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10. April 2012

Die treusten Schweizer Mieterinnen

Sie zog ein, als der Zweite Weltkrieg eben zu Ende war. Seit 64 Jahren lebt die 91-jährige Elisabeth Danz in derselben Wohnung in der Berner Altstadt. Und hofft, noch lange bleiben zu können.

Elisabeth Danz
Sie mag es heimelig – und einige Teppiche hat sie selbst geknüpft: Elisabeth Danz im ehemaligen 
Kinderzimmer ihrer Wohnung in der Berner Altstadt.

Ausbaustandard und Lebensdauer bei Mietwohnungen: Die Statistiken zum Wohnland Schweiz und die Richtlinien für Teppiche, Tapeten oder Geschirrspüler.

Die Baslerin Alice Lotze, seit 83 Jahren wohnhaft an der Hardstrasse 62.
Die Baslerin Alice Lotze, seit 83 Jahren wohnhaft an der Hardstrasse 62.
Adolf Gerber wohnte mit Frau, später drei Kindern und nun allein an der Neuengasse in Burgdorf.
Adolf Gerber wohnte mit Frau, später drei Kindern und nun allein an der Neuengasse in Burgdorf.
Frisch verheiratet zog Margrith Heiniger im Februar 1945 in die Mietwohnung an der Rainstrasse 1 in Lohn-Ammannsegg SO. Nach mehr als 67 Jahren wohnt die Rentnerin immer noch dort.
Frisch verheiratet zog Margrith Heiniger im Februar 1945 in die Mietwohnung an der Rainstrasse 1 in Lohn-Ammannsegg SO. Nach mehr als 67 Jahren wohnt die Rentnerin immer noch dort.
Die Weingartstrasse 3 in Bern, seit über 65 Jahren Heimat von Mina Rieben-Amstutz.
Die Weingartstrasse 3 in Bern, seit über 65 Jahren Heimat von Mina Rieben-Amstutz.

Mehr als 64 Jahre lang: Kennen Sie jemanden, der sogar noch länger als Elisabeth Danz in derselben Mietwohnung lebt? Senden Sie uns ein Bild und die Angaben zur Person (natürlich können Sie es selbst sein!) an onlineredaktion@migrosmedien.ch . Wir veröffentlichen die Rekord-Mieter(innen) umgehend an dieser Stelle:
Alice Lotze (90 Jahre alt) lebt seit ihrem 7. Altersjahr (!) und somit 83 Jahren in derselben Wohnung an der Hardstrasse 62 in Basel (Bild rechts).
Evelyne Piccoli(85) bewohnte erst mit Eltern und Geschistern, dann mit Mutter und Sohn und heute allein die Wohnung am Tellplatz 5 in Bern, insgesamt 70 Jahre am Stück.
Yvonne-Claire Kurz wohnt seit über 69 Jahren an der Meisengasse 4 in Basel. Auch sie zog mit Eltern und Geschwistern im Alter von 7 Jahren ein.
Adolf Gerber(Bild links) lebt seit 67,5 Jahren in einer Altstadtwohnung an der Burgdorfer Neuengasse, wo er den Haushalt auch mit 92 noch alleine 'schmeisst'.
Margrith Heiniger (Bild rechts) wohnt bereits seit 67 Jahren in derselben Wohnung an der Rautistrasse in Lohn-Ammannsegg SO.
Hedwig Knuchel bewohnt seit 66 Jahren eine Dreizimmer-Wohnung an der Brünnenstrasse 110 in Bern.
Mina Rieben-Amstutz lebte bis zum Alter von 91 Jahren über 65 Jahre (ohne Unterbruch) an der Weingartstrasse 3 (siehe Bild) in Bern.
Theres Kissling wohnt seit 64 Jahren und 10 Monaten am Kornweg 87, einem Haus der Fambau-Genossenschaft, in Bern. Zudem bringt es eine weitere Mieterin auf 64 Jahre, zwei auf 63 Jahre und ein weiterer Mieter auf 61 Jahre in derselben Wohnung.

Das Porträt
Die Küchenuhr geht zehn Minuten vor, denn Elisabeth Danz kommt nicht gerne zu spät: zum Coiffeurtermin jeden Freitag um 9.30 Uhr oder zu den Kaffeekränzchen donnerstags um 10 Uhr.
Sie steht am Küchentisch in ihrer Zweizimmerwohnung, legt einen Beutel Schwarztee in eine Tasse und füllt sie mit heissem Wasser. Hinter ihr, neben dem Lavabo, hängt ein Kalender aus dem Jahr 1987. Das Papier vergilbt, die Menschen, deren Geburtstage sie dort eingetragen hat, fast alle gestorben. Sie brauche einen neuen Kalender, sagt Elisabeth Danz.

Draussen scheint die Sonne, doch die Sonnenstrahlen reichen nicht bis zu den Fenstern ihrer Wohnung im 1. Stock — typisch für die alten Häuser der Berner Altstadt. Aus dem Haus nebenan dringt dumpf Baulärm. Bis vor ein paar Monaten wohnten dort Studenten. Nun wird das alte Haus saniert. Moderne, teurere Wohnungen sollen entstehen.

Fast ein ganzes Leben in den gleichen vier Wänden

64 Jahre, so lange schon wohnt Elisabeth Danz in ihrer Wohnung, oder wie sie es nennt: in ihrem «Logis». Fast ein ganzes Leben. Die gleichen Wände, die gleichen 52 Quadratmeter, die gleichen 17 Steinstufen bis zu ihrer Wohnungstür.

Sie weiss keine Antwort auf die Frage, wie es dazu kam. 64 Jahre? Sie denkt nach, lacht und sagt: «Ich hätte nicht einmal gedacht, dass ich so alt werden würde.»

Was der Grund dafür sei, dass sie 91 geworden ist? Sie lacht wieder, diesmal leiser. «Keine Ahnung, keine Ahnung. Ab dreissig verging die Zeit …», sie macht eine Bewegung mit der Hand, ein Flugzeug das abhebt und davonfliegt.

Ich könnte nirgends wohnen, wo es zu ruhig ist.

Elisabeth Danz, geborene Strebel, arbeitete als Aushilfsserviertochter im Café Postgasse, als sie Ernst Danz kennenlernte. Täglich trank er sein Feierabendbier bei ihr. Er wohnte ganz in der Nähe, in dem Haus, in dem er geboren wurde. Sie zog 1947 bei ihm ein, da war sie 26 Jahre alt. Als Aushilfe verdiente sie anfangs 25 Franken im Monat. 20 Franken schickte sie ihren Eltern ins Aargauer Freiamt. Ihr blieb ein Fünfliber. Zusammen mit dem Gehalt, das ihr Mann als Magaziner verdiente, reichte es gerade.

Sie begann die Wohnung nach ihrem Geschmack einzurichten. Er liess sie gewähren, obwohl er Veränderungen nicht mochte. Sie tapezierte die Wände, um die Risse im Holz zu kaschieren, das Innere der Wandschränke kleidete sie mit farbigem Papier aus, Vorratsdosen und die alte Suppenschüssel der Schwiegermutter verzierte sie mit Blumenklebern. Lange gab es in der Wohnung kein Badezimmer. Familie Danz erhitzte Wasser auf dem alten Herd und wusch sich am Marmorbecken in der Küche. Erst 1999 baute der Vermieter ein Badezimmer ein.

Anfangs kostete die Wohnung 55 Franken Miete im Monat

Kurz nach der Heirat mit Ernst Danz, sie war 29, gebar sie den gemeinsamen Sohn Eduard. Es wurde eng im Logis. Doch andere, grössere Wohnungen in der Stadt waren zu teuer. Und da der Weg zur Arbeit kurz war, blieb die Familie in ihrer kleinen Wohnung, die damals 55 Franken im Monat kostete. Elisabeth Danz blieb ihr Leben lang Aushilfe, arbeitete auf Abruf. Wenn kurz vor Mittag ein voller Reisecar vorfuhr, klingelte bei ihr das Telefon. Dann hiess es: alles stehen und liegen lassen und schnell rüber in die Beiz. Hatte sie mal frei, setzte sie sich auf den Fenstersims, stickte, häkelte, knüpfte. Heute füllen die bestickten Frottee- und Nastücher in allen Grössen und Farben, perfekt aufeinandergestapelt, mehrere Schranktablare, die selbst gemachten Teppiche bedecken den Holzboden im kleinen Wohnzimmer.

Die kleine Wohnung ist liebevoll dekoriert. Die Teller hat Elisabeth Danz von ihrem Sohn Eduard geschenkt bekommen.
Die kleine Wohnung ist liebevoll dekoriert. Die Teller hat Elisabeth Danz von ihrem Sohn Eduard geschenkt bekommen.

Der Sohn wuchs zu einem jungen Mann heran und war bald so gross wie sein Zimmer breit war. Der Schreibtisch passte gerade vor das Fenster, viel Platz für das Bett blieb in dem 185 Zentimeter breiten Kinderzimmer nicht. Man musste von der Küche durchs Kinderzimmer gehen, um ins Elternschlafzimmer zu kommen, die Türen blieben Tag und Nacht offen. Eduard heiratete sehr früh, wahrscheinlich, um von zu Hause wegzukommen, sagt Elisabeth Danz heute. Später besuchte er seine Mutter nur selten, zu eng und zu niedrig sind ihm die Räume.

Ernst Danz starb 1973. Seither schläft sie allein im alten Ehebett, auf der rechten Seite, die weiter weg ist vom Fenster und nicht direkt über der Laube liegt, wo es im Winter kalt wird. Die Kälte sei nicht gut für ihre rheumageplagten Gelenke, sagt sie.

Viele tausend Nächte hat sie hier geschlafen. Nächte, in denen sie dem Klacken von Frauenschuhen auf dem Steinboden der Lauben lauschte, den Pärchen, die sich auf der Strasse stritten, den Betrunkenen, die rumjohlten. Ganz früher hörte sie die Pferdekutsche, die dem Lebensmittelhändler im Untergeschoss des Hauses Ware anlieferte. Das war, lange bevor Autos die Gasse hinabfuhren. Elisabeth Danz hat das Lädelisterben miterlebt, hat miterlebt, wie die älter gewordenen Bewohner in die Altersheime gezogen oder gestorben sind. «Jetzt bin ich die Einzige in der Strasse, die so richtig alt ist.»

Elisabeth Danz liebt es, wenn ihre Wohnung aufgeräumt ist. Schliesslich will sie keinen schlechten Eindruck machen, vor allem nicht beim Vermieter. Manchmal hat sie Angst, dass ihr gekündigt wird. Man wisse ja nie, wann auch dieses Haus renoviert werde.

Den Platz im Altersheim hat sie schon vor Jahren reserviert

Sie will zeigen, dass alte Menschen einen Haushalt gut alleine führen können. Trotzdem hat sie mit der Nachbarin eine Abmachung. «Wenn morgens um 7.15 Uhr das Licht in meiner Küche nicht brennt, kommt sie nachschauen, weil dann ist es nicht mehr gut.» Irgendwann einmal, wenn Elisabeth Danz nicht mehr für sich kochen kann, nicht mehr gehen kann, sagt sie, gehe sie ins Altersheim. Das sei selbstverständlich. Schon vor acht Jahren hat sie einen Platz dort reserviert. Ein Zimmer mit Aussicht ins Grüne, darauf freut sie sich. Doch noch schätzt sie das Leben mitten in der Stadt, alles sei so nah. «Ich könnte nirgends wohnen, wo es zu ruhig ist.»

Sie blickt auf die Küchenuhr. Es bleibt noch Zeit für einen kleinen Spaziergang. Vielleicht sei das ihr Erfolgsrezept: rausgehen, so oft wie möglich, sich bewegen, manchmal auch, damit einem die Decke nicht auf den Kopf fällt. Zurück komme sie aber immer wieder gerne. Schliesslich sei das ihr Logis, ihr Zuhause.

Fotograf: Marco Zanoni