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04. Januar 2016

Die unverblümte Wahrheit

Blumen schenken
Einer Floristin Blumen schenken?

Darf man einer Floristin Blumen schenken? Die Frage stellte sich mir, als ich einst, ehe ich meine Frau kennenlernte, in eine Blumenfrau vernarrt war. Wie hätte ich ihre Aufmerksamkeit wecken, ihr meine Ver­ehrung erweisen sollen? Und eigentlich war es ja ­gar keine ­Frage, denn eine rote Rose konnte es nicht sein: Einer Floristin, das war klar, schenkt man keine Blumen – die hat sie ja den ganzen Tag um sich herum.

«Hättest du es doch getan!», platzt die Fachfrau heraus, der ich Jahrzehnte später vom damaligen Dilemma erzähle. Sie führt einen Blumenladen; ich habe sie an einem Fest kennengelernt. «Die hätte sich bestimmt gefreut!», bekräftigt sie. Ungläubig hake ich nach. Und sie erklärt mir, dass eine Frau, die immerzu mit Blumen arbeitet und Blumen demnach mag, auch gern mal welche bekäme. Täglich habe sie kaufwillige verliebte Spunde und charmante Seniorinnen in ihrem Geschäft, täglich müsse sie mehrfach erleben, wie anderen die Geste des Blumenschenkens widerfahre – nur ihr nie.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) kommt zu einer späten Einsicht.

Das hat was. Es hiesse: Doch, doch, man soll einem Buchhändler Bücher schenken, eine Fleischfachfrau mit Räucherwurst beglücken, einen Vinothekar mit einer guten Flasche Wein. Denn privat sind diese Menschen offenbar ganz privat. Sogar für Ärzte gilt das. Als ich mich mal beim Kinderarzt entschuldigte, weil wir mit unseren Kleinen wegen jedes Pfnüsels hochbesorgt und zu Unzeiten angerannt kämen, erwiderte er: «Sie glauben gar nicht, wie oft ich nachts mit unseren Kindern in die Notfallabteilung gerast bin! Wegen Nichtigkeiten.» Weil man als Vater ganz Vater und überhaupt nicht mehr Arzt sei. Er, der es von Berufs wegen besser gewusst hätte, hyperte privat wie alle anderen jungen Eltern auch.

Tröstlich ist das. Und es leuchtet irgendwie ein. Mir hat mein Vater, wiewohl Deutschlehrer, ja auch beim Frühstück rasch «Nathan der Weise» zusammengefasst, weil ich die Hausaufgaben verschlampt und das Buch nicht gelesen hatte, was er als Lehrer ver­urteilt hätte. Endlich begreife ich, dass eine Blumenfrau als Privatfrau schlicht Frau und durchaus empfänglich für Blumen ist, besonders für die Botschaft, die sie vermitteln – besser gesagt: vermittelt hätten. Eine arge Unterlassung wars damals, die Blumenfrau nicht mit Blumen zu hofieren.

«Ist es dir denn passiert?», frage ich nun die Floristin, die mich aufgeklärt hat. «Mein Liebster? Schenkt mir jede Woche Blumen», gibt sie zur Antwort, und dieser Liebste sitzt neben ihr. Doch mir fällt sogleich eine neue Hürde ein: die Konkurrenz. «Wo kauft er sie denn?», erkundige ich mich. – «Bei mir, dänk!»

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli