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24. Dezember 2012

Die Traumstrände des Jahres

Bänz Friedli fand das Jahr etwas befremdlich.

«Weihnachten mit Onkel Urs in x Varianten»
«Weihnachten mit Onkel Urs in x Varianten»

Ein eigenartiges Jahr geht zu Ende. Nicht wahr? Professor Mörgeli verlor seinen Job, weil er am Medizinhistorischen Institut scheints «seine Knochen nicht ordentlich abgestaubt hat», wie ein Ratskollege frotzelte. Und mir ging, als ichs hörte, durch den Kopf: «Hätte ja mich anrufen können, das Kalb! Abstauben ist meine Kernkompetenz …» Natürlich fühlte der unfreiwillig Emeritierte sich hernach «gemobbt» — was insofern interessant war, als seine Partei bislang Mobbing stets als etwas abgetan hatte, das sich nur Linke einbilden. Genau wie Burn-out, in ihren Augen eine Krankheit, die sich nur sozialistische Lehrerinnen leisten. Bis es — auch das geschah heuer — eine der ihren erwischte: Frau Rickli erlitt ein Burn-out, weil sie sich mit ihren politischen Verlautbarungen via Social Media zu sehr verausgabt hatte, wie sie via Social Media bekanntgab. Und ich werde mich hüten, dies zu kommentieren. Nur so viel: Unsereiner hätte gar keine Zeit, sich in Facebook und Twitter zu verausgaben. Wir müssen ja abstauben.

Und dann war da noch der Zürcher Lokalpolitiker, der per Twitter — schon wieder diese donners Social Media, Heimatland! — verkündete: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht … diesmal für Moscheen.» Die Zeitungen kommentierten, es sollte einer halt denken, bevor er twittere. Aber das Problem war ja: Der hat das, ehe ers twitterte, wirklich gedacht. Was war sonst? Wir beschlossen einen Baustopp für Zweitwohnungen in den Bergen — was dortselbst einen Bauboom an Zweitwohnungen auslöste. Unser Xherdan Shaqiri machte in der Bundesliga eine überraschend gute Figur, ausser dass er bei einem Torjubel die Geste eines Mitspielers nachahmte, die gefährlich nach Nazigruss aussah. Vielleicht hätten ihm die Bayern eine Schnellbleiche in deutscher Geschichte verpassen sollen? Aber bei Shaqiri ist man sich wenigstens sicher, dass er sich dabei wirklich nichts gedacht hat. Eigenartiges Jahr. Wir fieberten mit Obama, freilich nicht mehr so fiebrig wie vier Jahre zuvor; wir schwammen im See; wir schauten uns bis tief in die Nacht die Schlussfeier der Olympischen Spiele an, und seither bekomme ich den Song «Read All About It, Part III» von Emeli Sandé nicht mehr aus dem Kopf.

Weihnachten mit Onkel Urs in x Varianten.

Was bleibt? Fotos, wie Hans seine Schwester im Sand eingräbt. Bilder, die uns in einer Gondel in Venedig zeigen, uns am Lachen, uns bei Sonnenschein auf der Bresteneggalp mit umwerfender Rundsicht. Man hält ja immer das Aus-sergewöhnliche fest. Das Bild «Anna Luna bläst ihre Geburtstagskerzen aus» haben wir mit drei, vier, fünf, … mit 14 Kerzen, das Bild «Hans höhlt einen Kürbis für Halloween aus» mit dem sechs-, dem neun-, dem elfjährigen Hans. «Weihnachten mit Gotte Marianne und Onkel Urs» gibts sowieso in x Varianten, und das Bild «Wir im Vergnügungspark» hängt in unserem Flur. Warum macht man eigentlich — einfach so für später — nie Fotos, die ein Kind bei der Zahnärztin zeigen, nie Schnappschüsse von täubelnden Kindern, vom Scheisswetter im November?

Wenn ich mir die Facebook-Profile der Leute anschaue, wählen die meisten einen Traumstrand als Titelbild, einen atemberaubenden Sonnenuntergang —Wunschlandschaften, schöne Erinnerungen, nie ihre Gegenwart, ihren Alltag. Eigenartig, denn was im Rückblick zählt, sind nicht die Traumstrände, sondern die kleinen Alltagsmomente. Aber die fotografiert man halt nicht mit der Kamera. Sondern mit dem Herzen.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli