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27. Februar 2012

Die tragische Liebe des Dällebach Kari

Oscar-Regisseur Xavier Koller bringt die Geschichte des Berner Stadtoriginals auf die Leinwand – mit Starbesetzung und einem Fokus auf Karis jüngere Jahre. «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» startet am 1. März im Kino.

Regisseur Xavier Koller mit Nils Althaus, Bruno Cathomas und Carla Juri.
Regisseur Xavier Koller (2. von rechts) dirigiert seine Schauspieler auf dem Set in Bern: Nils Althaus, Bruno Cathomas und Carla Juri (von links).

Und Ruhe, bitte!» In der alten Fabrikhalle unweit des Berner Bahnhofs wird es schlagartig still. Jeder bleibt stehen, wo er gerade ist, denn der alte Holzboden knarrt bei der kleinsten Bewegung. Die Kamera läuft, Nils Althaus und seine Co-Stars Carla Juri und Bruno Cathomas spielen ihre Szene in der Schneiderei Geiser, unter den wachsamen Augen von Regisseur Xavier Koller (67).

Es ist Sommer 2011, und Koller steckt mitten in den Dreharbeiten zu seinem neuen Film «Eine wen iig, dr Dällebach Kari». Das unvergessene Berner Stadtoriginal, dessen Gewitztheit, Tragik und Melancholie die Schweizer bis heute berührt, wird darin gleich von zwei bekannten Schauspielern verkörpert, Hanspeter Müller-Drossaart (56) und Nils Althaus (30).

Alltag auf dem Set: Wiederholungen und warten

Und es ist nun schon das achte Mal, dass Althaus, Juri und Cathomas die Szene wiederholen müssen — nicht, weil Koller mit ihrer Leistung nicht zufrieden wäre, sondern weil die Kamera die Sequenz jedes Mal aus einer anderen Perspektive aufnimmt. Nach der Totalen von Althaus fokussiert die Kamera jetzt auf Carla Juri. Sie spielt Annemarie, die Tochter des Schneiders Geiser, die in Kari verliebt ist, wovon der Vater jedoch noch nichts weiss. Dieser misst Kari gerade für einen neuen Anzug aus.

Juri hat keinen Dialog, sie muss all ihre Emotionen in der Szene ausschliesslich über ihr Gesicht rüberbringen. «Und cut!», ruft Koller. «Das war sehr schön, sehr schön», lobt er Juri, will die Szene aber trotzdem nochmals sehen, weil er mit der Kameraführung nicht zufrieden ist.

Dr Kari chunnt um Mitternacht mit em Velo d Nydeggbrügg abezfahre. Da möögget vo wit vore ä Tschugger: «Haut, Kari, ke Liecht.» Dr Kari rüeft zrügg: «Achtung, ke Bräms.»

Mut zur Hässlichkeit: Nils Althaus mit und ohne Mundprothese, die Karis Hasenscharte imitiert. Rund 40 Minuten dauerte der Einbau jeweils.
Mut zur Hässlichkeit: Nils Althaus mit und ohne Mundprothese, die Karis Hasenscharte imitiert. Rund 40 Minuten dauerte der Einbau jeweils.

Dreharbeiten für einen Film sind äusserst unglamourös und bestehen vor allem aus Wiederholungen und Warten. Immer wieder muss auf dem Set umgebaut werden, die Kamera verschoben, die Beleuchtung verändert. Die Schauspieler vertreiben sich die Zeit mit Musikhören, Plaudern oder bedienen sich bei den Getränken und den Snacks. Nils Althaus allerdings muss sich beim Essen zurückhalten, denn er hat eine komplexe Prothese im Mund, die Karis Hasenscharte täuschend echt nachahmt. Sie erschwert das Sprechen und auch die Aufnahme fester Nahrung. «Und es dauert immer 40 Minuten sie wieder einzubauen», sagt Althaus, der sie mittags entfernt, um essen zu können. «Das Anpassen ist Filigranarbeit, und es tut auch etwas weh. Aber vor der Kamera ist es eine Hilfe, ich kann mich so noch besser in Kari und seine Situation reinversetzen.»

Distanzierung von Kurt Frühs Dällebach-Film aus den 70ern

Der Schauspieler, Musiker und Kabarettist ist von Koller angefragt worden, ob er die Rolle übernehmen wolle, und hat keine Sekunde gezögert. «Es ist eine Traumrolle, eine historische Persönlichkeit mit zwei ganz unterschiedlichen Seiten. Einmal ist da diese Melancholie, auf der anderen Seite sein Humor und seine Schlagfertigkeit.»

Dr Kari geiht mit äm ne Papagei uf äm Arm id Wirtschaft. Fragt nä der Wirt, wo är de dä här heig. Seit dr Papagei: «Die Cheibä fingsch überau.»

Althaus verkörpert den jungen Dällebach Kari. Den älteren Mann, der am Tag seines Selbstmords 1931 über sein Leben nachdenkt, spielt Hanspeter Müller-Drossaart, der die gleiche Rolle schon 2010 und 2011 im Musical «Dällebach Kari» verkörpert hat. Zwar konnte er auf diese Erfahrung zurückgreifen, aber die Unterschiede zwischen den beiden Formen sind dramatisch. «Ein Film ist viel realer, man versucht, alles möglichst echt darzustellen, geht näher ran, muss bei den Emotionen genauer sein», erklärt Müller-Drossaart. Beinahe eine neue Rolle also, und diese Vertiefung der Figur war es auch, die den Schauspieler gereizt hat.

Hanspeter Müller-Drossaart spielt den älteren Kari. Der Schauspieler verkörperte den Berner Coiffeur bereits 2010 und 2011 im Musical «Dällebach Kari».
Hanspeter Müller-Drossaart spielt den älteren Kari. Der Schauspieler verkörperte den Berner Coiffeur bereits 2010 und 2011 im Musical «Dällebach Kari».

Müller-Drossaart und Althaus schätzen die Zusammenarbeit mit Koller sehr. «Er ist ein Innerschweizer und ein Bergler, also ein Mann der wenigen Worte», sagt Müller-Drossaart. «Aber diese Worte sind sehr treffend. Er ist leidenschaftlich, präzis, erfahren und hat dennoch eine grosse Gelassenheit.» Und er weiss, was er will. «Xavier hat klare Vorstellungen», sagt Althaus. «Innerhalb einer gewissen Bandbreite hat man Freiheiten, aber geht man darüber hinaus, korrigiert er sofort.» Beide Darsteller haben in ihrem Spiel versucht, sich von jener legendären Kari-Verkörperung durch Walo Lüönd im Kurt-Früh-Film von 1970 zu unterscheiden. «Es ist ja auch eine ganz andere Geschichte», hält Müller-Drossaart fest.

Tatsächlich fokussiert der Film vor allem auf die tragische Liebe zwischen Kari und der Schneidertochter Annemarie. Und er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein wegen seiner Gesichtsverstümmelung zum Aussenseiter gestempelter Mensch dennoch seinen Platz im Leben findet. Nur schon, dass der 1877 mit einer Hasenscharte geborene Karl Tellenbach überhaupt leben durfte, war ungewöhnlich. Der Arzt empfahl, die «Missgeburt» gleich im nächsten Brunnen zu ertränken. Doch die Mutter setzte sich durch und zog den Jungen gross, der später einen Coiffeurladen in der Berner Altstadt führte und für seine träfen Sprüche berühmt wurde.

Es war nicht leicht, genug Geld für den Film aufzutreiben

Für Xavier Koller, der seit 15 Jahren in Los Angeles lebt, startete das Projekt vor ein paar Jahren, als Auftragsarbeit für ein Drehbuch. Später übernahm er dann die Regie — und das Auftreiben der Finanzen. «Die Subventionen waren kein Problem. In der Schweiz kosten Filme selten über drei Millionen. Für diesen brauchten wir aber einiges mehr, das war nicht ganz leicht.» Die Schweizer Wirtschaft sei an Spielfilmen leider nicht sehr interessiert, konstatiert Koller.

Dr Dällebach-Kari isch über d Chornhusbrügg gloffe u het i ds Pyri wöue. Är het ä Füfliber immer öppe zäh Zentimeter ufgschosse u wieder gfasset. Plötzlech isch im dä uf ds Gländer u id Aare abe gheit. Wehmüetig het är ihm nachegluegt u gseit: «Versuuffe ha di wöue, aber nid ä so.»

Den Schweizer Regiestar, der 1991 für «Reise der Hoffnung» einen Oscar gewonnen hatte, reizte es, diese Aussenseitergeschichte zu erzählen. «Trotz seiner Missbildung versucht Kari, das Schöne zu finden. Es ist ein Zwiespalt, den wir alle in der einen oder anderen Form teilen. In der Geschichte geht es letztlich um Toleranz und Akzeptanz.» Das regnerische Wetter im letzten Sommer machte Koller während der Dreharbeiten mehrmals einen Strich durch die Rechnung, sodass Drehpläne und Szenen für die 35 Schauspieler und 250 Statisten immer wieder umgestellt werden mussten. Aber nach rund 30 Drehtagen in Bern und Umgebung sowie einer Woche im Emmental war der Film Mitte August im Kasten.

In Bern musste für mehrere Tage die halbe Altstadt abgesperrt und ein Teil des Verkehrs gestoppt werden, damit Koller die historischen Aussenszenen ohne moderne Störungen drehen konnte. «Die Stadt Bern war extrem hilfsbereit», lobt der Regisseur. «Sensationell, das wäre woanders so kaum möglich gewesen.»

Fotograf: Mischa Imbach