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02. Mai 2016

Die stillen Helfer vom SRK

Ohne Menschen wie Nadia Huser, Mathias Egger und all die anderen 73'000 ehrenamtlichen Helfer gäbe es das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) nicht. Fünf Porträts zur 150-jährigen Erfolgsgeschichte.

Annemarie Huber-Hotz
Annemarie Huber-Hotz

Tausende von Flüchtlingen drängen nach Europa. Allein 2015 haben rund 40'000 von ihnen den Weg in die Schweiz gefunden, eine Entwicklung, die vielen Menschen in unserem Land Sorgen und auch Angst bereitet.
«Die Zukunft bringt viele Herausforderungen, aber wir werden sie meistern», sagt Annemarie Huber-Hotz (67), ehemalige Bundeskanzlerin und Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). «In unserer 150-jährigen Geschichte gab es schon schlimmere Zeiten.» 1871 etwa, als die Schweiz vorübergehend 85'000 Soldaten der französischen Bourbaki-Armee aufgenommen hatte. Das SRK pflegte und versorgte die Internierten. Dann folgten die beiden Weltkriege mit vielen Verletzten und Vertriebenen.

Für mehr Menschlichkeit
Während das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hauptsächlich in Kriegsgebieten die Opfer von Konflikten betreut, hilft das SRK im Inland. «In unserem Jubiläumsjahr wollen wir das Bewusstsein für die humanitäre Tradition der Schweiz stärken», sagt Huber-Hotz. Das SRK ist unter den weltweit 190 nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften eine der aktivsten. Unter dem Moto «Für mehr Menschlichkeit» steht ein Heer von 73'000 Freiwilligen im Dienst der Allgemeinheit.

«Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist auch heute noch gross», sagt Huber-Hotz. Allerdings verändere sich die Form der Freiwilligenarbeit: «Früher war es einfacher, die Leute langfristig für eine bestimmte Aufgabe zu begeistern. Heute möchten viele ihre Energie lieber punktuell und projektbezogen einsetzen.» Wobei dies dann manchmal auch der Anfang eines längerfristigen Engagements sei.

Langfristig verpflichtet hat sich etwa Mathias Egger, der vor rund 20 Jahren nach einem Nothilfekurs Samariter wurde und inzwischen Präsident eines kantonalen Verbands ist. Oder Nadia Huser, die gemeinsam mit ihrer vierjährigen Tochter einen tamilischen Kindergärtler zum Spielen und Plaudern zu sich einlädt. Diese und weitere Beispiele zeigen, dass die Freiwilligen mit ihrem Engagement nicht nur anderen helfen, sondern dabei auch immer viel für sich selbst gewinnen. 

DIE KINDERBETREUERIN

Nadia Huser
Kinderbetreuerin Nadia Huser

Nadia Huser (37), Zürich

«Für die Freiwilligenarbeit interessiere ich mich eigentlich erst, seit ich Lucy (4) habe. Meine Tochter ging früher in eine Krabbelgruppe und ins Kindermalen in verschiedenen Gemeinschaftszentren. Da gab es Leute, die sich völlig selbstlos für sie ­engagierten. Das ­beeindruckte mich – ich wollte etwas ­zurückgeben.

Bloss was? Ich bin Betriebsökonomin und habe wenig Erfahrung im sozialen Bereich. Auch sollte es etwas sein, das ich gut in meinen Alltag integrieren kann. So bin ich schliesslich auf das Integrationsangebot «mitten unter uns» vom Roten Kreuz gestossen. Hier kümmern sich Gastgeberinnen und Gastgeber stundenweise um Migrantenkinder und Jugendliche.

Ajenth (5) kommt aus Sri Lanka und verbringt immer den Dienstagnachmittag mit Lucy und mir. Das passt super: Am Dienstag ist sowieso immer Mamitag, Lucy hat einen Spielkameraden, und Ajenth spricht Deutsch und lernt den Schweizer Alltag kennen.

Spannend ist auch der Kontakt mit den Eltern, die Begegnung mit dem Fremden. Kürzlich waren wir bei ihnen zum Essen eingeladen. Sie haben meinen Horizont erweitert. Bald findet ein Treffen unter den Gastgebern statt.»

DIE HUNDEFÜHRERIN

Hundeführerin Silke Franzen
Hundeführerin Silke Franzen

Silke Franzen (39), Perlen LU

«Sam (8) ist ein Jagdhundemischling. Eine solche Spürnase muss man beschäftigen. Da ich mit der Jagd nichts anfangen kann, habe ich ihn für die Vermisstensuche ausgebildet. Diese dauerte drei Jahre.
Pro Woche trainieren wir etwa zehn Stunden. Wir haben schon an zahlreichen Einsätzen teilgenommen.

Jedes Jahr werden hierzulande rund 3000 Personen als vermisst gemeldet. Normalerweise werden wir von der Polizei aufgeboten, die uns Geländeabschnitte zuweist, in denen der Vermisste vermutet wird. Privatpersonen können uns jedoch ebenfalls zu Hilfe rufen. Kostenlos.

Die Ungewissheit, wenn Menschen spurlos verschwinden, frisst die Angehörigen auf. Einmal wurden wir fündig. Gesucht war ein junger Mann, der seit mehreren Tagen als vermisst galt. Sam hat ihn in einem unzugänglichen Waldstück aufgestöbert. Der Vermisste war körperlich unversehrt, lag aber reglos da. Er gab keine Antwort, atmete nicht und hatte keinen Puls. Ich rief sofort den Einsatzleiter.
Natürlich hätten wir lieber ein Happy End gehabt. Vergebens war unsere Arbeit aber nicht: Die Angehörigen waren froh, dass ihre Ungewissheit ein Ende hatte.»

DER ROTKREUZFAHRER

Rotkreuzfahrer François Reinhard
Rotkreuzfahrer François Reinhard

François Reinhard (67), Bévilard BE

«Dass ich Chauffeur für das Rote Kreuz wurde, war Zufall. Vor sieben Jahren bat mich ein Bekannter, ihn zum Arzt zu begleiten. Ich war bereits pensioniert, wollte aber nicht nur herumsitzen und hatte mir schon länger überlegt, was ich denn noch tun könnte.
Auf dem Weg zum Termin fragte mein Freund: ‹Hast du schon mal an den Fahrdienst des Roten Kreuzes ­gedacht?› Ich hatte ­davon gehört, aber ehrlich ­gesagt: Der ­Gedanke, mich um Leute zu ­kümmern, die alt und gebrechlich sind, machte mir Angst. Ich entschloss mich dann aber doch, mich zu infor­mieren. Ich ­besuchte das Büro an einem Freitag – am Montag fuhr ich bereits den ersten ­Einsatz.

Zu Beginn dachte ich, meine Aufgabe würde sich auf den Fahrdienst beschränken. Bald aber schon realisierte ich, dass ich mehr als ein Chauffeur bin. Nach ein paar Fahrten erzählen mir meine Fahrgäste oft ihr ganzes Leben.
Da war zum Beispiel die Dame, die ich fünfmal pro Woche zur Chemotherapie begleitet habe. Sie sagte mir nach der sechswöchigen Behandlung: ‹Die Fahrten mit Ihnen ­haben mir ebenso gutgetan wie die ­Therapiestunden.› Solche Worte sind um vieles wertvoller als ein Salär.»

DER SAMARITER

Samariter Mathias Egger
Samariter Mathias Egger

Mathias Egger (35), Scuol GR

«Wenn man weiss, was bei einem Notfall zu tun ist, kann man Leben retten. Das hat mich vor 20 Jahren nach einem Nothilfekurs in der Oberstufe dazu bewogen, dem Samariterverein beizutreten.
Doch das Bild vom barmherzigen Samariter, den man aus der Bibel kennt, stimmt nicht ganz. Mein Engagement ist nicht uneigennützig. In den vergangenen 20 Jahren habe ich dank der Samariterbewegung unglaublich viel erlebt und gelernt: Einsätze an Sportanlässen und Open Airs, der Aufbau einer Jugendgruppe und die Leitung von Lagern.

Der Verein investierte auch in meine Ausbildung. Ich wuchs im Appenzellerland auf, studierte in Freiburg Psychologie und lebe heute im Unterengadin. Überall war der Samariterverein eine Heimat für mich.
Ich bin Präsident des Bündner Samariterverbands und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Sama­riterbundes. Meine Vereinstätigkeit hat mir den Berufseinstieg erleichtert: Auch bei meiner Arbeit als Psychologe steht der Mensch im Zentrum.»

IM JUGENDROTKREUZ

Stella Nüssli vom Jugendrotkreuz
Stella Nüssli vom Jugendrotkreuz

Stella Nüssli (21), Romanshorn TG

«Ich bin Pflegefachfrau in Ausbildung. Bei der Freiwilligenarbeit fürs Rote Kreuz kann ich mir alle Zeit der Welt nehmen, was im Arbeitsalltag nicht immer möglich ist. Mit relativ wenig Einsatz kann ich anderen viel Freude bereiten. Das spornt mich an und macht mir unglaublich viel Spass. Ich engagiere mich pro Monat zehn bis zwanzig Stunden für das Jugendrotkreuz. Wir veranstalten zum Beispiel Spielnachmittage für Kinder und Jugendliche im Asylzentrum Thurhof in Oberbüren SG.

Viele Flüchtlingskinder kamen unbegleitet in die Schweiz und langweilen sich im Zentrum. Wir organisieren Ball- oder Brettspiele, malen mit Strassenkreide und zeitweise plaudern wir auch einfach. Ja, das geht. Die Kids gehen in den Sprachunterricht und wollen mit uns Deutsch üben.

Ganz anders und doch ähnlich sind die Nachmittage, die wir im Wohn- und Pflegeheim Flawil SG organisieren. Hier spielen wir Scrabble oder ein Quiz, backen oder kochen gemeinsam.
Sowohl die Einsätze im Zentrum für Asylbewerber wie auch im Altersheim sind eine enorme Bereicherung: Die alten Leute haben so viel Lebenserfahrung, und die Flüchtlingskinder haben auf ihrem Weg in die Schweiz oft Unglaubliches erlebt.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Gabi Vogt