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11. März 2013

«Die traurigsten Geschichten höre ich von jungen Freikirchlern, die realisieren, dass sie homosexuell sind»

Georg Otto Schmid ist Mitarbeiter der Evangelischen Informationsstelle (Relinfo) in Rüti ZH. Er ist verheiratet und lebt und arbeitet in einem ehemaligen Gebäude der Heilsarmee. (Bild: zVg.)

Freikirchen gibt es massenhaft, hat man den Eindruck.

Das ist so.

Wie viele sind es in der Schweiz?

Wenn man alle kleinen Grüppchen mitzählt, sind es sicher über 1000. Es gibt ein paar Trends: Es gehen zum Beispiel immer mehr Leute weg von grossen hin zu kleineren Gemeinschaften. Und es gibt immer mehr lokale kleine Freikirchen, die keinem Verband angehören. Gleichzeitig haben alle zusammen aber immer weniger Mitglieder.

Geografisch gesehen, sind die Zentren der Freikirchen noch immer das Berner Oberland und das Zürcher Oberland?

Das ist so, hinzu kommen das Emmental, Teile der Ostschweiz und der Berner Jura. Die meisten Mitglieder von Freikirchen sind entweder schon in einer solchen Gemeinde aufgewachsen oder zumindest in einem den Freikirchen nahe stehenden landeskirchlichen Milieu. Man gewinnt deshalb am leichtesten neue Mitglieder an jenen Orten, wo es schon viele Freikirchler hat. Daher diese Konzentration.

Man nimmt also eigentlich pausenlos anderen Gemeinden die Mitglieder weg.

So ist es. Der International Christian Fellowship (ICF) etwa ist bei manchen Freikirchenpredigern recht unbeliebt, weil deren Jugend dorthin gewechselt hat.

Wie klar sind die Grenzen zwischen Freikirchen und Sekten auf der einen Seite und traditionellen Landeskirchen auf der anderen Seite?

Den Freikirchen selbst ist diese Abgrenzung wichtig, deshalb ist sie auch relativ klar. Nur in wenigen Gemeinschaften diskutieren die Freikirchen darüber, ob sie dazugehören oder nicht. So wird etwa gefragt, ob die Adventisten eher als Freikirche oder als Sekte zu gelten haben. Freikirchen funktionieren als Szene: Es gibt zwar sehr viele, aber man kennt sich untereinander, und alle gelten lehrmässig als okay, auch wenn es kleine Unterschiede gibt. Ivo Sasek von der Organischen Christusgeneration hat als Leiter eines freikirchlichen Werks angefangen, kam dann aber zunehmend zu einem Bibelverständnis, das ihn von den Freikirchen unterscheidet. Er erklärte sich selbst zum Apostel und Propheten und schrieb alle Freikirchenleiter an, sie müssten sich von ihm belehren lassen. Inzwischen wird Ivo Sasek von Freikirchen nicht mehr als Freikirchler angesehen. Bei Werner Arn war es ähnlich. Sobald man einen Exklusivitätsanspruch erhebt, Sonderlehren vertritt oder von den anderen Kirchen Unterordnung verlangt, verträgt sich das nicht mehr mit den Freikirchen. Nicht mehr zu den Freikirchen zählen auch alle Gemeinschaften, welche die Bibel durch zusätzliche Offenbarungen ergänzen, die Mormonen etwa mit ihrem Book of Mormon. Die Grenze zur Landeskirche ist schwieriger zu ziehen, es gibt ja auch bei den Reformierten einen evangelikalen Flügel, der sich den Freikirchen eng verbunden fühlt.

Nicht-Freikirchler begegnen diesen Gruppen in der Regel mit einem gewissen Grundmisstrauen. Ist das berechtigt, oder ist der grösste Teil mehr oder weniger harmlos und unterscheidet sich in seiner Wirkung kaum von der Mitgliedschaft bei der regulären reformierten oder katholischen Kirche?

Es kommt auch hier darauf an, für wen es passt und für wen nicht. Die traurigsten Geschichten höre ich von jungen Freikirchlern, die realisieren, dass sie homosexuell sind, und dann Probleme bekommen, wenn sie ihre Sexualität ausleben wollen. Manche der Betroffenen würden den evangelikalen Glauben gerne weiterleben und müssen sich dann notgedrungen in eigenen Gruppen treffen. Dies ist eines der Probleme, die Freikirchen in der öffentlichen Wahrnehmung haben: Es wirkt einfach herzlos, wenn junge Leute wegen ihrer sexuellen Orientierung keinen Platz mehr haben. Ein weiteres heikles Thema ist die Körperstrafe in der Erziehung, von der sich die evangelikalen Organisationen z.T. noch nicht eindeutig distanziert haben. Eine Gewaltlosigkeit, die den Kindern gegenüber nicht gilt, wirkt heute unglaubwürdig. Für Unmut sorgen immer wieder auch missionarische Aktionen, etwa wenn sie sich an Kinder von Menschen anderer Weltanschauung richten.

Aber alles in allem sind Freikirchen für Aussenstehende eigentlich harmlos?

Absolut. Und sie haben in der öffentlichen Wahrnehmung auch einige Stärken. Evangelikale sind meist sozial und gesellschaftlich engagierte Personen, sie sind interessiert am Wohl anderer Menschen und gelten als nette Leute. Letzteres mag banal klingen, ist aber fürs Image in der Öffentlichkeit eine wichtige Ressource. Freikirchen bieten zudem ein grosses Gemeinschaftsgefühl und vermitteln klare Werte, was vielen Menschen entgegenkommt.

Diese Werte sind tendenziell eher konservativ. Aber können sie sich den Liberalisierungstendenzen wirklich entziehen? Man liest etwa, dass in den USA jüngere Evangelikale kein so grosses Problem mehr mit Gay Marriage haben wie auch schon. Gibt es eine solche Entwicklung auch in der Schweiz?

Es sieht nicht danach aus, als ob das schon bei uns angekommen wäre. Es würde mich sehr freuen, wenn man sich diesbezüglich einen Ruck geben würde, aber das dauert wohl noch 20 Jahre. Freikirchliche Gemeinschaften möchten sich möglichst wörtlich am Neuen Testament orientieren, und so sind sie sehr zögerlich darin, sich gesellschaftlichen Entwicklungen zu öffnen, die in der Bibel nicht ausdrücklich vorgesehen sind. Deshalb verlaufen gesellschaftliche Anpassungsprozesse langsamer als in anderen Organisationen. Dass Frauen in Gottesdiensten Hosen tragen, war mancherorts noch bis unlängst schlecht angesehen. Dass Frauen predigen, ist immer noch nicht überall selbstverständlich. Zurzeit ist die Frage der Kindererziehung dran. Manche Evangelikale haben sich schon deutlich von Körperstrafen distanziert. Bei all diesen Prozessen gilt, dass mancher Gemeinschaftsleiter vielleicht gern reformfreudiger wäre, aber auf sein konservatives Publikum Rücksicht nehmen muss. Wer zu forsche Reformen durchführt, ist immer in Gefahr, seine Mitglieder zu verlieren.