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11. April 2016

Die Windelaffäre

Männer können WIndeln wechseln
Auch Männer können Windeln wechseln – aber wo? (Bild: iStockPhoto)

Das fünfgängige Ostermenü hatte hervorragend gemundet. Frau Müller tupfte sich mit der Stoffserviette vorsichtig die Mundwinkel ab und erhob sich, um die Damentoilette aufzusuchen. Sie öffnete die Tür zu den Räumlichkeiten. Die Marmorplättli strahlten, das Brünneli glänzte, es roch nach Orangenblüten. Die ältere Dame wähnte sich im Paradies – bis sie den Kerl in der Ecke erblickte. Sie blinzelte ungläubig, und dann entfuhr ihr ein spitzer Schrei. Der Mann, er war vielleicht Mitte dreissig und trug eine Krawatte, wirkte zerknirscht und deutete auf den rosafarbenen Babypopo, der vor ihm auf dem Wickeltisch lag. «Ich muss meiner Tochter nur noch den Strampler zuknöpfen, dann sind wir auch schon weg.»

Frau Müller schnappte nach Luft. Ihr Gehirn hatte Mühe, die Tragweite der Szene zu erfassen. Da rauschte die Wasserspülung, und eine Kabinentür öffnete sich. Eine jüngere Frau lief Richtung Brünneli und blinzelte dabei dem glucksenden Baby zu. Frau Müller war sich sicher, dass das die Mutter sein musste. «Was sich die jungen Familien heutzutage erlauben», zeterte sie los. «Warum wickeln Sie das Kind denn nicht?» «Äh, das ist gar nicht mein Baby.» Die Fremde sah den Windelpapi augenrollend an und verschwand.

Der versuchte es nun mit Argumenten: «Es tut mir leid, dass Sie sich erschreckt haben, aber es gibt im Herren-WC leider keinen Wickeltisch, sondern nur bei den Damen. Da dachte ich mir, es geht ja schnell, ausserdem ist es nur ein Bisi ...»
«Nein, das akzeptiere ich nicht! Sie hätten das Kind ja auch auf dem Boden vorm Herren-Pissoir wickeln können», schnappte die Alte.
«Sie wollen, dass ich meine vier Monate alte Tochter in den Dreck lege, obwohl es direkt nebenan einen Wickeltisch gibt? Nur damit Sie keinen Vater ertragen müssen, der seinem Kind die Windeln wechselt? Das ist traurig.»
Frau Müllers Harndrang hatte zwischenzeitlich nachgelassen. Sie rauschte zurück in den Gastraum und verlangte nach der Restaurantchefin. Der würde sie mal erzählen, welch ungehobelte, unkultivierte Gäste sie habe.

Der Windelpapa drückte derweilen das letzte Stramplerknöpfchen zu, packte die Wickeltasche, schulterte das Baby, verliess die Damentoilette und lief zurück an den Tisch, an dem der Rest seiner Familie sass. Frau Müller sah er an diesem Tag nicht mehr. Dafür lernte er die Restaurantchefin kennen. Noch bevor sie etwas sagen konnte, versicherte er ihr, dass ihm das Ganze leid tue, dass er nie die Absicht gehabt habe, jemanden zu stören oder ältere Frauen zu belästigen.
«Es ist ganz anders», sagte die Chefin. «Uns tut es leid, dass wir so intolerante, unflexible Gäste haben, die sich von einem Vater mit Baby bedroht fühlen.» Dann streichelte sie das friedlich vor sich hin glucksende Mädchen und spendierte dem Windeldaddy und seiner Frau zwei Espressi.

Autor: Bettina Leinenbach