox rechts).

In der Schweiz gibt es rund 1000 Glaubensgemeinschaften

Diese Gruppe wiederum sei für die Freikirchen interessant, sagt René Christen, Leiter der Kirche im Prisma in Rapperswil-Jona SG, die in den letzten Jahren stark gewachsen ist. «Bei denen sind die spirituellen Fragen nicht automatisch abgestellt, sondern kommen mit neuer Wucht. Aber sie suchen nicht den Weihrauch und das Kirchenfenster, sondern einen neuen Zugang.»

Zu den exotischsten und problematischsten Gruppen in der Schweizer Glaubenslandschaft gehören die Sekten oder Sondergemeinschaften (definierende Merkmale siehe Infobox rechts unten).

«Religion ist dann gefährlich, wenn sie nicht zum Bedürfnis des Einzelnen passt», sagt Georg Otto Schmid. Seiner Schätzung nach gibt es in der Schweiz rund 1000 religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften mit je über 100 Mitgliedern, davon seien etwa ein Viertel sektenhaft strukturiert. Als Beispiele nennt er die Organische Christusgeneration von Ivo Sasek, Werner Arns Freunde, die Munies, die Kinder Gottes, das Universelle Leben, Uriellas Orden Fiat Lux, die Zeugen Jehovas und Scientology. Letztere sieht das naturgemäss anders. «Sie werden keine Organisation finden, die sich selbst als Sekte bezeichnet», sagt Jürg Stettler, Sprecher von Scientology Schweiz. «Sekte ist für uns ein Schimpfwort.» Horrorstorys von Aussteigern seien oft überzogen, und es seien immer dieselben paar, sagt Stettler. Er räumt aber ein, dass bei Scientology Dinge passiert seien, die nicht korrekt waren. Diese Probleme seien intern längst gelöst worden. Entsprechend gebe es in der Schweiz in den letzten 15 Jahren auch keine neuen Aussteiger mehr, sagt Stettler. Seit etwa einem Monat sorgt in den USA ein neues Buch für Furore, das Vorwürfe gegen Scientology erhebt: «Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief» von Lawrence Wright.

Die Schweiz geht sehr liberal mit Religionsgemeinschaften um

Auch die Mitgliederzahlen von Scientology sind umstritten: Laut Jürg Stettler hat die Organisation in der Schweiz rund 300 hauptamtliche Mitglieder, verteilt über elf Gemeinden. Weitere 5000 Menschen besuchen die Dienste und nutzen die Methoden von Scientology. Kritiker gehen von insgesamt rund 1000 aktiven Scientologen in der Schweiz aus.

Nur in den USA gebe es noch mehr sektenhaft organisierte Gruppen als in der Schweiz, sagt Georg Otto Schmid. «Das liegt daran, dass die Schweiz schon sehr lange sehr liberal ist, auch was Religionsgemeinschaften betrifft. Und in der Schweiz finden sich die nötigen finanziellen Ressourcen leichter als anderswo.» Problematisch sind solche Gemeinschaften für Aussenstehende meist nicht. «Es gibt zwar Gruppen, die unsere westliche demokratisch-freiheitliche Gesellschaftsordnung abändern wollen, aber sie sind alle viel zu klein und leben ihre politischen Fantasien im Studierzimmer aus», sagt Schmid. «Im Auge sollte man die Vereinigungen aber trotzdem behalten.»

Neben den Distanzierten nimmt auch die Zahl der Atheisten oder Säkularen zu: Ihr Anteil liegt laut der Studie von Jörg Stolz bei gut zehn Prozent. Dennoch: Die grosse Mehrheit der Menschen glaubt an irgendetwas, und sei es noch so exotisch. «Die Frage ist: Kann man ohne Transzendenz leben?», so Georg Otto Schmid. «Ich glaube, dieses Bedürfnis gehört zum Menschen, allerdings in ganz unterschiedlichem Ausmass.» Die klassische Säkularisierungsthese, dass alle Menschen irgendwann die Religion quasi überwunden haben, hält Schmid für widerlegt. «Schliesslich kommt es immer wieder vor, dass auch Säkulare neu religiös werden.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: René Ruis