Archiv
08. Oktober 2012

Die Wüste lebt

Wer sich in die Wüsten Ägyptens wagt, wird mit Stille und Farbenfülle belohnt. Aber auch mit pulsierender Lebenslust in den Oasen. Und neuerdings sogar mit ökologischen Grundsätzen.

Blick auf die Schwarze 
Wüste
Leere, so weit das Auge 
reicht: Blick auf die Schwarze 
Wüste.


TIPPS FÜR DEN WÜSTENTRIP
Infos, Ratschläge und Bilder zu vier weiteren Oasen und Ägyptenreisen am nördlichen Nil:

Allgemeine Reiseinfos: Sicherheit, Nachhaltigkeit, Besonderes & Angebote

Die Kharga-Oase: Uralt-Friedhof und der Markt (dazu: Hoteltipps Luxor&Kairo)
Die Bahareya-Oase: Mumien und Dattelhaine Die Dakhla-Oase: Kloster der Steine und Ökolodge Die Farafra-Oase: Freilichtmuseum und Beduinenlounge

Ferien- und Arbeitsort: Mehr zu den Oasen der westlichen Wüste

El Qasr, die alte Hauptstadt der Oase Dakhla
Strassenszene in El Qasr, der alten Hauptstadt der Oase Dakhla.

DIE REPORTAGE

Ursina Rüegg (65) schaut sich mit einem stillen Lächeln um und watet dann weiter durch den Sand. Hier in der ägyptischen Oase Dakhla, 700 Kilometer westlich von Luxor, fühlt sich die Basler Reiseveranstalterin wie zu Hause. Jedes Jahr reist sie mehrere Male nach Ägypten und verbringt ein paar Wochen in Dakhla. Gerade führt sie fünf Basler nach einem Dünenspaziergang zurück zu ihrer Unterkunft, der Desert Lodge. Burgartig thront das Hotel im goldenen Licht der untergehenden Sonne auf einem Hügel über El Qasr, der alten Hauptstadt der Oase. Ursina Rüegg hat die Lodge vor neun Jahren zusammen mit vier Kompagnons aus Ägypten gebaut. «Nach unzähligen Reisen im arabischen Raum wollte ich nicht mehr nur Touristin sein», sagt Rüegg. Und weil ihr Nachhaltigkeit am Herzen liegt, wurde die Lodge ausschliesslich aus einheimischem Material gebaut, vorwiegend aus Kershef, einer Mischung aus Sand, Getreidespreu, Salz und Lehm. In den grosszügigen, pastellfarbenen Zimmern gibt es keine Klimaanlagen und keine Fernseher. Solarpanels auf den Dächern sorgen für warmes Wasser. Ein hoteleigener Garten liefert Bohnen, Erbsen, Zucchetti, Okra und Zwiebeln. Von der eigenen kleinen Farm kommen Eier und für festliche Anlässe Fleisch. In Kräuterbeeten vor den Hotelzimmern wachsen Dill, Pfefferminze, Rucola und Peperoncini. Das bedeutet weniger Transporte und weniger CO2-Ausstoss.Eine Oase gilt nur dann als Oase, wenn sie vollständig von Sand umgeben ist und nur mit Grundwasser versorgt wird. Entsprechend sorgfältig geht man in den Wüsteninseln mit dem kostbaren Nass um – auch in der Desert Lodge. Wasser für den Garten pumpt das Hotel selber aus der Tiefe herauf, das Trinkwasser für die Gäste kommt von einem zentralen Brunnen in der Oase. Es wird gefiltert und in rezyklierbaren Glasflaschen serviert. «So vermeiden wir enorme Mengen von Pet-Flaschen im Abfall», sagt Rüegg.

Die Baslerin leistet Pionierarbeit beim Umweltschutz in der Oase

Fantastische Kalksteinformationen in der Weissen Wüste
Fantastische Kalksteinformationen in der Weissen Wüste: Wasser und Wind haben sie in Millionen von Jahren geformt.

Für die konsequente Umsetzung ihres Umweltkonzeptes wurde die Desert Lodge letztes Jahr mit dem «Worldwide Hospitality Award» in der Kategorie Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Dieser erste Preis ist für Rüegg nicht nur Belohnung, sondern auch Motivation – etwas, das sie für ihre weiteren Pläne brauchen kann. Eines ihrer grossen Anliegen ist der Abfall, der bislang gedankenlos in der Wüste verbrannt wurde. Zusammen mit El Qasrs Bürgermeister und dem Provinz-Gouverneur entwickelte sie ein neues Konzept, und so wurde fortan der gesamte Müllhaufen der 7000-Seelen-Oase nach dem Sammeln sortiert und so weit als möglich wiederverwertet. Die Revolution legte das Recyclingprogramm vorübergehend lahm. «Die Menschen hatten einfach andere Sorgen», sagt Ursina Rüegg, «doch seit Mursi Präsident ist, können sie wieder freier agieren.» Nun will Ursina Rüegg zusammen mit einer Schweizer Kollegin in Kairo aus Altglas Trinkgefässe und aus ausgedienten Plastiksäcken Taschen fertigen lassen und so auch neue Arbeitsplätze für mittellose Einheimische schaffen.

Diese Gegend inspirierte Saint-Exupéry zum Kleinen Prinzen

Die Baslerin Ursina Rüegg vor ihrer Desert Lodge in der Oase Dakhla.
Nachhaltige Hotellerie: Die Baslerin Ursina Rüegg vor ihrer Desert Lodge in der Oase Dakhla.

Noch hat der Ökotrend nicht alle Bereiche des Wüstentourismus erfasst, doch einige erfreuliche Resultate sind auf einem Oasentrip westlich des Nils zu beobachten. Schon eine gute halbe Autostunde nachdem man Gizeh und seine berühmten Pyramiden im Südwesten Kairos hinter sich gelassen hat, macht sich Wüstenromantik breit. Erst zieht noch die Trabantenstadt «6. Oktober» mit ihren 3,5 Millionen Bewohnern vorbei, dann weitet sich der Horizont, bald gibt es nur noch Sand und Himmel. Ruhe herrscht. Irgendwo da draussen musste vor 77 Jahren der Autor und Pilot Antoine de Saint-Exupéry notlanden. Das Erlebnis inspirierte ihn zum Buch «Wind, Sand und Sterne» sowie zu den Geschichten um den berühmten Kleinen Prinzen.

Der Schriftsteller ist in guter Gesellschaft, verzaubert die Wüste doch seit jeher ihre Besucher mit ihrer endlosen Weite und den unzähligen Farbschattierungen von Gelb über Bläulich bis Schwarz – obwohl sie durchaus auch das sein kann, was eine Ödnis nun mal ist, nämlich öde. Doch da sind ja noch die Oasen. Gut fünf Autostunden nach Kairo taucht Bahareya auf: 92 Kilometer lang und 43 Kilometer breit, beherbergt die Oase einen kleinen See, Zehntausende mächtige Palmen und mit der Hauptstadt El Bawiti einen überschaubaren, staubigen, entspannten Ort. Vor den Gasthäusern sitzen Männer und rauchen Shisha. In gepflegtem Deutsch erklärt der Kairoer Reiseleiter Muhammad, das Leben in manchen Oasen sei sehr traditionell. Frauen dürften hier das Haus nur in männlicher Begleitung verlassen – verschleiert, versteht sich. Touristinnen behandelt man aber mit der gleichen freundlichen Neugier und demselben Respekt wie ihren männlichen Pendants.

Die Qasr El Bawiti Ecolodge in der Oase Bahareya
Die Qasr El Bawiti Ecolodge in der Oase Bahareya.

Ägypten besteht zu 95 Prozent aus Wüste, und einer der schönsten Teile davon ist die Weisse Wüste. Hierher gelangt, wer die Oase Bahareya in Richtung Süden verlässt und die Schwarze Wüste durchquert – ein Gebiet, in dem Vulkan­erde die Sandoberfläche schwarz färbt. Das totale Kontrastprogramm folgt mit der Weissen Wüste, einem einzigartigen Flecken Erde. Hier haben starke Temperaturschwankungen, Wasser und Wind in Millionen von Jahren ein fantastisches Naturspektakel aus mehlgleichem Kreidesand und abgeschliffenen Kalksteinformationen geschaffen, die sich blendend hell vom immer blauen Himmel abheben. Überdimensionale Hühner scheinen aus dem Boden zu wachsen, riesenhafte Pilze, gigantische Tierköpfe, Bäume und Gliedmassen.

3000 Quadratkilometer der Weissen Wüste stehen unter Naturschutz, und das ist gut so. Barfuss gehen ist hier nicht nur ein Genuss, es wird sogar behauptet, dass Wunden an den Füssen im aseptischen Sand schneller verheilen. An einzelnen Stellen ist Campieren erlaubt, und das sollte man unbedingt tun – schlafen sollte man dabei möglichst unter freiem Himmel. Nach dem Nachtessen und Tee am Lagerfeuer schlüpft man in den Schlafsack und geniesst unter einem Berg Wolldecken hervor den Blick auf den Sternenhimmel. Ebenfalls von ausserirdischer Schönheit sind der Sonnenuntergang mit seiner dramatischen Farbpalette von Orange bis Violett und das zarte Leuchten des frischen Morgens über dem weissen Sandmeer.

Shisha rauchende Männer vor einem Restaurant.
In El Bawiti hat Tradition Vorrang: Shisha rauchende Männer vor einem Restaurant.

Die Oasen der westlichen ägyptischen Wüste reihen sich aneinander wie Perlen an einer Schnur. Wer gegen Süden weiterreist, gelangt in die Oase Farafra, welche die saubersten Wasserquellen der westlichen Wüste bietet. Von Fa-rafra aus führt die Strasse Richtung Südosten durch die riesige Sandebene Abu Monkar. Die Hitze flimmert über dem Sand; in weiter Ferne sind Berge und Fata Morganas zu sehen. Das ist Wüste pur.

Russschwarze Mauern erinnern an die Revolution

Wer nach der Oase Dakhla – Ursina Rüeggs zweiter Heimat – die letzte Perle der Kette besucht, findet sich in Kharga wieder, einer modernen, fröhlichen Oase. Bunt gekleidete junge Frauen bevölkern die Strassen. Es gibt Restaurants, Shops und einen herrlich lauten, geruchsintensiven Markt.

In der Desert Lodge von Ursina Rüegg wird der Abfall getrennt.
Schweizer Vorbild: In der Desert Lodge von Ursina Rüegg wird der Abfall getrennt.

In Kharga haben Aufständische während der Revolution einen Kontrollposten der Polizei angezündet. Die russschwarzen Mauern sind allerdings auf der ganzen Reise die einzigen sichtbaren Spuren der Revolution. Damit und mit seiner Lebenslust ist Kharga jene Oase, die Wüstenreisende wieder der Realität übergibt. Von hier führt eine Strasse Richtung Westen nach Luxor, das sich nach ein paar Autostunden mit einem Streifen satten Grüns ankündigt. Bis zur Sichtung des mächtigen Nils vergeht aber noch ein bisschen Zeit, und so gestaltet sich die Rückkehr aus der ruhigen, weiten Wüstenwelt in die pulsierende Zivilisation wohltuend sanft.Text:

Die Reise fand statt auf Einladung von Amin Travel: www.amin-travel.ch .

Infos zu Ursina Rüeggs Desert Lodge: www.desertlodge.net

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Pascal Mora