Archiv
20. März 2017

Die tägliche Dosis Hass

Im Internet ist schlechtes Benehmen an der Tagesordnung. Einiges davon schwappt mittlerweile ins reale Leben über, wie die wachsende Zahl von Übergriffen und Pöbeleien zeigt. Wissenschaftler untersuchen das Phänomen.

Aggressionspotential und effektive Vorfälle im Alltag nehmen zu
Das Aggressionspotential und effektive Vorfälle im Alltag nehmen zu - auch wegen enthemmter Kommunikation im Social-Media-Bereich?

Übergriffe auf Pflegepersonal, Beleidigungen von Polizisten, Aggressionen gegenüber Feuerwehrleuten: In vielen Branchen beklagt man sich über das zunehmend unflätige Verhalten von Kunden oder Zaungästen. «Müssen wir Stras­sen sperren, wird dies von vielen Automobilisten nicht verstanden. Manch ­einer rastet aus – die Hemmschwelle ist de­finitiv gesunken», sagt etwa Feuerwehr­inspektor ­Peter Frick aus dem Kanton Bern.

Ähnlich klingt es bei der Zürcher Kantonalbank: «Wir beobachten, dass unsere Mitarbeiter zunehmender Aggressivität am Schalter ausgesetzt sind.» Und bei Postauto Schweiz heisst es: «Die Aggressionen und Tätlichkeit gegen unser Personal reichen von Beschimpfungen über Spucken bis zu tätlichen Angriffen. Es gibt auch Personen, die ihre Wut am Fahrzeug abreagieren.»

Social Media fördert die Enthemmung

Klar gab es das schon immer. Aber warum nimmt die Zahl dieser Vorfälle gerade in letzter Zeit zu? Eine Vermutung ist, dass die «Verrohung der Gesellschaft» durch das Internet vorangetrieben wird. Oder anders gesagt: Der Hass aus dem Netz schwappt allmählich ins reale Leben über.

Die deutsche Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach (34) ist eine Verfechterin dieser These. In ihrem Buch «Digitale Depression» zeigt sie auf, wie Action und Drama den Traffic auf Facebook und Twitter ankurbeln. Wie die Kommunikation via Social Media die Enthemmung fördert. Und wie neue Medien unser Gefühlsempfinden verändern. Kurz: Warum das Internet «eine Einladung zum Hassen» ist.

Und dann fragt sie rhetorisch: «Was passiert mit uns, wenn wir einen grossen Teil unseres Lebens in so einem Umfeld verbringen? In dem nur Extreme wertgeschätzt werden und in dem wir lernen, selbst extrem zu werden? Wir passen uns an, kommentieren in schärferem Ton, bewerten alles, was uns vor die Maus kommt.»
Es sei ein grosser Irrtum zu denken, wir könnten diese erlernten Verhaltensweisen in der Onlinewelt zurücklassen und abschalten wie das Tablet nach der Facebook-Session. «Unser Gehirn kennt die Unterscheidung zwischen Offline und Online nicht.»

Beleidigungen im Web haben immer Konsequenzen
Beleidigungen im Web haben immer Konsequenzen.

Beleidigungen im Web haben immer Konsequenzen.

Um das Gehirn im Speziellen ist die britische Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield (66) besorgt. In ihrem Buch «Mind Change» schreibt sie: «Der Wandel, der derzeit in unseren Köpfen stattfindet, ist vergleichbar mit dem Klimawandel. Er ist global, umstritten, nie da gewesen und facettenreich.» Was Greenfield sagt, hat Gewicht. Sie sitzt im britischen Oberhaus und gilt als eine der einflussreichsten Frauen Grossbritanniens.

Ihre Argumentation baut Baroness Greenfield auf Studien auf, die zeigen, wie formbar das Gehirn ist. Taxifahrer aus London, die im Verkehr ständig viel Information verarbeiten müssen, haben ein grösseres Arbeitsgedächtnis als gleichaltrige Kandidaten aus einer Kontrollgruppe. Musiker, die Saiteninstrumente spielen, benutzen ihre linke Hand öfter als die rechte. So ist bei ihnen das Hirnareal, das für die linke Hand zuständig ist, grösser als dasjenige für die rechte Hand.

Die Körpersprache entziffern können

Darauf basierend spinnt Greenfield den Gedanken weiter: «Manche Menschen verbringen den ganzen Tag vor dem Computer, ohne ein menschliches Wesen zu sehen. Das hinterlässt zwangsläufig Spuren im Gehirn und hat einen Einfluss darauf, wie sie denken, fühlen und kommunizieren.» Die Hirnforscherin warnt unter anderem davor, dass wir vor dem Computer unser Einfühlungsvermögen verlieren könnten: «Nur zehn Prozent der menschlichen Kommunikation basiert auf der Bedeutung von Wörtern. Der grosse Rest ist Körpersprache, Betonung und Pheromone. Kommunizieren sie die meiste Zeit via Computer, geht die Fähigkeit verloren, diese Signale zu entziffern.»

In ihrer Argumentation schliesst Wissenschaftlerin Greenfield oft von einem auf das andere. Das führt dazu, dass vieles, was sie sagt, zwar plausibel klingt, aber empirisch nicht belegt ist. Es gibt wenige Studien, die sich explizit mit dem Einfluss des Computers auf das Gehirn beschäftigen. Eine Untersuchung stützt die Befürchtungen Greenfields in Sachen Empathie jedoch klar. Präsentiert man Menschen Bilder, schlagen ihre Hirnströme normalerweise beim Anblick von Gesichtern schneller und stärker aus als beim Anblick von Objekten. Bei jungen, exzessiven Internetnutzern unterscheiden sich die Hirnströme beim Anblick von Objekten und Gesichtern hingegen nicht. Weil dies auch bei Autisten der Fall ist, folgert Hirnforscherin Greenfield, dass der Computer ein dem autistischen ähnliches Verhalten fördert und verweist auf die steigenden Zahlen von Autismus in der vergangenen Dekade.

Lesen, gemeinsam essen und sich bewegen

Weder Wirtschaftspsychologin Diefenbach noch Hirnforscherin Greenfield sehen sich als pessimistische Technikfeinde, sondern eher als kritische Beobachterinnen: «Ich bin nicht generell negativ eingestellt gegenüber dem Internet, aber wir müssen die Nebenwirkungen im Auge behalten», sagt Diefenbach. Wir sollten uns überlegen, was die Technik mit uns macht, damit wir bei Bedarf bewusst Gegensteuer geben könnten.

Hirnforscherin Greenfield hat drei einfache, konkrete Vorschläge entwickelt, wie diese Gegensteuer aussehen könnte: «Lesen Sie Romane, das fördert die Vorstellungskraft, den Perspektivenwechsel und damit das Einfühlungsvermögen. Nehmen Sie das Essen gemeinsam ein, damit Sie regelmässig von Angesicht zu Angesicht kommunizieren.
Und gehen Sie raus und bewegen Sie sich, damit Sie alle fünf Sinne nutzen.»

Vor allem Kindern beziehungsweise ihren Eltern lege sie diese Tipps ans Herz. Denn: Je jünger das Gehirn, desto formbarer und damit anfälliger für ­negative Einflüsse sei es. 

Enthemmt, gehässig, aggressiv: Wegen übermässigem Computerkonsum?
Enthemmt, gehässig, aggressiv: Bei übermässigem Computerkonsum verliert der Mensch sein Einfühlungsvermögen.

Enthemmt, gehässig, aggressiv: (allein) wegen übermässigem Computerkonsum?

Autor: Andrea Freiermuth

Illustrationen: Rinah Lang