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25. Juni 2012

«Die Väter fehlen im Alltag»

Die Schweiz hat ihren ersten Männerbeauftragten: Markus Theunert vertritt ab dem 1. Juli im Kanton Zürich das vermeintlich starke Geschlecht. Er erklärt, wo Männer jetzt aufholen müssen und warum auch Frauen in der Pflicht sind.

Markus Theunert hat keine Kinder. Würde er Vater, möchten seine Partnerin und er 
je 80 Prozent 
arbeiten.

Der zukünftige Männerbeauftragte über die Traditionsfalle, wie es männlichen Betreuern in Kinderkrippen ergeht und was er von Frauenquoten hält:
«Väterrechte sind eine Baustelle»

Markus Theunert, am 1. Juli treten Sie die Stelle eines Männerbeauftragten für den Kanton Zürich an, ein Unikum in der Schweiz. Warum braucht es jemanden wie Sie?

Die Frauenbewegung hat die Gesellschaft gründlich verändert. Sie hat zu Recht Diskriminierungen von Frauen beseitigt. Jetzt müssen die Männer ihre Hausaufgaben machen. Sie sollen selber aktiv werden und deklarieren, was sie sich unter einem attraktiven Leben in einer Gesellschaft vorstellen, die ernst macht mit der Gleichstellung.

Warum haben sie das bislang nicht getan?

Weil ein richtiger Mann nach dem traditionellen Männerbild keine Anliegen haben darf. Und wenn er ein Anliegen hat, gilt er nicht als richtiger Mann. Wie soll sich da einer trauen, Veränderungswünsche zu formulieren? Gleichstellungsarbeit, wie wir sie heute kennen, stellt die Männer gern defizitär dar. Wir müssen aber vermehrt wertschätzend von den Lebensrealitäten der Männer ausgehen und nicht von einem Ideal, das am Reissbrett entworfen wurde.

Welches ist die Realität?

Die Statistiken sind klar: Männer übernehmen seit zehn Jahren jährlich mehr und mehr Erziehungs- und Hausarbeit. Ihre berufliche Belastung hat aber nicht abgenommen. 90 Prozent der Männer äussern den Wunsch, Teilzeit zu arbeiten, auch um mehr für die Familie da zu sein. Aber nur 13,4 Prozent tun es.

Warum schafft es nur gut jeder Siebte?

Für Männer ist Leistungsorientierung immer noch zentral. Das bedeutet: «Ich arbeite Vollzeit, also bin ich vollwertig.» Ein Mann sagte mir kürzlich: «Seit ich 80 Prozent arbeite, bin ich für die Kollegen nur noch eine halbe Portion.» Wird einem Mann das reduzierte Arbeitspensum als mangelnde Leistungsbereitschaft interpretiert, ist das eine Gefahr für ihn — beruflich und persönlich.

Immerhin scheinen die Arbeitgeber offener für Männer mit Teilzeitpensen als auch schon.

Ja, wobei man zwischen echten Bemühungen und hehren Absichtserklärungen unterscheiden muss. Es genügt nicht, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Firmenleitbild steht.

Fehlen auch die Vorbilder?

Das ist ein Problem. Wenn Vereinbarkeit vom Management vorgelebt wird, erhöht das die Möglichkeiten der Mitarbeiter massiv. Wir sind da gerade in einer Übergangsphase. Ein Beispiel: Eine HR-Mitarbeiterin einer grossen Schweizer Bank sagte mir kürzlich: «Bei uns im mittleren Kader arbeiten 25 Prozent der Männer Teilzeit.» Flüsternd fügte sie an: «Aber es redet niemand darüber.» Von den Vorgesetzten gibt es die klare Ansage: «Du kannst Teilzeit arbeiten, aber niemand darf es wissen.» Offiziell sind die Männer dann mittwochnachmittags an einer externen Sitzung.

Jetzt müssen die Männer ihre Hausaufgaben machen.

Mit weniger als 80 Prozent lässt sich auch kaum eine Kaderposition halten.

Das hängt von der Organisation der Arbeit ab. Aber so oder so genügt ein Tag zu Hause schon, damit ein Mann lernt, Verantwortung für die Kinderbetreuung zu tragen. Dann ist er nicht mehr nur Unterstützer seiner Frau, sondern Ansprechperson auf Augenhöhe.

Sind Mütter überhaupt bereit, zu Hause Macht abzugeben?

Gute Frage. Beide Geschlechter sind in ihren Rollenbildern verhaftet, wobei Frauen immerhin das Selbstverständnis entwickelt haben, auch berufstätig zu sein. Ich höre aber in der praktischen Arbeit oft, dass Frauen von ihren Männern erwarten, Erziehungs- und Hausarbeit nach ihren Vorgaben anzupacken. So können Männer keinen eigenständigen Stil entwickeln.

Wenn es klappt, profitieren die Kinder?

Kinder wünschen sich den Kontakt zu beiden Elternteilen. Und es ist wichtig, dass sie nicht mit dem Schema aufwachsen, dass Hausarbeit weiblich ist und Erwerbsarbeit männlich. Im Falle einer Scheidung ist bei Paaren, die ein auf Gleichheit ausgerichtetes Modell leben, die Wahrscheinlichkeit eines Rosenkriegs kleiner. Die Kinder leiden weniger.

Um welche Männeranliegen muss man sich jetzt kümmern?

Scheidung und Sorgerecht sind wichtige Themen. Auch die Frage: Wie kriege ich alle Ansprüche unter einen Hut? Die Rolle des Ernährers plus die des fürsorglichen Vaters, des aufmerksamen Partners, fantasievollen Liebhabers, und so weiter. Und bei der Berufswahl junger Männer muss sich etwas ändern. Für sie ist es immer noch eine grosse Hürde, Berufe zu erlernen, die weiblich besetzt sind, hauptsächlich soziale und erzieherische Berufe. Das ist gleichstellungspolitisch nicht toll, aber auch für die Buben selber nicht. Denn die traditionell männlichen Berufe haben nicht so viel Zukunft. Wir müssen auch den Zusammenhang zwischen den geltenden Männlichkeitsvorstellungen und der Gesundheit der Männer aufzeigen.

Inwiefern?

Die traditionelle Männlichkeit ist per se ein beträchtliches Gesundheitsrisiko. Bis zum 65. Altersjahr sterben Männer fünfmal so oft an einem Herzinfarkt wie Frauen und dreimal so oft an Suizid und Verkehrsunfällen. Für Mord und Totschlag sind sie überproportional verantwortlich, und fast alle Raser sind männlich. Diese Probleme werden aber im Moment nur isoliert angegangen. Wir müssen nun das Gesamtbild zeigen und neue Lösungsansätze finden. Ein grosses Thema ist auch die Sexualität.

Das Mannebüro Zürich verzeichnet eine Zunahme an Beratungsfällen zur Sexualität. Ist das eine gute Nachricht oder eine schlechte?

Beides. Zum tradierten Männerbild gehört, dass man keine Probleme hat, und wenn doch, dann löst man sie alleine. Dass Männer Hilfe in Anspruch nehmen, ist ein gutes Zeichen. Die schlechte Nachricht ist, dass Männer sexuell an ihre Grenzen stossen. Wenn ich vor zehn Jahren mit Männern über Sex redete, hiess es oft: Ich komme zu kurz. Heute plaudere ich mit Freunden über den Pflichtaspekt von Sexualität und mit Freundinnen über ihr Sexdefizit.

Zum Männerbild gehört, dass man keine Probleme hat.

Machen Männer im Bett schlapp, weil sie immer mehr leisten müssen?

Sicher auch. Irgendwann geht es halt nicht mehr. Es heisst zwar immer, dass Männer zu Hause zu wenig helfen. Dabei werden ihre Beiträge gern übersehen: Versicherungsofferten vergleichen, Steuererklärungen ausfüllen, das Auto waschen oder auch mit den Kindern basteln. Wenn Männer Forderungen erfüllen, schneiden sie das meist von ihrer eigenen Zeit ab. Ich möchte aber nicht nur über die Defizite sprechen.

Gibt es auch gute Nachrichten?

Allerdings. Eigentlich haben wir eine geniale Situation. Dadurch, dass Frauen vor allem wirtschaftlich aufgeholt haben, ist es heute möglich, eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu leben. Ich meine: Wow! So was gab es in der neuzeitlichen Geschichte der Menschheit noch nie. Viele glauben immer noch, es gehe um Männer gegen Frauen. Es geht aber um eine Koexistenz.

Wie sieht die bei Ihnen aus?

Meine Lebensgefährtin und ich streben eine Partnerschaft auf Augenhöhe an. Sie ist 37, ich 39, die Kinderfrage stellt sich natürlich auch. Werden wir Eltern, wollen wir beide zu 80 Prozent arbeiten. Es ist auch eine Option, separate Wohnungen zu behalten.

Das ist der technische Teil.

Das ist insofern nicht nur technisch, als ein Beziehungsmodell dahintersteckt. Und das geht davon aus, dass wir beide wirtschaftlich eigenständig bleiben, aber für das Kind gemeinsam die Verantwortung übernehmen.

Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind bis heute sehr weiblich geprägt. Es ist meist mit der Mutter zu Hause, dann kommen Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen, Primarlehrerinnen. Ist das ein Problem für Kinder?

Es ist ein Problem für die Gesellschaft, wenn dieses Bild entsteht: weiblich bedeutet Fürsorge, lehren, erziehen, und männlich bedeutet abwesend zu sein.

Wo fehlen die Väter?

Im Alltag.

Wer ist jetzt in der Pflicht, etwas zu ändern? Männer oder Frauen?

Beide. Männer müssen lernen, mit dem Spannungsfeld zwischen Mannsein und gesellschaftlichen Forderungen umzugehen. Und Frauen müssen sich von dem Denken lösen: Hier die Frauen als Opfer, da die Männer als Täter. Dieses Bild war mal legitim, ist es aber heute nicht mehr.

Autor: Yvette Hettinger, Andrej Abplanalp

Fotograf: Siggi Bucher