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30. Dezember 2013

«Die Welt ist nicht gut, aber sie kann besser werden»

Der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx ist ein unerschütterlicher Optimist. In seinem neuen Buch «Zukunft wagen» erklärt er, weshalb Ängste entstehen und wie wichtig es für das weitere Wohlergehen der Menschheit ist, sie zu überwinden.

Zukunftsforscher Matthias Horx 2014
Zukunftsforscher Matthias Horx rät zum gelassenen Umgang mit Krisen. Nur durch sie komme die Menschheit voran.

«... DIE ZUKUNFT BRINGT KEINEN MANGEL, SONDERN NEUE MÖGLICHKEITEN»
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Matthias Horx, bald bricht ein neues Jahr an. Sollen wir uns freuen oder Sorgen machen?

Das ist eine Frage der Psychologie, die sich letztlich nur für jeden individuell beantworten lässt.

In den letzten Jahren herrschte ja eher Krisenstimmung in Europa, aber in der Schweiz sagt eine neue Studie, dass die Bevölkerung sich so wenig sorgt wie seit 25 Jahren nicht mehr.

Für die Deutschen gilt das im Grunde auch, dennoch sind viele ausgemachte Zukunftspessimisten. Sie glauben an Untergänge und Schrecklichkeiten aller Art – gleichzeitig geht es ihnen dabei subjektiv erstaunlich gut. Wir nennen das auch «apokalyptisches Spiessertum»: Die Welt geht unter, aber wir machen jetzt noch mal ein Fass auf!

Wenn wir aber gar nicht so ängstlich sind, dann braucht es Ihr neues Buch über den Umgang mit der Angst eigentlich gar nicht.

Es gibt offensichtlich eine gewisse seelische Widerstandskraft gegenüber dem medialen Trommelfeuer, dass wir kurz vor dem Abgrund stehen und Europa untergehen wird. Aber das heisst nicht, dass es harmlos ist. Zivilisation ist ja nichts anderes als der konstruktive Umgang mit Ängsten, so entstehen aus Befürchtungen konstruktive Kooperationen. Wenn uns jedoch Ängste regieren, ist das höchst gefährlich. Den Untergang besorgen wir dann selbst – auf dem Weg eskalierender Hysterien.

In letzter Zeit gab es einige reale Krisen, die Ängste auslösen konnten.

Jede Krise ist ein Zeichen dafür, dass etwas Altes nicht mehr funktioniert. Die Frage ist: Wie bewältigen wir das? Können wir erwachsen damit umgehen? Oder sind wir plötzlich gegen die Demokratie, weil die nicht immer reibungslos funktioniert, oder gegen den Kapitalismus, weil der ja nicht in der Lage ist, ungestörten Wohlstandszuwachs zu garantieren? Es hat sich ein teuflischer Mechanismus in unseren Kulturen festgesetzt, dass wir unsere Ansprüche immer höher schrauben, je besser es uns geht. Normale Störungen können dann schon als grosse Krisen gedeutet werden. Das bereitet den Boden für Populismus und Verschwörungstheorien. So was kann eine Gesellschaft von innen heraus zersetzen.

Dennoch scheint laut den Umfragen eine Mehrheit der Menschen mit dem medialen Trommelfeuer ganz gut klarzukommen.

Für die vernunftbegabten und gelassenen Schweizer mag das gelten, in Deutschland aber sitzt die Hysteriebereitschaft wie eine Magmablase knapp unter der Kruste und kann in bestimmten Situationen jederzeit ausbrechen. Man kennt das aus dem Finanzwesen: Wenn alle an die Pleite einer Bank glauben und dann losstürmen, um ihr Geld abzuheben, lösen sie mit ihrem Verhalten die Pleite erst aus. Als Zukunftsforscher bin ich mit vielen Menschen im Gespräch, und die Angstbereitschaft hat klar zugenommen, nicht nur in Deutschland. Es fällt auch auf, dass in Kino und Fernsehen ungeheuer viele Apokalypsestorys laufen. Ist das nur Zufall?

Hat das nicht auch mit Angstlust zu tun? Wir sitzen gemütlich im Kinosessel und gruseln uns wohlig davor, was sein könnte, während wir sicher und sorglos Popcorn futtern?

Es steckt auch eine tiefe Unlust darin, sich mit der wirklichen Welt auseinanderzusetzen. Eine Art Egozentrik. Wenn man bei Umfragen wissen will, wie es den Leuten in ihrem persönlichen Umfeld geht, sagt die grosse Mehrheit «gut» bis «sehr gut». Aber je weiter man sich entfernt – Region, Land, Kontinent, Welt –, desto negativer werden die Einschätzungen. Dabei sind viele globale Trends durchaus positiv: Die absolute Armut geht zurück, die globalen Bildungsraten steigen, selbst der schwierige Kontinent Afrika sendet viele positive Signale aus. Nur wird vieles davon nicht wahrgenommen. Und die Bilder, die wir von der Welt haben, prägen und verändern diese Welt eben auch.

Sie glauben, dass Angst vor der Zukunft die Zukunft selbst beeinflussen könnte, quasi als selbsterfüllende Prophezeiung?

Ein jüngstes Beispiel sind die USA nach den Anschlägen vom 11. September: Aus der Angst vor weiteren Angriffen wuchs eine tiefe Paranoia mit schrecklichen Fehlentscheidungen wie dem Irak-Krieg und den Eskalationen in der Sicherheitsarchitektur, wie der NSA. Die Frage ist doch: Kann eine Person, eine Gesellschaft ohne die Vorstellung einer besseren Zukunft leben? Meine Generation hat in den 60er-Jahren gesellschaftliche Utopien und Visionen von einer bahnbrechenden technologischen Zukunft gehabt. Daran war vieles naiv, aber es gab auch eine Kraft, einen Willen zur Veränderung. Unsere Gesellschaft ist zunehmend afuturistisch, sie macht sich kein Bild mehr, wie es weitergehen könnte. Und wenn es eine Vermutung über die Zukunft gibt, dann dass es schlechter werden könnte. Ich finde, hier verkümmert eine genuin menschliche Fähigkeit: sich die Zukunft vorzustellen – und damit zu gestalten. Jeder sollte sich fragen: Wie kann ich als Mensch ein bisschen zum Wohlergehen der Welt beitragen? Der Zukunftspessimismus beschädigt die gesellschaftliche Kreativität. Wer nicht an die Zukunft glaubt, fühlt sich auch nicht verantwortlich für sie.

Gibt es zu wenig Menschen mit solchen hoffnungsvollen Zukunftsbildern?

Dieser Pessimismus scheint mir stark auf Mitteleuropa beschränkt. Es ist überraschend zu sehen, wie die Menschen in Spanien oder Griechenland durch die Krise zu ganz neuer Form auflaufen. Wichtig ist zu akzeptieren, dass Krisen zum Leben gehören, nur durch sie kommen wir voran. Die Evolution und auch wir Menschen sind ein Produkt von überwundenen Krisen. Wir brauchen deshalb ein neues Verständnis vom Umgang mit der Störung des Gewohnten. Hätten wir immer nur Komfort und die Garantie der Nicht-Störung, würden wir genau deshalb in die Bredouille geraten. Wir würden dekadent und faul.

Warum haben viele Menschen das Gefühl, dass Wandel nur noch Wandel zum Schlechteren bedeuten kann?

Weil wir vielleicht ein paar grundlegende Wahrheiten der Zivilisationsgeschichte vergessen haben. Etwa, dass das Gute, Schöne und Moralische immer auch aus Auseinandersetzungen entsteht. Wirklicher Fortschritt ist nicht einfach und komfortabel, er braucht eine gewisse Bereitschaft zum Risiko, Neugier auf das Neue, Kontrollverlust. Oft kommen wir nur voran, wenn wir loslassen. Die Welt ist nicht gut, aber sie kann besser werden. Und sie wird ständig ein bisschen besser. Es hilft auch, wenn man Krisen als das annimmt, was sie sind: Anzeichen für notwendige Veränderungen.

Spielt bei der aktuellen Furcht vor dem Wandel auch Eifersucht mit? Sind wir im alten Westen schlicht neidisch auf die Wachstumszahlen in Asien?

Das könnte schon ein Aspekt sein. Er illustriert aber auch ein klassisches Missverständnis: Statt uns mitzufreuen, dass zwei Milliarden Menschen auf dem Weg in den Wohlstand sind, fürchten wir ganz egozentrisch einen Privilegienverlust. Wir denken, wenn andere gewinnen, muss uns etwas weggenommen werden. Aber so läuft die Weltgeschichte nicht: Wir profitieren davon, dass es anderen besser geht! Diese Win-win-Situation ist es, die mir meinen Zukunftsoptimismus gibt. Der Weltfrieden und der Fortschritt hängen davon ab, dass wir diesen Mechanismus begreifen und uns entsprechend verhalten – und keine neuen Mauern bauen.

Schreiben Sie schon am nächsten Buch?

Ich schreibe Bücher nicht mehr seriell, eins nach dem anderen, sondern stecke immer in mehreren Projekten. Und demnächst beschäftige ich mich damit, ob wir irgendwann ins Weltall auswandern und wie wahrscheinlich es ist, dass wir noch in diesem Jahrhundert Kontakt zu Ausserirdischen haben werden. Was ich übrigens für gut möglich halte, nun, da wir wissen, dass es allein in dieser Galaxie Millionen erdähnlicher Planeten gibt. Ein solcher Kontakt wäre nochmals ein grosser Meilenstein in der menschlichen Entwicklung.

Das klingt nun schon fast nach Science-Fiction. Sie mögen «Star Trek», richtig?

Natürlich. Wer nicht, der ein Zukunfts-Herz hat? Mein Mentor und Vorbild ist Jean-Luc Picard, der Captain der «Enterprise» aus «Star Trek – The Next Generation», der sich regelmässig mit ähnlichen Fragen der Angstbewältigung beschäftigt, während er die Galaxie befriedet. Ich bin generell ein grosser Science-Fiction-Fan.

Fotograf: Bernd Hartung