Archiv
01. Mai 2017

Eine Suone für die 100-Franken-Note

Die Suone von Ayent wird die neue 100-Franken-Note zieren, die bis Ende 2019 in den Umlauf kommt. Eine Wanderung entlang des spektakulären Walliser Bewässerungskanals mit Johannes Gerber, der fast alles über die Geschichte der Suonen weiss. Und das Video von dem Abschnitt der Ayent-Suone, der auf der neuen Banknote verewigt wird.

Kanal Bisse d'Ayent
Der Bretterkanal an dieser Stelle der Bisse d'Ayent wird auf der neuen 100er-Note verewigt werden.

Die Rottannen lassen nur wenig Licht durch, der schattige Weg ist weich wie ein Perserteppich, und parallel dazu fliesst friedlich ein Bächlein. Beim klaren Wasser, das kaum einen halben Meter tief und eine Doppelarmlänge breit ist, handelt es sich um die Suone von Ayent. Der historische Bewässerungskanal befindet sich hoch über Sitten im Kanton Wallis. Er wird die neue 100-Franken-Note zieren, die wohl 2019 ausgegeben wird.

Johannes Gerber (30) schwärmt von der Bisse d’Ayent, wie sie in der Region heisst: «An gewissen Stellen hat diese Suone ein Gefälle von nur 1,5 Promille. Ich bin Vermessungsingenieur, trotzdem kann ich es mir nicht erklären, wie man es schon vor 500 Jahren geschafft hat, einen Bach mit einem so schwachen Gefälle zum Bewässern einzusetzen.» Gerber ist Mitglied des Vereins Walliser Suonen und Autor des Buchs «Wandern an sagenhaften Suonen».

Eine der trockensten Regionen

Der alte Bewässerungskanal von Ayent befindet sich in einer der trockensten Regionen der Schweiz und bringt das kostbare Wasser zu Wiesen und Rebbergen. «Wenn die Ernte eingefahren ist oder der erste Schnee fällt, wird das Bewässerungssystem gestoppt», sagt Gerber. «Die Suone führt lediglich von Mai/Juni bis Oktober Wasser und gehört zu den wasserreichsten.»
Er muss es wissen, denn von den rund 600 Schweizer Suonen, die mindestens ein Kilometer lang sind, hat der in Meiringen BE wohnhafte Suonenfan über 400 besucht.

DAS PANORAMA DER BISSE D'AYENT MIT BRETTERVERSCHLAG

Diejenige von Ayent zeigt sich just an der Stelle besonders spektakulär, die auf der neuen 100er-Note verewigt sein wird: Die Suonenbauer führten das Wasser in einem schmalen Bretterkanal entlang der Felsen. «Das sieht man vor allem im Unterwallis, im Oberwallis wurden Kanäle aus ausgehölten Baumstämmen verwendet», erklärt Gerber.
1831 hat man durch die Felsen einen Tunnel gesprengt. Seither fliesst die Suone von Ayent nicht mehr durch den hölzernen Kanal, sondern durch den Tunnel; der auf dem Geldschein der Nationalbank zu sehende Bretterkanal hat somit seit fast 200 Jahren nur noch eine nostalgische Bedeutung.

Der grosse Fehler des Sprengmeisters

Für Gerber ist die Anlage der Suone von Ayent besonders interessant: Felsige Passagen wechseln sich mit dem Bretterkanal und unspektakulären Abschnitten ab. Mitten im Tunnel befindet sich ein Loch im Felsen. Auch dazu hat Gerber eine Geschichte auf Lager: «Der Sprengmeister machte einen Berechnungsfehler und durchbrach an der falschen Stelle den Felsen. Das war ihm furchtbar peinlich, und er fragte schliesslich die Einheimischen, ob sie einen Ausblick aus dem Tunnel möchten.» So können sich die Besucher auch heute noch über das Missgeschick freuen, denn das Loch bietet eine schöne Aussicht – bei gutem Wetter zeichnen sich zwischen den Bäumen die Häuser von Crans-Montana ab.

«Ich weiss von keinem anderen Bewässerungstunnel, der vor so vielen Jahren in dieser Länge gebaut wurde. Das ist eine echte Pionierleistung», urteilt Gerber. Der Single ist meist allein unterwegs, wenn er entlang von Suonen wandert. Er schätzt es, wenn er das Tempo selbst bestimmen und sich Zeit zum Fotografieren nehmen kann. Drei-, viermal pro Jahr führt er auf Anfrage Kleingruppen zu den Suonen. So konnte er auch sein Ingenieurstudium finanzieren – zusammen mit dem Verkaufserlös seines Wanderbuchs.

Seine erste Suone sah der Berner Oberländer als Kind beim Wandern mit den Eltern. «Ich schrieb dann eine Schularbeit über das Bewässerungssystem. Danach hat sich das Interesse mehr und mehr entwickelt und mich nicht mehr losgelassen.» Der Geomatikingenieur ist fasziniert von der Kombination Wandern, Wasser, Technik und der Geschichte hinter den Suonen.
Im Sommer reist er praktisch jedes Wochenende vom Berner Oberland ins Wallis.

Betonkanäle fördern die Erosion

2009 trat Gerber erstmals als Experte auf, bei der internationalen Suonen-Konferenz in Sitten. Eine wesentliche Erkenntnis: Die alten Techniken sind viel nachhaltiger als die Betonmauern, die man in den 1980er-Jahren einsetzte. «Der Beton führte zwar zu null Wasserverlust. Doch das beschleunigte die Erosion, weil die Pflanzen unter dem Kanal verdursteten. Heute muss man viele dieser Mauern bereits sanieren.»

Gerber ist nun daran, diejenigen Suonen abzuklappern, die ihm in seiner Sammlung noch fehlen. So kann er das Inventar vervollständigen, das er auf der eigenen Homepage zusammengetragen hat. Zum Abschied verrät er eine seiner Lieblingssuonen: die Wyssa im Gredetschtal bei Mund ob Brig. «Sie ist sehr abenteuerlich und spektakulär, eingebettet in einer schönen Landschaft und bietet mit Känneln, Mauern und Tunnels viele interessante technische Elemente.» 

Der Wanderweg entlang der Suone von Ayent wäre komplett 18 km lang
Der Wanderweg entlang der Suone von Ayent wäre komplett 18 km lang, aber Experte Johannes Gerber rät davon ab, ihn ganz zu begehen.

Weitere Infos: www.suone.ch

Johannes Gerber: Wandern an sagenhaften Suonen, Rotten Verlag, bei Ex Libris (online) Fr. 28.80

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: André Albrecht