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03. November 2014

Die Wende neu erzählt

Charme und Schrecken des 1989 eingestürzten DDR-Staats, die damaligen Veränderungen im Westen und wie die Wende ablief: die zehn besten deutschen Bücher und Filme zum Thema. Das Migros-Magazin interviewte zum Umbruch 1989 Erich Honeckers Leibwächter («Honecker war geradlinig und ehrlich»).

Hauptdarsteller Daniel Brühl auf dem Set von «Good Bye, Lenin!»
Hauptdarsteller Daniel Brühl auf dem Set von «Good Bye, Lenin!». (Bild AP/Keystone)

ZUM LESEN

Flachschwimmer mit Schwellung: HELDEN WIE WIR (1995), die Geschichte eines Direktbeteiligten an der innerdeutschen Grenze von Thomas Brussig, wird oft vergessen, wenn es seit nunmehr 20 Jahren gilt, das grosse Buch zur Wende zu bestimmen. Auch weil Brussig ganz konsequent eine eingeschränkte Perspektive auf die Geschehnisse von 1989 und die davor herrschenden Lebensumstände in der DDR wirft. Und seine Erzählung nicht als unbegrenzt einsetzbaren Spiegel für das Ende der DDR und das neu vereinte Deutschland begreift. Über die individuelle Hintertür, mit viel Ironie, mitunter auch scheinbar ungefilterter Beklemmung, entsteht aber das lebhafte Bild einer Epoche. Denn der «Held», der die Grenzwächter am 9. November 1989 mit anschwellender Männlichkeit vom Einsatz an der Bornholmer Strasse zurückhält, wuchs gänzlich unheroisch auf, entwickelte sich erst zum «Flachschwimmer» … und später zum Stasi-Mitarbeiter.

Unterwegs in der Provinz: SIMPLE STORYS – Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998) von Ingo Schulze trug schon eher von Anfang an den Titel des Wende-Buchs. Der Ostdeutsche nimmt in 29 Kapiteln Anlauf, um in ganz «einfachen Geschichten» nachzuzeichnen, was mit der Wende anders wurde. Als überraschend, mit der Zeit aber einleuchtend, erweist sich oft schon der Ausgangspunkt der geschilderten Begebenheiten: So beginnt eine Art von neuem Heimatbewusstsein beim Ich-Erzähler im Frühjahr 1990 weder im Osten noch im Westen, sondern in Italien!

Selbstbefragung der Dichterfürstin: WAS BLEIBT (Erzählung, 1990) erschien Monate nach der Wende, ebenfalls 1990 – geschrieben hat Christa Wolf die schmerzhaft genaue Schilderung eines Tags im Leben der damals schon berühmten Dichterin, die jedoch konsequent von der Staatssicherheit überwacht wird. Später wurde bekannt, dass Wolf in frühen DDR-Zeiten (1959-62) als «Geheime Informatorin» tätig war. Das nimmt ihr die unbefleckte Aura, macht den Fall mit nachweislichen Einschüchterungsversuchen der Stasi gegen das zunehmend staatskritische Ehepaar Christa und Gerhard Wolf aber umso pikanter. Tatsächlich kamen knapp zwei Jahre nach Veröffentlichung des Buchs 42 Bundesordner mit Spitzelberichten zu den Wolfs zum Vorschein.

Anpassungsdruck und etwas Abschiedsschmerz: VIERZIG JAHRE (1998) und im Untertitel «Ein Lebensbericht» heisst das 1998 mit einiger Distanz zum Umbruch erschienene Buch von Günter de Bruyn. Dieser war Ende 1989 bereits 63 Jahre alt und hatte mit vier Jahrzehnten den grössten Teil seines Schriftstellerlebens in der DDR verbracht. In keineswegs emotionsloser, aber alle Schnellschüsse meidenden Schilderungen zieht er Bilanz. Als einer, der nicht fliehen mochte, sich teilweise mit der Macht arrangieren musste, jedoch kritisch blieb – und am Ende überzeugend dieselbe Gratwanderung gegenüber der neuen Situation meistert: dem Regime keine bedauernde Träne nachweinen, aber die Vergangenheit auch nicht plötzlich abstreifen oder missen wollen.

Opfer wird Täter: STILLE ZEILE SECHS (1991) von Monika Maron fällt in Stil und Wortwahl sicher dramatischer aus, teils ist dies natürlich auch der fiktiven Handlung geschuldet, dank der die wie Wolf früh im Westen und im Ausland bekannte Autorin raffiniert Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern macht. Die Hauptfigur Rosalind nimmt als angestellte Historikerin die Memoiren eines früher hohen SED-Funktionärs auf. Lesenswert ist ihre Wandlung von einer Schreiberin mit betont beruflicher Distanz zur Verfechterin des offen angegangenen Generationenkonflikts mit dem erkrankten Staatsmitbegründer. Spätestens nach einer tragischen Wende in der Beziehung der beiden Protagonisten überstrahlt Marons (bei Ernst Toller entlehntes) Leitmotto die ganze Geschichte: «Muss der Handelnde schuldig werden, immer und immer?»
ZUM ANSCHAUEN

Angehaltene Zeit: GOOD BYE, LENIN! (2003) von Wolfgang Becker beruht auf einer schlicht genialen Idee, um nach der Wende etwas verbliebene DDR neben die nunmehr uneingeschränkt dominierende westliche Lebenswelt zu stellen: Der Sohn (Daniel Brühl) und das weitere nähere Umfeld spielen einer aus dem Koma erwachenden Sozialistin (Katrin Sass) vor, es hätte gar keine Wende gegeben. Der Kniff führt nicht nur zu haarsträubend lustigen Pointen, er greift tiefer: Die vordergründige Verneinung der jüngsten geschichtlichen Entwicklung hält dem Osten schonungslos den Spiegel vor, in welchen Umständen bisher gelebt wurde. Und demonstriert zugleich dem Westen, womit denn nun «zusammengewachsen» werden soll.

Ein Zusammenbruch im Westen: DIE UNBERÜHRBARE (2000) von Oskar Roehler dreht den Fokus einmal um und porträtiert subtil wie kaum ein anderer deutscher Regisseur eine im Westen lebende Autorin. Eine mit grossen linken Idealen, die mit dem banalen Ende der DDR – einer Art Kollaps, einer Implosion – ihre geistige Heimat verliert, die sie in der Ferne nie mit äusserst unpraktischen bis schikanösen Realitäten im Osten zusammenbringen musste. Hannelore Elsner als Hauptfigur spielt einen tragischen persönlichen Wandel schlicht umwerfend. Unter allen Feiernden gab sie den Wende-Verlierern ein facettenreiches Gesicht.

Eine Geschichte der Beziehungen: DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck liefert keine Innensicht und auch keine von aussen schlüssige Analyse von Gesellschaft oder Politik in der DDR. Statt als graue Fratze des Sozialismus nutzt er sie als grell beleuchtete Kulisse einer spannenden Beziehungsgeschichte. Ein desillusionierter Stasi-Offizier und ein sich radikalisierendes Künstlerehepaar aus der Theaterszene sorgen für viel Spannung und Emotion, und dafür darf die meist im Gut-Böse-Schema betrachtete Ostblock-Welt auch eingesetzt werden. Vor allem Ulrich Mühe bespielt sie brillant.

Screwball-Comedy hinter Mauern: LIEBE MAUER (2009) konnte es sich bereits rund 20 Jahre nach dem Mauerfall erlauben, etwas noch Frecheres als ein Gut-Böse-Drama in der untergehenden DDR zu veranstalten: Eine klassische Lovestory zwischen einer jungen Westberlinerin, die sich ausgerechnet in einen DDR-Grenzsoldaten verliebt, tischt Regisseur Peter Timm auf. Sein «Go Trabi Go» hätte man aus der Feel-Good-Perspektive auch unter die Top 5 der Wende-Filme einreihen können, allerdings scheint uns «Liebe Mauer» doch einen Hauch böser, mindestens skurriler zu sein. Denn die Liebesgeschichte mutiert noch frecher als in bester Hollywoodmanier zu einer wilden Verwechslungskomödie. Und im Ansatz ist das eine verwegene politische Aussage über Gestalten diesseits und jenseits der Mauer: ihre Austauschbarkeit.

Die Klischeedemontage: SONNENALLEE (1999) von Leander Haussmann ist nochmals eine Komödie, sie setzte sich für uns klar gegen den Allerwelts-Szeneliebling «Herr Lehmann» (Schauspieler Christian Ulmen, Regie von Sven Regener) durch, für den die Wende Anlass war, gekonnt den Charme ziellosen Grossstadt-Vegetierens zu zelebrieren. Die Versuchsanlage des Films des Bochumer Theatergurus Haussmann mit anderen Bühnen-Topstars wie Katharina Thalbach oder auch Henry Hübchen ist schon im Titel dezent politischer, auch wenn keine Politik verhandelt oder gar erklärt würde. Die Handlung setzt Mitte der 70er-Jahre ein und spielt nicht nur im geteilten Berlin, sondern gar in einer von der Mauer geteilten Allee. Diese kommt mitunter wie ein absurder Kunsteingriff daher, und genau so treten auch die Figuren bisweilen auf: Eine Mutter schminkt sich zur verfremdeten Oma, um mit einem gefundenen Westlerpass in die Freiheit abzuhauen, noch eindrücklicher aber bisweilen die Kinder, die den Touristen mehr oder minder glaubhaft echte Armut vorspielen.
UND IHRE LIEBLINGS-WENDE-WERKE?
Natürlich sind Lese- und Kinogeschmäcker immer subjektiv – deshalb: Welches Buch oder welchen Film haben wir vergessen, was gehört für Sie unbedingt in die Top 10? Nennen Sie uns Titel und Begründung gleich hier in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser