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16. April 2012

Die Surf-Stube lebt!

Fast alle haben Internetzugang, viele ein Smartphone. Und trotzdem gibt es sie noch: Internetcafés, in denen man Mails checken und surfen kann. Ein nostalgischer Blick in ein Stück gefährdete, heile Internetwelt.

Internetcafé Urania in Zürich.

Es gab einmal eine Zeit, da war es nur einer kleinen Gruppe von Technikfreaks vorbehalten, im Internet zu surfen. Mitte der 90er-Jahre änderte sich das, als auch in der Schweiz die ersten Internetcafés eröffnet wurden. Plötzlich konnte jeder in die Weiten des Cyberspace eintauchen, auch wenn er zu Hause keinen Anschluss hatte. Wer sich auf eigene Faust nicht traute, buchte vor Ort einen Einführungskurs.

Mit Internet allein lässt sich kein Geld verdienen
Doch mit dem Internetcafé-Boom war es schnell vorbei. Allein mit dem Verkauf von Surfstunden im Internet liess sich kein Geld verdienen. Ausserdem nahm die Zahl von privaten Haushalten mit eigenem Internetanschluss stetig zu.

Überleben würden nur die Internetcafés, die sich weitere Standbeine aufbauen, sagten Experten voraus. Das erkannten auch Daniel Griesser (44) und Stephan Kaufmann (51). Kaufmann eröffnete 1995 in Zürich ein Internetcafé mit Gastronomie, und in Stein am Rhein SH richtete Daniel Griesser 2000 für seine Kunden neben Computern mit Internetzugang eine Fahrrad- und Kaffeemaschinen-Reparaturwerkstatt ein.

Heute haben gemäss Bundesamt für Statistik 77 Prozent der Schweizer Haushalte Internetzugang, und das Internet für unterwegs verbreitet sich immer mehr. 95 Prozent aller Internetnutzer surfen primär zu Hause. Die Haushalte ohne Internet geben an, es nicht zu wollen — oder zu brauchen. Laut Statistik ist der Anteil an Internetnutzern mit eigenem Anschluss bei den einkommensschwachen und älteren Bevölkerungsgruppen am geringsten. Sind das also diejenigen, die immer noch ins Internetcafé gehen? Ein Blick in je ein Lokal in der Stadt und auf dem Land zeigt, dass die Kundschaft weitaus bunter gemischt ist.

IHR INTERNETCAFE
In welchem Internetcafé zu Hause oder im Ausland respektive auf Reisen haben Sie die meiste Zeit verbracht?
Senden Sie uns möglichst ein Bild und die Angaben (Ihr Name, Ort und Adresse des Cafés, heute noch offen?) per E-Mail .
Die früheren oder heutigen Cafés werden an dieser Stelle publiziert.

Internetcafé Urania in Zürich

Durchschnittlich 150 Leute besuchen pro Tag das Internetcafé in Zürich (www.cafe.ch).
Durchschnittlich 150 Leute besuchen pro Tag das Internetcafé in Zürich (www.cafe.ch).
Stephan Kaufmann eröffnete 1995 in Zürich eines der ersten Internetcafés.
Stephan Kaufmann eröffnete 1995 in Zürich eines der ersten Internetcafés.

Durchschnittlich 150 Leute besuchen pro Tag das Internetcafé in Zürich: www.cafe.ch


Patricia Castillo (22), KV-Angestellte, Horgen ZH

Mein Computer zu Hause ist kaputt

Patricia Castillo (22), KV-Angestellte, Horgen ZH: «Mein Computer zu Hause ist kaputt.»
Patricia Castillo (22), KV-Angestellte, Horgen ZH: «Mein Computer zu Hause ist kaputt.»

Wieso sind Sie hier?

Mein Computer zu Hause ist kaputt. Ich bin hier, weil ich einen neuen bestellen muss — im Internet natürlich.

Wie ist Ihr Internetverhalten?

Seit ich bei Facebook registriert bin, gehe ich leider viel öfter ins Internet als früher, etwa einmal am Tag.

Was bedeutet Ihnen das Internet?

Ohne Internet ist das Leben viel anstrengender. Online-Shopping spart Zeit — ich bestelle sogar die Pizza übers Netz. Trotzdem bevorzuge ich es immer noch, meine Freunde und Familie persönlich zu treffen — E-Mail und Facebook sind kein guter Ersatz.


Roland Vogt (52), Angestellter, Wetzikon ZH

Weil ich das nicht im Geschäft machen will

Roland Vogt (52), Angestellter, Wetzikon ZH: «Weil ich das nicht im Geschäft machen will»
Roland Vogt (52), Angestellter, Wetzikon ZH: «Weil ich das nicht im Geschäft machen will»

Warum sind Sie hier?

Ich bin in der Mittagspause und habe schnell meine privaten E-Mails gecheckt, weil ich das nicht im Geschäft machen will.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Interneterfahrung?

Das war vor 15 Jahren in einem Hotel in Bangkok. Da hatte es ein Internetstübli. Ich wollte es ausprobieren und bin schliesslich zwei Stunden lang so darin vertieft gewesen, dass meien Frau mich über Lautsprecher ausrufen lassen musste.

Auf welche Website könnten Sie nie verzichten?

www.swissquote.ch ist sehr wichtig für meine Arbeit, ich besuche sie mehrmals täglich, auch über mein Smartphone, wenn ich im Zug sitze.


Kevin Brutschin (37), Lehrer, Biel BE

Ich habe meine Internetabo gekündigt

Kevin Brutschin (37), Lehrer, Biel BE: «Ich habe meine Internetabo gekündigt»
Kevin Brutschin (37), Lehrer, Biel BE: «Ich habe meine Internetabo gekündigt»

Warum sind Sie hier?

Ich sammle momentan Unterschriften für eine politische Initiative, und mir sind die Unterschriftenbögen ausgegangen. Ich habe mir einige ausgedruckt und bei dieser Gelegenheit gleich meine Mailbox gecheckt.

Wie ist Ihr Internetverhalten?

Ich habe vor ein paar Monaten mein Internetabo gekündigt. Ich besitze auch kein Handy mehr. Das war ein bewusster Entscheid, um mich vor stundenlangem Surfen zu schützen. Ich habe gemerkt, dass ich ohne dieses ständige Erreichbar- und Informiertsein innerlich ruhiger bin.

Auf welche Website könnten Sie nie verzichten?

Müsste ich mich entscheiden, würde ich nicht auf den Internetanbieter www.gmail.com verzichten wollen.


Peter Koch (61), Pensionierter, Altstetten ZH

Ich bin frühpensioniert und besitze keinen PC

Peter Koch (61), Pensionierter, Altstetten ZH: «Ich bin frühpensioniert und besitze keinen PC»
Peter Koch (61), Pensionierter, Altstetten ZH: «Ich bin frühpensioniert und besitze keinen PC»

Wieso sind Sie hier?

Früher ging ich im Geschäft ins Internet. Weil ich jetzt frühpensioniert bin und keinen PC besitze, gehe ich ins Internetcafé. Ich habe meine E-Mails gecheckt, ein E-Mail geschrieben und Bücher bestellt.

Was bedeutet Ihnen das Internet?

Ich könnte gut ohne leben. Dann würde ich halt wieder Briefe per Post schicken und im Geschäft einkaufen. Ich sitze sowieso nicht gerne allzu lange vor dem Computer. Deshalb mache ich immer eine Liste mit Dingen, die ich im Internet erledigen will. Dann geht es schneller.

Auf welche Website könnten Sie nie verzichten?

www.yahoo.com. Ich habe Freunde in aller Welt, und meine Tochter wohnt in den USA. E-Mail ist mein Weg, um mit allen in Kontakt zu bleiben.


Kiosk Charregass in Stein am Rhein

Daniel Griesser (44)
Daniel Griesser (44)

Seit 2000 kann man bei Daniel Griesser (44) in Stein am Rhein im Internet surfen. Es gibt vier Internetstationen. Manchmal kommen zwölf Kunden pro Tag, manchmal nur einer. Viele Kunden kämen vor allem, um Dokumente einzuscannen oder auszudrucken, sagt Griesser. www.charregass.ch


Beate Friess (43), Kleinkinderzieherin, Stein am Rhein SH

Um eine neue Stelle zu finden, ist das Internet heute unverzichtbar geworden

Beate Friess (43), Kleinkinderzieherin, Stein am Rhein SH: «Um eine neue Stelle zu finden, ist das Internet heute unverzichtbar geworden»
Beate Friess (43), Kleinkinderzieherin, Stein am Rhein SH: «Um eine neue Stelle zu finden, ist das Internet heute unverzichtbar geworden»

Warum sind Sie hier?

Am Wochenende ist mein Laptop ausgestiegen. Hier habe ich meine E-Mails gecheckt und einige Stelleninserate gelesen. Danach habe ich eine Bewerbung geschrieben und ausgedruckt.

Gehen Sie oft ins Internetcafé?

Ich bin ungefähr zwei- bis dreimal pro Woche hier, meistens auch, um etwas auszudrucken.

Was bedeutet Ihnen das Internet?

Ich fühle mich schon ein wenig verloren, so ohne Laptop. Gleichzeitig kann ich mich schnell im Internet verlieren und die Zeit vergessen. Um eine neue Stelle zu finden, ist das Internet heute unverzichtbar geworden.


Sandra Emmerich (41), Ärztin, München (D)

Ich bin hier in den Wanderferien und muss nach Hause telefonieren können

Sandra Emmerich (41), Ärztin, München (D): «Ich bin hier in den Wanderferien und muss nach Hause telefonieren können.»
Sandra Emmerich (41), Ärztin, München (D): «Ich bin hier in den Wanderferien und muss nach Hause telefonieren können»

Warum sind Sie hier?

Um mein Handy für Auslandtelefonie freizuschalten. Ich bin hier in den Wanderferien und muss nach Hause telefonieren können.

Gehen Sie oft ins Internetcafé?

Eigentlich nur, wenn ich auf Reisen bin.

Was bedeutet Ihnen das Internet?

Das Internet macht vieles im Leben einfacher. Kommunizieren geht schneller, mit anderen Leuten in Kontakt bleiben ist leichter. Gerade auch um Informationen zu speichern, ist das Internet sehr wichtig.


Hans-Wilhelm Ermen (63), Schauspieler, Kesseling (D)

Da wir in einer Pension ohne W-Lan wohnen, besuche ich im Urlaub immer das Internetcafé

Hans-Wilhelm Ermen (63), Schauspieler, Kesseling (D): «Da wir in einer Pension ohne W-Lan wohnen, besuche ich im Urlaub immer das Internetcafé»
Hans-Wilhelm Ermen (63), Schauspieler, Kesseling (D): «Da wir in einer Pension ohne W-Lan wohnen, besuche ich im Urlaub immer das Internetcafé»

Warum sind Sie hier?

Ich habe meine E-Mails gelesen und via Online-Banking mein Konto abgerufen. Dreimal im Jahr mache ich mit meiner Frau Urlaub hier in der Gegend. Da wir in einer Pension ohne W-Lan wohnen, besuche ich im Urlaub immer das Internetcafé.

Was bedeutet Ihnen das Internet?

Sehr viel. Ich erledige beispielsweise fast 90 Prozent meiner Korrespondenz über E-Mails.

Auf welche Website könnten Sie nie verzichten?

www.google.ch. Ohne diese Seite geht gar nichts mehr. Und für mich als Schauspieler ist es ausserdem wichtig, mit meiner eigenen Homepage in Verbindung zu sein, um mich bei Rollenanfragen entsprechend darstellen zu können.


Manivannan Sithravel (36), Mitarbeiter einer Stiftung, Stein am Rhein

Ich habe zu Hause kein Internet, weil im Haus die Infrastruktur fehlt

Manivannan Sithravel (36), Mitarbeiter einer Stiftung, Stein am Rhein: «Ich habe zu Hause kein Internet, weil im Haus die Infrastruktur fehlt»
Manivannan Sithravel (36), Mitarbeiter einer Stiftung, Stein am Rhein: «Ich habe zu Hause kein Internet, weil im Haus die Infrastruktur fehlt»

Warum sind Sie hier?

Um meiner Familie in Kanada zu schreiben, die neuesten Asien-Nachrichten auf BBC zu schauen und einem Freund auf Facebook zum Geburtstag zu gratulieren.

Gehen Sie oft ins Internetcafé?

So zwei- bis dreimal in der Woche. Ich habe zu Hause kein Internet, weil im Haus die Infrastruktur fehlt. Aber vielleicht wird es schon dieses Jahr renoviert, und ich kann mein eigenes Internet einrichten.

Auf welche Website könnten Sie nie verzichten?

www.youtube.com ist mir sehr wichtig. Zum Musikhören und um in Erinnerungen zu schwelgen. Meine Freunde haben viele alte Videos hochgeladen, die ich mir regelmässig anschaue.

Fotograf: Stephan Rappo