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02. Februar 2015

Es ist nur eine Phase

Reis pur
Das Kind mags schön farblos – zum Beispiel Reis pur. (Bild Getty Images)

Was haben Spaghetti, Reiskörner, Toastbrot, Schlagrahm, Maiswaffeln und Marshmallows gemeinsam? Kommen Sie mir nicht mit der Kalorientabelle, das meine ich nicht! Mir geht es um etwas anderes: Alle diese Nahrungsmittel sind weiss. Oder beige. Von mir aus auch hellgelb. Wir wollen jetzt keine Haare spalten, oder?

Tatsache ist, dass meine Zweitgeborene seit einigen Wochen nur noch Dinge aus dieser Farbfamilie auf ihrem Tellerchen akzeptiert. Und da das Kind so mager und zierlich ist (es kommt nicht nach seiner Mutter), machen wir bei diesem irren Sortierspiel mit. Evas gekochtes Ei wird im Hause Leinenbach beispielsweise fein säuberlich zerlegt. Das Orangene verklappen wir an Ida, das Weisse servieren wir Prinzessin Eva. Wenn das Mami bei der Eierpräparation zu wenig sorgfältig war, bessert unsere Vierjährige selbstredend nach. Meist bleibt dann nur ein ausgebeintes Eiweisshäuflein übrig. Das Kind pickt dann die Eiweisskrümel und ist glücklich.
Ich habe Herrn Leinenbach neulich dabei ertappt, wie er die roten Trockenfrüchte aus Evas Cornflakes klaubte. Und ich bestelle beim Thailänder immer schon vorsorglich Reis und Krabbenchips, damit uns das Kind nicht im Restaurant verhungert. Und das alles nur, weil Eva keine bunten Dinge in den Mund nehmen kann.

Ja nun, was soll ich sagen? Wir glauben fest daran, dass der Farbtick nur eine Phase ist, ein Spleen, der sich im Laufe der Zeit legen wird. Bis dahin bleiben wir stoisch, sitzen das Problem aus (und warten auf den Vitaminmangel …). Falls Sie sich fragen, wie Evas Darm mit der weissen Flut klarkommt, kann ich Sie beruhigen: Alles normal in dieser Abteilung.

Vielleicht haben wir das Gröbste ja schon hinter uns. Neulich gab es bei uns Reis pur für Eva und Reis mit Casimir und gemischtem Gemüse für den Rest der Familie. Meine Kleine starrte auf meinen bunten Teller, zeigte auf die Kefen und knabberte an ihrer Unterlippe.
«Willst du das probieren?»
«Was ist das, Mami?»
«Da sind Erbsli drin.»
«Glaub ich nicht, das sieht doch wie ein Blatt aus.»
«Doch, guck, hier, man muss es aufklappen – und in der Mitte sind die Erbsli. Magst du eins?»
«Ja.»
«Soll ich dir ein paar Kefen auf den Teller legen?»
«Nein, ich esse die Erbsli nur, wenn du sie mir rausholst.»
«Okay. Aber die Erbsli, die isst du dann auch.»
«Jaaaa, Mami, hast du vergessen, dass ich runde Sachen liebe?»

Autor: Bettina Leinenbach