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11. Juni 2012

Die Welt ist einfach schon zu oft nicht untergegangen

Die Welt sei viel zu berechenbar geworden, sagt der Berliner Professor Norbert Bolz. Also entwerfe man Untergangsszenarien, um sich vor etwas fürchten zu können. Und einige schlügen mächtig Profit daraus.

Norbert Bolz
Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. Das Migros-Magazin hat den 58-Jährigen am Trendtag des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon zum Interview getroffen.

Norbert Bolz, haben Sie schon Pläne für die Zeit nach dem 21. Dezember 2012?

Was ist denn am 21. Dezember?

Da geht laut einigen besorgten Esoterikern die Welt unter, so wie vom Maya-Kalender angeblich prophezeit.

Ach ja, richtig. Man kann sich ja nicht alle Weltuntergangsdaten merken. Ich fürchte, trotz meines Interesses für diese Themen geht mir da wohl die letzte Ernsthaftigkeit ab. Die Welt ist einfach schon zu oft nicht untergegangen.

Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.
Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.

Aber eine Zivilisation kann ja auch kollabieren, denken wir an die Maya oder die Römer.

Kulturen können verschwinden, das ist historisch dokumentiert. Aber heutzutage haben wir eine Art universalisierte Zivilisation, Hintergrund dafür ist der seit 200 Jahren herrschende technologische Fortschritt. Kulturen können zwar noch immer untergehen, denken Sie an die humanistisch-literarisch gebildete Hochkultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Zivilisation als Ganzes steht aber niemals auf dem Spiel.

Dennoch haben viele Angst vor einem grösseren Kollapsereignis. Braucht der Mensch einfach etwas, vor dem er sich fürchten kann?

Genau das ist der Punkt. Es gibt einen Bedarf an Katastrophen, es gibt Angstlust, und die wird immer wieder bedient. Rückblickend betrachtet ist bisher keines dieser Untergangsszenarien eingetroffen, und ich kann auch im Moment nichts erkennen, dass daran künftig etwas ändert. Genau das aber macht einige Leute unglücklich: dass es nämlich nichts zu befürchten gibt.

Noch nie waren wir so gesund wie heute, und noch nie gab es so viele hysterische Ängste.

Woher kommt diese Lust an der Angst?

Die entsteht dadurch, dass wir heute nur noch in Sicherheitszonen existieren. Es fehlt uns jene Lebensspannung im Alltag, die in früheren Zeiten allgegenwärtig war. Also machen wir uns imaginäre Ängste. Jede kleinste potenzielle Bedrohung wird als Skandal empfunden und kann dann die tollsten Blüten treiben: Feinstaub, Lebensmittel, Viren. Noch nie haben wir so gesund gelebt wie heute, und noch nie gab es so viele hysterische Ängste.

Wie kann man denen helfen, die solche Ängste haben?

Das ist sehr schwierig. Einige Menschen bilden ihre Identität über ihre Angst. Man täte ihnen auch keinen Gefallen, wenn man ihnen die wegnehmen würde. Bei älteren Leuten und Krankheiten läuft das ähnlich, ihre Krankengeschichte bildet ihre Identität. Die Krankheit zieht Aufmerksamkeit, Mitleid und Interesse auf sich. Und das Tolle an Ängsten ist: Sie sind unwiderlegbar. Mit rationalen Argumenten ist ihnen nicht beizukommen. Allenfalls gibt es Psychotherapien, nur dazu bräuchte es einen echten Leidensdruck. Aber die meisten Leute wollen ihre Angst gar nicht überwinden.

Sie haben auch schon von einer eigentlichen Angstindustrie gesprochen: Wer profitiert?

Mittlerweile gibt es in fast allen Lebensbereichen eine Sicherheitsindustrie: beim Reisen, für unsere Computer, für unsere Lebensmittel, die Umwelt. Sicherheit ist das profitabelste Geschäft überhaupt. Angst ist ein Schmiermittel des Kapitalismus.

Wer profitiert von den Maya-Untergangsängsten, abgesehen von Esoterikautoren?

(lacht) Hollywood! Aber man darf die Menschen nicht für zu blöd halten. Viele spielen ja nur ironisch mit dieser Angst und nehmen sie nicht allzu ernst. Doch auch mit Angstkonsum lassen sich gute Geschäfte machen.

Dann gibt es noch die Religiösen, die auf das Ende hoffen, weil danach eine bessere Welt kommen soll.

Diese Idee ist ganz klassisch und findet sich nicht nur im Christentum, sondern in vielen Heilsreligionen. Sie fusst auf der Überzeugung, dass die bestehende Welt erlösungsbedürftig ist, dass es irgendwann einen letzten Tag mit einem Gericht geben muss. Es muss erst der Untergang her, damit das gute Neue kommen kann.

Aber auf die Katastrophe hoffen?

Die spannende Frage ist, wie weit diese Hoffnung wirklich geht. Nehmen wir die katholische Kirche: Sie existiert nur, weil das zweite Kommen von Jesus Christus auf sich warten lässt. Sie ist quasi die Institutionalisierung des Wartens, und sie lebt ganz gut davon, dass Jesus noch nicht wieder gekommen ist. So ist es meines Erachtens bei vielen, die an so etwas glauben. Man hat sich ganz gut im Warten eingerichtet. Das heisst natürlich nicht, dass es nicht dennoch Leute gibt, für welche die Welt das maximale Unheil repräsentiert.

Sammeln sich in solchen religiösen Gruppen besonders viele Leute, die mit der Welt nicht zurechtkommen?

Mit der Angst lassen sich gute Geschäfte machen.

Warum aber muss erst die Katastrophe passieren, bevor es besser wird?

Das hängt mit der Hoffnung zusammen, dass die entscheidende Veränderung noch während der eigenen Lebensspanne geschieht. Findet der Fortschritt allmählich und langsam statt, erlebe ich ihn nicht mehr, allenfalls meine Kindeskinder. Das ist unattraktiv, gerade für Menschen, die keine Kinder haben. Wenn sie sterben, geht aus ihrer Perspektive die Welt sowieso unter. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass es uns dank des allmählichen Fortschritts zwar immer besser geht, wir aber keineswegs zufriedener werden. Dies in Kombination erzeugt die Sehnsucht nach dem grossen Schnitt. So wirkt dann das Bild der Katastrophe wie eine Erlösung.

Wieso fallen einige Leute trotz aller falschen Untergangsdaten immer wieder auf Termine rein, an denen dann natürlich nichts passiert?

Weil sie einen konkreten Termin noch zu ihren Lebzeiten brauchen, damit es überhaupt funktioniert. Wen interessiert, wenn die Welt in 500 Jahren untergeht? Niemanden, weil das ohnehin keiner mehr erlebt, der jetzt lebt. Nur mit einem kurzfristigeren Termin lassen sich die Leute einfangen. Dass das entgegen aller Evidenz immer wieder neu klappt, spricht nur für die Dringlichkeit dieses Erlösungswunsches.

Autor: Ralf Kaminski