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21. Mai 2013

Die Töff-Klassiker

Die Route 66 ist eine der bekanntesten Strecken für Motorradtouristen, doch weitere Ziele in Europa, Afrika oder Asien eignen sich hervorragend für Töffreisen. Die Kurztipps.

Töffreise am Meer
Hügel und Meersicht würzen die Töffreise: Ein Abschnitt der Number One an der USA-Westküste.

Unerfahrene denken bei Motorradrouten vielleicht zuerst an die in Medien neben der USA-Durchquerung (von West nach Ost oder umgekehrt) oft verfolgbaren Klassiker wie Paris-Dakar. Bloss ist vom Vorhaben, eine solche Route allein oder in kleinem Team unter die Räder zu nehmen, dringend abzuraten. Gerade die aus Rennanlässen bekannten Riesendistanzen für zwei- und vierrädrige Gefährte, die zu weiten Teilen weitab geteerter Strassen oder gar brauchbarer Wege verlaufen, bedingen einen allein kaum zu organisierenden Rundumservice. Ansonsten steht man bald einmal mit einer Panne mitten in der Wüste...

Morgenstimmung auf der Harley
Morgenstimmung auf der Harley.

Erstmals auf eine Motorradtour aufbrechende Ferienreisende finden jedoch bereits auf etlichen Strassen eine gehörige Portion Abenteuer. Welches Wetter herrscht, ob mehrere Unterkünfte geschlossen sind, ob der Töff nicht so reibungslos dröhnt wie er sollte: Der Unwägbarkeiten gibt es schon auf breiten Asphalt-Bahnen genug.
migrosmagazin.ch stellt ein paar in der Szene verbreitete Strecken für Töffferien vor, mitunter auch in weniger Tagen als die US-Route 66 zu absolvieren:

DURCH DIE PYRENÄEN
Eines der schönsten Motorradgebiete überhaupt ist das Gebirge zwischen Frankreich und Spanien. Breitere und sehr enge Täler mit einigen Aussichtspunkten, meist genügend gepflegte Strässchen und ein tiefer 'Autobahn-Anteil' machen den Reiz aus. Vor allem aber ermöglicht diese Fortbewegungsart bequem das stressfreie Kennenlernen der Berg- und Hügelzüge, für die mit dem Fahrrad schnell das Vierfache und zu Fuss noch viel länger aufgewendet werden müsste. Ein Bericht auf bikerdream.ch legt den Start auf spanischer Seite nahe, um mit dem einen oder anderen Halbtag Pause und etlichen Stopps idealerweise in sieben bis knapp zehn Tagen in Richtung Languedoc-Roussillon vorzustossen. Die detailliert geschilderten Etappen führen von Murcia und Torla über Seu d'Urgell, Andorra, Queralbs und das berühmte Núria-Tal schliesslich bis nach Montpellier.
Zum Bikerdream-Beschrieb

DURCH SÜDTIROL UND TRENTINO
Es gibt mehrere geeignete Motorradstrecken über oder teilweise durch die Alpen, oft mit dem Mittelmeer als Ziel. Sehr beliebt sind zum einen Verbindungen von Garmisch-Partenkirchen (De) über Südtirol und Trentino bis an die Adria, etwa nach Venedig. In Stichworten dazu eine noch weiter östlich ausgerichtete Route aus der Schweiz bis nach Triest (It), die im Sommer viele eindrückliche Bergwelten Österreichs und Italiens umfasst: Sargans - Feldkirch - Bieler Höhe (höher & spektakulärer als Arlberg) - Landeck - Sölden - St. Leonard in Passeier - Sterzing - Sarntheim/Sarentino - Bozen - Gardena/Wolkenstein - Cortina d'Ampezzo - Forni di Sopra - Tolmezzo - Udine - Triest.
Eine unvergleichliche Strecke mit bisweilen überraschenden Abwechslungen von Hochalpen über zerklüftet-malerische Voralpen im Südosten bis an die Adriaküste.

DURCH DIE WESTLICHEN ALPEN
Die «Route des Grandes Alpes» markiert den noch bekannteren westlichen Alpendurchstich ans Mittelmeer, zwar komplett auf französischem Gebiet, aber gleich an der Schweizer Grenze beginnend: In Thonon-les-Bains am Genfersee. Über 17 Alpenpässe (je nach Zählweise bei zwei ohne längere Abfahrt aufeinanderfolgende), wovon sechs über 2000 Meter über Meer führen, mit dem Iseran gar der höchste geteerte Alpenpass (2764, 6 m höher als der Stelvio), bahnen sich die Brummer ebenfalls vorab im Sommer und bei günstigen meteorologischen Bedingungen den Weg an die Côte d'Azur, genauer: Menton.
Neben den landschaftlichen Reizen heben zwei Trümpfe die klassische Route des Grandes Alpes heraus: Der Motorradfahrer durchfährt im Vergleich zum Velorennfahrer bequem einen Grossteil der bekannten Tour-de-France-Ziele der Alpen (Galibier, Izoard, Colombière oder Télégraphe), und nebenbei lernt er einige historisch bedeutende Militäranlagen zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert (die Maginot-Linie) kennen. Hinzu kommt für viele der Vorteil, dass die Strecke mit nur rund 700 Kilometern in knapp einer Woche sicher und mit ein bis zwei Tagen Reserve (schlechtes Wetter oder Sightseeing) zurückgelegt werden kann – was die östliche Route durchs Trentino nicht erlaubt, falls man bis Triest fährt. Wegen der Tour de France im Juli (mit Sperrungen und Zuschauermassen) lohnt sich der Parcours vorab von Ende Juli bis Anfang September.
Die offizielle Website

DURCH SÜDAFRIKAS GÄRTEN
Wer eine der schönsten afrikanischen Gegenden zwischen dem Kap ganz im Süden und Johannesburg kennenlernen will, benötigt sicher zwei Wochen. Dafür begegnet er zwischen Johannesburg und der weltberühmten «Garden Route» vor Kapstadt einzigartigen Küstenabschnitten, Nationalparkgebieten und mehreren faszinierenden Städten des seit über 20 Jahren nicht mehr von einem Apartheidsregime regierten Landes.
Wir empfehlen entgegen einiger Beschriebe und Touristenangebote den Start in Johannesburg im Landesinnern. Über einen Teil des Kruger National Parks und das zu Unrecht weniger bekannte Ezulwini-Tal (im Swaziland) geht es langsam in Küstennähe (Shakaland) und über das Lesotho-nahe Wartburg Richtung Port Elizabeth. Nun entdeckt man die klassische Garden Route, bevor es über den Swartberg-Pass wieder ans Meer und Ziel der Reise geht: Kapstadt.
Für nicht Afrika-Kundige und/oder erstmals mindestens eine Woche Töff-Fahrende empfiehlt sich eine gründliche Planung (mit einer Gruppe) oder gar das Buchen eines Packages über einen Anbieter mit Betreuung vor Ort – vor allem für den ersten Teil des Trips weitab der Garden Route.
Mehr zur klassischen Garden Route (deutschsprachige Kapstadt-Site)

DURCH THAILANDS NORDEN
Das grosse asiatische Land gilt zu Recht als eines der Biker-Paradiese weltweit. Während Meerfans und Freunde von Unterkünften für gehobene Ansprüche eher den Süden erkunden (unter zehn Tagen lohnt sich dies definitiv nicht!), lockt auch der ursprünglichere, weit weniger touristische Norden mit Bergen, Tälern und noch mehr Abwechslung. Die unter der Bezeichnung Mae Hong Son Loop bekannte Route im äussersten Nord(west)en etwa erfordert eine Woche Zeit (ohne Flüge und Rückweg, falls gewünscht) und noch genauere Planung als der oben erwähnte Südafrika-Trip. Oder den Kauf einer (umfassenden) All-inclusive-Reise mit Begleitung. Höhepunkte zwischen der nördlichen Metropole Chiang Mai und der 'Stadt der Nebel' Mae Hong Son (nahe der burmesischen Grenze) bilden der höchste Berg Thailands, Quellen, etliche pittoreske Wasserfälle, Schutzgebiete des grössten Nationalparks, Tempelanlagen oder Elefantenherden. Vor allem aber werden den Bikern nach allen Haarnadelkurven und Serpentinen der Strecke die Schweizer Alpenstrassen mehrheitlich 'begradigt' vorkommen...
Die Wikitravel-Infos zur Route


Weitere Routen-Vorschläge und Tipps (auf deutsch)
Die Website motorradland.ch (vorab Touren in der Schweiz und benachbarten Regionen)
www.motorradtour.de
www.bikerdream.de

Der Routenplaner des TCS Schweiz

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Reinhard Kronenberg