Archiv
20. Oktober 2014

Die Welt aus Kindersicht

Fantasien, Provokationen, Spiegelbilder der Gesellschaft: Im Zürcher Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung lagern rund 50 000 Werke aus Kinderhand. Darunter auch zahlreiche Gemälde von Thomas Vassella. Das Migros-Magazin hat mit ihm eine Zeitreise durchs letzte Jahrhundert gemacht.

Thomas Vassella
Wiedersehen macht Freude: Unter all den Schätzen aus seiner Kindheit entdeckt Thomas Vassella auch die Landi-Zeichnung.

Ein Griffel tat es auch. Was heutige Kids auf Social-Media-Kanälen technisch raffiniert treiben, haben die Kinder von einst mit einem simplen Bleistift bewirkt: ihre Welt darstellen; zeigen, was einen beschäftigt, wer man ist, mit wem man zusammenlebt.

«Jesses! Ist das meine Schwester?», staunt Thomas Vassella (89) und lacht, als er ein Brustbild eines manierlichen Maitlis mit Zöpfen hochhält. Das Porträt stammt aus einer Mappe des Zürcher Archivs der Kinder- und Jugendzeichnung. Anna Lehninger, die Koordinatorin des Archivs, hat sie ihm vorbeigebracht. «Habe ich das gezeichnet?», fragt er sich in seiner Wohnung in Siebnen SZ. Fürwahr, das tat er in den 30er-Jahren – auch wenn sich der muntere Rentner nicht mehr an jede seiner Zeichnungen erinnern mag, schliesslich waren es Tausende.

Kein Fetzen Papier sei vor ihm sicher gewesen, erzählt er. Alles, was ihm «merk-würdig» erschien, hatte der einstige Bauernbub aus Schönenberg ZH festgehalten: die ersten Zeppeline am Himmel, das Bühnenbild des Dorftheaters oder seine Mitarbeit beim Apfeltransport. Auch den Samichlaus mit der Fitze hat der kleine Thomas verewigt. «Mich musste der Chlaus aber nicht bestrafen», betont er. Ein stiller Bub sei er gewesen, habe fast nie gesprochen. Seine Sprache sei das Zeichnen gewesen. Damit habe er sich mitgeteilt.

Auf diese Weise drückten und drücken sich Kinder auf der ganzen Welt aus: Ihre Zeichnungen sind Mitteilungen im besten Sinne des Wortes – in einer eigentlichen «Weltsprache». Erwachsene mögen die Werke von Kindern und Jugendlichen psychologisieren und schwärmerisch überbewerten – letztlich sind sie vor allem eins: relativ unverblümte Darstellungen aus dem Leben der Kinder und darum stets auch ein Spiegel ihrer Zeit und Gesellschaft.

Der riesige Schatz an Zeichnungen lag lange Zeit brach

Die «unglaublich facettenreichen» Ausdrücke von Kinderzeichnungen haben den Forschungsdrang der Kunsthistorikerin Anna Lehninger (35) geweckt. Sie ordnet und erforscht seit rund vier Jahren den reichen Fundus des Archivs der Kinder- und Jugendzeichnung in Zürich. Die Sammlung, die 1932 angelegt wurde, ist im Besitz der Stiftung Pestalozzianum.

Lehninger hat die seit den 90er-Jahren brachliegende Sammlung vor einigen Jahren entdeckt und sofort erfasst, dass hier ein riesiger Schatz vor ihr liegt. Sie unternimmt nun mit Thomas Vassella eine Zeitreise in seine Vergangenheit und breitet Bild um Bild auf dem Stubentisch aus. Viele dieser Zeichnungen hat er seit 80 Jahren nicht mehr gesehen. Seine Darstellungen von der Chilbi etwa, vom Migros-Verkaufswagen oder von Flugzeugschauen.

Die Kinder durften ihrer Fantasie freien Lauf lassen

Als Schüler durfte Vassella abbilden, was er wollte. Das war zu seiner Zeit allerdings alles andere als selbstverständlich. Doch sein Primarlehrer Ferdinand Hofmann war ein Anhänger der reformpädagogischen Bewegung «Neues Zeichnen», die in den 1930er-Jahren aufkam: Hofmann forderte seine Schüler auf, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, statt wie bis anhin exakte Abzeichnungen von Vorlagen zu erstellen.

«Ich bin meinem Lehrer zeitlebens enorm dankbar für seine Förderung», sagt Vassella. Dank dessen Unterstützung entstand bei Vassella so über die Jahre eine regelrechte Dorfchronik aus der Sicht eines Bauernjungen. Ferdinand Hofmann schickte aber auch zahlreiche andere Kinderzeichnungen an das damals noch junge Internationale Institut für das Studium der Jugendzeichnung (IIJ, heute Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung), das Hofmanns Freund Jakob Weidmann 1932 am Pestalozzianum gegründet hatte. Mit dem IIJ war Jakob Weidmann weltweit vernetzt, tauschte sich aus mit anderen Reformpädagogen und Künstlern und organisierte Ausstellungen. So wurden auch vier Zeichnungen von Thomas Vassella an der Landesausstellung von 1939 gezeigt – weshalb der stolze Bauernbub nach Zürich reisen durfte und daraufhin selbstverständlich sogleich die Landi samt Gondeli über dem Zürichsee zeichnete.

Kunsthistorikerin Anna Lehninger hat rund 50 000 Kinderzeichnungen in ihrem Archiv. Die ältesten sind über 100 Jahre alt.
Kunsthistorikerin Anna Lehninger hat rund 50 000 Kinderzeichnungen in ihrem Archiv. Die ältesten sind über 100 Jahre alt.

Die Landi von 1939 stand ganz im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung, eines Themas, das die Kinder damals sehr beschäftigte: «In jener Zeit malten die Kinder vermehrt Schweizer Helden, berühmte Schlachten oder auch Darstellungen vom Landdienst, den sie zu leisten hatten», sagt Anna Lehninger.

So fand die Kunsthistorikerin im Archiv auch eine Zeichnung von 1934 des damals 13-jährigen Friedrich Dürrenmatt: Er stellte Adrian Bubenberg dar, den Verteidiger von Murten in den Burgunderkriegen. Kinderzeichnungen von weiteren Schweizer Prominenten wie Heidi Abel, Alois Carigiet oder Franz Hohler finden Sie in der Bildstrecke am Ende des Textes.

Dürrenmatt hatte – wie Hunderttausende von Kindern – einige seiner Zeichnungen beim Wettbewerb des Pestalozzi-Schülerkalenders eingereicht, dem grössten und beliebtesten Zeichenwettbewerb der Schweiz, dessen 22 000 prämierte Werke auch im Archiv der Kinder- und Jugendzeichnung lagern. «Kein anderer Wettbewerb hat die Kinder so sehr motiviert», erzählt Lehninger, «schliesslich waren die Preise zu jener Zeit auch sehr attraktiv. Gewinner bekamen zum Beispiel eine goldene Taschenuhr oder einen silbernen Füllfederhalter geschenkt.»

Mit dem Aufkommen zahlreicher kommerzieller Malwettbewerbe geriet der Pestalozzi-Wettbewerb nach sieben erfolgreichen Jahrzehnten ins Hintertreffen: 1912 wurde er gegründet, 1984 zum letzten Mal durchgeführt.

Während die meisten Kinder als Erwachsene die Farbstifte zur Seite legten, blieb Vassella seiner Leidenschaft ein Leben lang treu. «Ich habe an 22 Ausstellungen teilgenommen und Hunderte von Werken verkauft.» Wichtiger als sein Nebenverdienst war ihm aber die Freude an seinem Hobby. Das Zeichnen als Selbstfindung und Selbstbestätigung – das hätte Vassella nie missen wollen. Darum ist der mehrfache Grossvater überzeugt: «Man sollte auch die heutigen Kinder so oft wie möglich malen lassen.» Ein letztes Mal lässt Thomas Vassella seinen Blick über die vor ihm ausgebreiteten Zeichnungen schweifen und schaut dann strahlend auf: «Sternefoifi, was war ich damals glücklich!»

Prominente Zeichner

Hunderttausende von Kindern haben jeweils am Zeichenwettbewerb des Pestalozzi-Kalenders mitgemacht – prämiert wurden unter anderem folgende Teilnehmer, die später prominente Schweizer wurden:

Autor: Gabriela Bonin

Fotograf: Nathalie Bissig