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01. Juli 2016

Die Walliser Tour de France

Den Galibier-Aufstieg absolviert die «Grand Boucle» 2016 … im Wallis! Für Migrosmagazin.ch Anlass genug, neben dem Zielort Finhaut-Emosson die Region Martigny auf und ohne Rad zu erkunden.

Blick vom Forclaz ins Rhonetal
Am Col de la Forclaz: Hier fährt der Tour-de-France-Tross am 20. Juli hoch, jedoch ohne Möglichkeit, wie die Hobbyfahrer aufs Rhonetal zurückzublicken ...

Zu den folgenden Tipps für Radsportler und E-Bike-Tourenfans haben wir Ausflugstipps für Familien und Velomuffel zusammengetragen.

Dieses Jahr steht kein Galibier auf dem Tour-de-France-Programm, keine Alpe d’Huez und kein Col de la Madeleine. Nicht weiter schlimm: Den gleich schwierigen und zweigeteilten Anstieg zum Galibier erledigen die Fahrer sozusagen bei der ersten Ankunft am Emosson-Staudamm bei Finhaut-Emosson in der Schweiz. Doch auch neben der vorentscheidenden Bergankunft am 20. Juli winkt die Chance, rund um Martigny eine Veloregion kennenzulernen, die einen eigenen Charme und viel Kultpotential bietet, in der Deutschschweiz jedoch weitgehend unbekannt ist.

Deshalb hat das Migros-Magazin neben der Besichtigung der Tour-Ankunft (rechts: «Der Tour-Tross im Berg») weitere Pässe und Bergorte erkundet. Fazit: Mit malerischen Landschaften und guter Erschliessung erübrigt das französischsprachige Wallis glatt den Weg in die Savoyer Alpen mit ihren Tour-Mythen um St-Jean-de-Maurienne. Hier verraten wir, wo «Hobbygümmeler» oder E-Bike-Touren-Fans den Walliser Galibier oder die Alpe d’Huez finden, zeigen Bilder und charakterisieren kurz die Anstiege.

Und: Weit weg ist Martigny im Vergleich zu anderen Schweizer Bergregionen keineswegs. In 1 Stunde 45 Minuten ist man von Bern dort, von Zürich dauert es eine Stunde länger.
FINHAUT–EMOSSON: In zwei Etappen
Die Tour-Etappen werden gerade in den Bergen stets kürzer, bewahren dafür Hauptschwierigkeiten bis zum Schluss auf. So soll das Spektakel gesteigert und die Dopinggefahr eingedämmt werden. Am liebsten wie am Galibier mit dem vorgelagerten Télégraphe, auf den eine kleine Abfahrt folgt, bevor der Endkampf am Berg richtig losgeht. Genau diese Topografie trafen wir bei der Vorbesichtigung der Ankunft am Emosson im Trient-Tal, an der Grenze zu Frankreich, an. Eine breite Strasse mit nie schmerzenden Steigungsprozenten von Martigny auf den Forclaz (gut 1050 Höhenmeter) mit schönem Ausblick ins Rhonetal. Nach kurzer Abfahrt die Anfahrt Richtung Finhaut und schliesslich auf idyllisch-verkehrsarmem Bergsträsschen zum Stausee, mit einem stetig steiler werdenden Profil gegen Ende (total knapp 900 Höhenmeter für den zweiten Anstieg).

DER COL DU LEIN: Vom Rebberg zur Alpwirtschaft
Im Regen getestet haben wir diesen mit Ausnahme von den paar Anwohnern verkehrsfreien Pass mit drei unterschiedlichen Landschaftstypen. Er verbindet mit 1230 Höhenmetern auf 14,5 km Anstieg Saxon im Haupttal mit Sembrancher an der Verzweigung zwischen Grossem St. Bernhard und Val de Bagnes. Man kann also den nächsten Pass wählen – wie beim Glandon, der südlich in den Col de la Croix de Fer mündet. Achtung: In Saxon (Zentrum) ausgeschildert heisst er Col du Lin (statt Lein). Im ersten Teil durchfährt man Rebberge und Aprikosenhaine, im zweiten gepflegte Holz-Zweitwohnungsweiler und zuletzt klassische Alpwirtschaften mit viel Wald. Die letzten 1 bis 1,5 km vor und nach der Passhöhe sind nicht asphaltiert, aber mit Rennrad problemlos fahrbar. Von Sembrancher ist der Anstieg kürzer, aber etwas steiler.

VERBIER und Mauvoisin: Glamour oder Ballenberg
Von Martigny aus ist es etwas weniger hoch, und die rhythmischen Serpentinen hinauf ins mondäne Verbier erfordern weniger Kraft als die Alpe d’Huez. Und doch geht es von einem halbwegs flachen Tal in einen Ort mit Glamour und genügend Restaurants und Terrassen. Die Chance, möglichst gleichmässig schnell hinaufzubrettern und sich wie die Stars bei der Tour-de-France-Ankunft 2009 (Contador!) zu fühlen. Ansonsten empfehlen wir von Le Châble aus den Aufstieg bis zum Mauvoisin-See. Dabei passiert man zwei bis drei wenig touristische Dörfchen, gegen Ende gar ein paar Chaletsiedlungen, die für einen niedlichen Miniaturcharme à la Ballenberg sorgen.

Lohnendes Radziel, auch wenn dieselbe Bergstrasse wieder runtergefahren wird: Bis zur Mauvoisin-Staumauer führt die asphaltierte Strassse. (Bild © Verbier Promotion)

DER COL DE LA CROIX DE CŒUR: Maiensässe am Skihang
Der ambitionierte oder stromgestärkte Radler nähert sich Verbier jedoch von Riddes (rund 15 km östlich von Martigny) über die Mayens de Riddes und das Herzenskreuz(!). Der mittelsteile Anstieg erinnert bisweilen an den Col de la Madeleine (von Maurienne-Seite), ist aber mit knapp 22 km und 1700 Höhenmetern nahrhafter. Verbindend: einige Rhythmuswechsel trotz meist gleichmässigem Anstieg und im zweiten Teil die von Skitourismus geprägte Umgebung. Noch beeindruckender als auf dem Madeleine: die Aussicht! Achtung: Vor dem Pass sind die letzten gut 500 Höhenmeter, danach die ersten 200 Höhenmeter nicht asphaltiert, aber bei schönen Wetter auch für Strassenräder gut fahrbar.
DER COL DU CHAMPEX: Etwas für Pragelpassfans
Wer genug hat von gleichmässigen Passfahrten und richtig steile Rampen im Stil der Giro-Klassiker am Monte Zoncolan (I) oder auf den Rettenbachferner (Ö) sucht, wird in unmittelbarer Nähe von Martigny ebenfalls fündig: Der Champex präsentiert sich von Les Valettes mehr als kräfteraubend. Auf 11 km mit ähnlich vielen Höhenmetern (fast 900) wie das Tour-Finale 2013 nach Annecy-Semnoz, verläuft der Aufstieg gut 600 Höhenmeter lang so ruppig wie der Pragelpass von Muotathal SZ in Richtung Klöntal GL. Effekt der Testfahrt: Autsch!

Auf der Passhöhe des Col de Champex
Auf der Passhöhe des Col de Champex, das im Juni noch zur Euro beflaggte Haus bietet einen Mix aus Bistro und Brockenstube.

DER COL DES PLANCHES: Waldidyll gleich über der Stadt
Am schnellsten bergauf von Martigny führt der Col des Planches, ausgehend vom Kreisel inmitten der Avenue du Grand-Saint-Bernard, an dem vis-à-vis der Place Saint-Michel der Chemin-Col des Planches beginnt. Nach einer steilen Rampe zum Auftakt (über 14%!) erklimmt er kurvig durch schattigen Wald insgesamt knapp 1000 Höhenmeter, fast wie der Col du Mollard (von St-Jean aus).
Der Grosse St. Bernhard kennt ebenfalls einige landschaftlich lohnende Passagen, jedoch oft noch mehr Verkehr, vorab mit grossen Brummern. Durchaus verwandt mit seinem lang gezogenen Anstieg wäre er dem Iséran, führt aber nicht in annähernd dieselbe Höhenlage. Am stärksten befahren ist die Kantonsstrasse von Martigny bis Sembracher, wo sich der St. Bernhard von der Zufahrt nach Verbier trennt. Diese Strecke zu umgehen, ist ratsam: z.B. mit dem Col des Planches oder dem Col du Lein – oder durch Ausweichen auf die Bahn.
WEITERE KURZTIPPS IM OSTEN

Der Sanetsch: Unser Pendant zur Cime de la Bonette weist teils eine Steigung von 13% bis 14% auf, mit einem Aufstieg ab Conthey von immerhin rund 1800 Höhenmetern. Er lohnt sich vor allem für sehr sportliche Fahrer, will man danach per Luftseilbahn nach Gsteig und über den Col du Pillon und Aigle ins Wallis zurück. Mit dem Mountainbike kann natürlich die ganze Strecke gefahren werden, dann eher von der anderen Seite (und wegen der Länge mit etwas Zugfahrt durchs Rhonetal).

Crans-Montana: Der in mehreren Varianten auf bestens ausgebauten Strassen zu meisternde Aufstieg erinnert zwischendurch an die Tour-de-France-Ankünfte in La Toussuire. Das gilt leider auch für die Skiorte am Ende, beides baulich nicht unbedingt Sehenswürdigkeiten an sich, aber überaus attraktive Aussichtspunkte.
Veloinfos auf der Website von Valais/Wallis Promotion

Autor: Reto Meisser